ANDRÉ BRIE    
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Subjektive Berichte über das untergegangene Land würden sehr stark voneinander abweichende Bilder ergeben, so als habe es tatsächlich nicht eine DDR gegeben, sondern viele. Wobei dies gewiss keine Eigenart der DDR war und ist. Auch Bürgerinnen und Bürger der alten Bundesrepublik würden ihr Land ganz unterschiedlich beschreiben, je nachdem, wie es ihnen dort ergangen ist. Nur sind die Gegensätze im Fall der DDR schärfer gewesen, wofür es viele Gründe gibt.

In der Generation meiner Eltern gab es vom Kriegsende an einen krassen Unterschied im Verhältnis zu dem Land, das da entstand. Da waren auf dem einen Pol diejenigen, die sofort den Weg in die westlichen Besatzungszonen gingen, weil sie panische Angst vor den Russen hatten. Das waren beileibe nicht nur hochrangige Nazis, Kriegsverbrecher, Großgrundbesitzer und Großunternehmer, obwohl es deren nicht wenige gab, die sehr schnell aus der sowjetischen Besatzungszone flohen. Das waren auch Menschen, in denen der Antikommunismus sehr tief saß, das waren ehemalige Wehrmachtsangehörige, die vieles von dem wussten, was die Deutschen in der UdSSR angerichtet hatten und die Rache der Sieger fürchteten. Es herrschte damals in Deutschland eine verbreitete Stimmung, die eine Rangordnung unter den Besatzungsmächten empfand: Am schlimmsten wird es bei den Russen sein, nicht viel weniger schlimm bei den Franzosen (also bei denen, die deutschen Überfall und deutsche Besatzung erlebt hatten), wesentlich besser bei den Amerikanern und am besten bei den Briten, die in dem Ruf standen, die „ritterlichsten“ Sieger zu sein. Und dann gab es junge Leute, die überhaupt aus Deutschland hinaus wollten, weil sie meinten, in einem besetzten, in der Welt geächteten Land keine Perspektive zu haben. Aber diese Gruppe existierte auch in den westlichen Besatzungszonen.

Den anderen Pol bildeten diejenigen, die hofften, unter einer sozialistischen Besatzungsmacht die Möglichkeit zu haben, eine grundlegend neue Ordnung aufzubauen, mit der all das überwunden werden sollte und konnte, was den schrecklichen deutschen Weg vom Ersten Weltkrieg über die Nazidiktatur bis zum Zweiten Weltkrieg und zur Shoa geebnet und gekennzeichnet hatte.

Dieser Teil der Bevölkerung erlebte zunächst einen harten, von Hunger und Mangel beschwerten, aber über alle Maßen hoffnungsvollen Beginn einer neuen Zeit, dem sie ihre ganze Kraft widmeten. Der Begriff hieß „antifaschistisch-demokratische Ordnung“ und der war eine Zeit lang durchaus kein Abstraktum, sondern sehr konkret erfassbar. Damals junge Leute, die sich der neuen politischen Ordnung öffneten, lernten in Kunst und Literatur eine Welt kennen, die ihnen bis dahin von den Nazis verschlossen war. Lessings „Nathan“ kam auf die Bühne, Hindemith und Schostakowitsch wurden gespielt, es gab Bilder zu entdecken, die von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkt und vor dem Volk versteckt worden waren. In der Freien deutschen Jugend, die an ihre Mitglieder zunächst keine anderen politischen Anforderungen stellte als antifaschistisch und demokratisch zu sein, ging es lebhaft zu, wurde debattiert und gestritten. Unterschiedliche Parteien mit unterschiedlichen Weltanschauungen warben um Mitglieder, Wählerinnen und Wähler. Es gab unendlich viel harte körperliche und geistige Arbeit bei der materiellen und ideellen Trümmerbeseitigung. Jeder Tag brachte neue Probleme, aber auch sichtbare und spürbare Fortschritte zum Besseren.

