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André
Brie, 27. April 2004, Beitrag für die "zeitung", Brandenburg
Jürgen
S., einer meiner Nachbarn, ein Maurer, Mitte vierzig, ist seit sieben
Jahren arbeits- und chancenlos in dieser Gesellschaft. Er war ein guter
Maurer, akribisch und zuverlässig. Nun erlebe ich an ihm die Zerstörung
eines Menschen durch soziale Ausgrenzung, Einsamkeit, durch das Gefühl,
nicht gebraucht zu werden. Ab 1. Januar 2005 sollen Langzeitarbeitslose
nur noch 331 Euro im Osten, 345 im Westen erhalten, so sieht es Hartz IV
vor. Jürgen S. meinte unlängst zu mir, dass er sich dann aufhängen könne.
Und mir fiel es schwer, ihm Mut zu machen.
Die Politik in Deutschland und in der EU ist ein Skandal. Angeblich
sei kein Geld mehr da für den Sozialstaat. Aber die Konzerne, Großbanken
und Reichen werden begünstigt. Ihre steuerliche Entlastung unter SPD und
Grünen lässt sich mit rund 100 Milliarden Euro beziffern, nicht
gerechnet das gebrochene Wahlversprechen, die Vermögensteuer wieder zu
erheben. Die Kommunen, Kranke, Rentnerinnen und Rentner, Arbeitslose,
Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger werden geschröpft. Die
Betroffenen werden zudem diffamiert und verhöhnt, denn eine der
stereotypen Begründungen heißt immer wieder: Man müsse den Druck auf
Arbeitslose erhöhen. Als ob es Arbeitsplätze für sie überhaupt gebe,
von solchen, die ein menschenwürdiges Leben ermöglichen ganz zu
schweigen. Ein anderer Nachbar aus meinem Dorf fährt seit Jahren in jeder
Nacht zum Montag mit 14 Kollegen aus der Region 700 km nach Aachen,
Freitag zurück: zur Asbestentsorgung. Mehr Bereitschaft, für eine
Arbeitsstelle, alles zu tun, ist nicht vorstellbar. Darüber, und wie man
von 331 Euro im Monat leben soll, werden die regierenden Politiker und
jene der CDU/CSU (Norbert Blüm ausgenommen) oder die satten Chefs der
Unternehmerverbände nicht nachdenken.
Die Europawahl am 13. Juni werden zunächst nicht sehr viele
Menschen mit solchen Fragen verbinden. Vor fünf Jahren haben in
Brandenburg gerade 30 Prozent der Wahlberechtigten von ihrem Stimmrecht
Gebrauch gemacht. Aber viele der Rahmenbedingungen werden im Europäischen
Rat und vom Europäischen Parlament beschlossen, von der Kommission mit
sozialer Kälte exekutiert. Der Verfassungsvertrag für die EU wird ein
erbarmungsloser Marktradikalismus in den Verfassungsrang heben.
Alternativen wie eine Sozialunion, Mindestlöhne, soziale Standards, öffentliche
Investitions- und Wirtschaftspolitik und Schritte zur Steuerharmonisierung
werden bisher blockiert und totgeschwiegen. Wer sich nicht mit der
sozialen Spaltung der Gesellschaft und dem unsozialen Amoklauf der
Regierenden und ihrer CDU/CSU-"Opposition" abfinden will, kann
das am 13. Juni mit seiner Stimme für die PDS wirkungsvoll ausdrücken.
Es wird gerade in Brandenburg nicht einfach (in anderen Ländern
finden gleichzeitig Kommunalwahlen, in die Thüringen die Landtagswahl
statt), aber wer in der PDS wirklich dafür brennt, sich mit der
herrschenden Politik nicht abzufinden, alternative Politik auf den Weg zu
bringen, sollte in den nächsten Wochen für den Europawahlkampf
engagieren und vor allem mit den Menschen in seiner Umgebung sprechen. Es
geht für die PDS um viel, vor allem aber geht es um ein unüberhörbares
Signal für eine andere Politik.
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