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Auszug aus
der Rede zum 80. Geburtstag von Jakob Moneta
veröffentlicht in:
Möglichkeiten und Inhalte
sozialistischer Politik nach dem sozialistischen Scheitern;
in: Jürgen
Hinzer/Helmut
Schauer/Franz Segbers (Hrsg.): Perspektiven der Linken; VSA-Verlag Hamburg
2000, S. 62-84
...Politik
ist niemals risikolos. Max Webers Bild, Politik sei das Bohren von dicken
Brettern mit Augenmaß und Leidenschaft, ist wohl noch viel zu mechanisch.
Nur die Linke benötigt wirklich neben dem Augenmaß, dem Realismus, auch
die Leidenschaft, eine Wertorientierung, eine gesellschaftliche Vision.
Wir haben als Linke heute – der Krieg der NATO gegen Jugoslawien, das
Umfallen von SPD und Grünen oder der Rücktritt Lafontaines haben das nur
allzu deutlich gemacht – nicht nur ein dickes Brett vor uns, sondern
wahrscheinlich einen ganzen Betonblock, und der Bohrer, den wir benutzen,
ist sicherlich auch längst noch nicht der schärfste und härteste. Überhaupt
ist Politik, wie doch jeder von uns weiß, ganz selten auf einem geraden
Weg erfolgreich. Lenin sprach selbst in revolutionären Zeiten – und von
denen sind wir weit, weit entfernt – davon, dass sie nur zwei Schritte
vorwärts machen könne, indem sie einen zurück mache. Wir – wie die
ganze europäische und auch die außereuropäische Linke – sind auf der
Suche nach den Wegen zu einer sozialistischen Alternative. Es kann und
wird dies nur das gemeinsame Ergebnis gemeinsamer geistiger, politischer
und auch theoretischer Anstrengungen sein können. Vieles ist ungeklärt
und umstritten. Aber ich denke, uns eint die Überzeugung, dass eine
Alternative zum Kapitalismus nicht nur notwendig und möglich, sondern
sogar dringlicher ist als zu Marxens Zeiten. Die Frage nach einer
gesellschaftlichen Alternative zum gegenwärtigen Kapitalismus ist zur
Frage nach der Existenz der Menschheit geworden. Es gehört zur Dramatik
und der von uns verschuldeten Tragik, dass dies zu einem Zeitpunkt der
Fall ist, zu dem die sozialistische Idee zumindest in Europa durch den
Kollaps von 1989/90 diskreditiert und geschwächt ist. Aber die
sozialistische Idee ist seit dem auch wieder frei. Jakob Monetas
Geburtstag hat Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, trotzkistische
Genossinnen und Genossen, religiöse und atheistische Sozialistinnen und
Sozialisten zusammengebracht. Wenn wir lernen, mit einander so zu
streiten, wie es Jakob mit uns allen tut, dann besteht die Chance, dass
wir die neuen sozialistischen Möglichkeiten besser als in der
Vergangenheit nutzen.
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