26. AUGUST 2011
»Die anderen weichen uns aus«
Interview mit der taz vom 26. August 2011
André Brie, Wahlkampfmanager der Linkspartei, beklagt den langweiligen Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern. Die Chancen für ein rot-rotes Bündnis sieht er gedämpft.
taz: Herr Brie, die SPD wirft der Linkspartei in Schwerin vor, soziale Wohltaten auf Pump zu versprechen. Ist da was dran?
Andre Brie: Nein, das ist Unsinn. Dass Mecklenburg-Vorpommern keine
neuen Schulden macht, ist maßgeblich ein Verdienst der rot-roten
Regierung, die bis 2006 den Haushalt konsolidiert hat. Und unsere
aktuellen Forderungen sind doch bescheiden.
Sie wollen einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor, einkostenloses Mittagessen an den Schulen und 1250 neuen Lehrer bis 2016.
Wer soll das bezahlen?
Das kostenlose Mittagessen für Schulen und Kitas kostet das Land weniger
als 10 Millionen Euro im Jahr. Teuer ist - das stimmt - die
Neuanstellung von Lehrern. Aber es gibt in Mecklenburg-Vorpommern 16,8
Prozent Schulabbrecher, im Bundesschnitt sind es 3,5. Um das zu ändern,
brauchen wir mehr Lehrer.
Wer bezahlt das?
Wenn wir aufhören sinnlose Prestigeprojekte wie Flughäfen und Skihallenauf dem flachen Land zu fördern, werden Gelder frei. Langfristig sparen
wir mit der Investitionen in Lehrer. Die Schulabbrecher werden ja oft
Empfänger von Transfergeldern.
Der Wahlkampf ist ziemlich gemütlich...
Ja, er ist langweilig. Es gibt kaum Zuspitzungen..
Sie sind Wahlkampfmanager der großen Oppositionspartei. Warum spitzenSie nicht zu?
Na, alleine schafft man das nicht. Man kann keine Konfrontationaufbauen, wenn die anderen ausweichen.
Die Arbeitslosigkeit ist seit 2007 um ein Drittel gesunken, es gibt mehr
Ausbildungsplätze als Jugendliche, beides wegen der Demographie. Ist der
Wahlkampf deshalb so lahm?
Nein, Die soziale Lage ist auch nicht rosig. Es gibt zwar weniger
Arbeitslose, aber dafür mehr prekäre Jobs. Das Grundproblem ist: 75
Prozent der unter 25-jährigen arbeiten hier im Niedriglohnsektor,
insgesamt sind es 40 Prozent aller Beschäftigten. Das ist nicht nur
sozial, sondern auch ökonomisch ein Problem. Es gibt hier wenig
Exportindustrie, dafür viel Klein- und mittelständische Unternehmer, die
von der Binnennachfrage leben. Und die Kaufkraft ist, weil die Löhne so
niedrig sind, bescheiden. Der Mindestlohn ist die einzige echte
Kontoverse im Wahlkampf. Linke und SPD wollen ihn, CDU und FDP nicht.
In rot-roten Regierungen wirkt die Linkspartei oft sehr brav und wie ein
Anhängsel der SPD. Sehen Sie diese Gefahr?
Ja, das ist ein Problem. Die Grünen haben in rot-grünen Bündnissen eine
klare Rolle als der ökologischen Part. Linkspartei und SPD sind hingegen
Stiefgeschwister. Da ist die Unterscheidbarkeit schwieriger. Natürlich
muss die Linke in der Regierung beides tun: verlässlicher Partner sein
und ein eigenes Profil haben. Das ist in Berlin vor 2006 schlechter,
danach besser gelungen.
Und was unterscheidet die Linkspartei in Mecklenburg-Vorpommern von der SPD?
Unser ökologische Profil. Die SPD war ja für das Steinkohlekraftwerk in
Lubmin, wir waren dagegen. Antikapitalismus und Kapitalismuskritik
nutzen hingegen auf Landesebene nicht viel. Wir müssen uns anders
abheben: durch Bürgernähe, Transparenz, Bescheidenheit, soziales Engagement.
Die Linkspartei will in Schwerin regieren. Wäre Opposition nicht einfacher?
Doch. Münteferings Satz "Opposition ist Mist" stimmt für uns als Partei
überhaupt nicht. In der Opposition können wir viel leichter Wähler
ansprechen. Aber wir wollen etwas für das Land erreichen.
Die SPD-Führung schließt Rot-Rot nicht aus, ist aber wenig begeistert davon.
Ja, in der SPD wollen starke Kräfte die bequeme Koalition mit der CDU
fortsetzen. Aber die SPD hat ein sehr linkes Wahlprogramm, das sie mit
der CDU nicht umsetzen kann. Das Wichtigste ist: Mecklenburg-Vorpommern
hat als Niedriglohnland kein Zukunft. Das wissen auch Teile der
Unternehmer. Und das wird nur Rot-Rot ändern.
Wie stehen Sie Chancen für Rot-Rot?
40 : 60.
Das Interview führte Stefan Reinecke
Quelle: www.taz.de |