Doch wurden auch schon Probleme sichtbar, die manche als vorübergehend ansahen, andere aber als grundlegend und unerträglich. Die Bestrebungen, SPD und KPD zu vereinigen, wurden von Mitgliedern beider Parteien begrüßt und von Mitgliedern beider Parteien abgelehnt. Wie sich diese Ansichten quantitativ verteilten, wird nie mehr zu ermitteln sein. Der Druck, der bald von kommunistischer Seite und von der Besatzungsmacht auf Vereinigungsgegner ausgeübt wurde, trieb jedoch mehr Sozialdemokraten als Kommunisten zur Resignation und zum Verlassen der sowjetischen Besatzungszone. Sie sahen die absolute Dominanz des bolschewistischen Parteimodells auf sich zukommen, die sie fürchteten. Dies um so mehr, wenn sie davon erfuhren, dass sozialdemokratische Einheitsgegner „abgeholt“ worden waren, oft mit unbekanntem Schicksal.

Doch wäre es ganz falsch, das Wirken der sowjetischen Besatzungsorgane nur unter dem Aspekt des Drucks und der Gewalt zu sehen. Viele sowjetische Offiziere, vor allem im Bereich Kultur und Information, bemühten sich geradezu hingebungsvoll um die Gewinnung der Deutschen für eine antifaschistisch-demokratische Kultur im weitesten Sinne. Sie mussten die deutsche Sprache beherrschen, waren also überwiegen Intellektuelle, darunter nicht wenige Juden, die eine enge Beziehung zu deutscher Geschichte und Kultur hatten. Es ist wahrlich mehr als eine Legende, dass häufig sowjetische Kulturoffiziere deutsche Jugendliche erstmals mit Heinrich Heine bekannt machten.

In vieler Hinsicht vollzog sich die politische Entwicklung in den ersten Nachkriegsjahren in einer Richtung, die durchaus dem entsprach, was dann 1949 in der ersten Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik fixiert wurde. Sie legte solche Grundrechte fest wie die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, persönliche Freiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung, Postgeheimnis, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit, das Recht, Vereine, Gesellschaften und Gewerkschaften zu bilden, Glaubens- und Gewissensfreiheit, aber auch soziale Grundrechte wie das auf Arbeit, Erholung, jährlichen Urlaub, Versorgung bei Krankheit und Alter, auf Wohnung, Bildung, maßgebliche Mitbestimmung der Arbeiter und Angestellten bei der Regelung von Produktion, Lohn und Arbeitsbedingungen. Die Gründungsverfassung sah ein Mehrparteiensystem vor und bestimmte, dass Abgeordnete Vertreter des ganzen Volkes seien.

Dass einige der Verfassungsbestimmungen zu dieser Zeit den Charakter von Zielen hatten, wie etwa das Recht auf Wohnung, war angesichts der immer noch schier erdrückenden Schwierigkeiten des Aufbaus der Nachkriegsjahre eher selbstverständlich als verwunderlich. Doch waren diese Jahre für diejenigen, die ein antifaschistisches, demokratisches Deutschland schaffen wollten, eine Zeit des Aufbruchs, geistiger Freiheit, großer Hoffnungen auf ein besseres Leben, und das keineswegs nur in materieller Hinsicht.

Mit dem Übergang der SED zu einer „Partei neuen Typus“ nach sowjetischem Vorbild begann dann aber eine Periode geistiger Einengung und bald auch Erstarrung, die sich auf vielen Gebieten des Lebens bemerkbar machte. Innerhalb der Partei trieb der Stalin-Kult bizarre Blüten. Es wurde üblich, bei größeren Versammlungen ein „Ehrenpräsidium“ zu „wählen“, an dessen Spitze stets der weise Führer und Lehrer des Weltproletariats stand. In einer solchen semireligiösen Atmosphäre schwanden die Möglichkeiten sachlicher Debatte. Kritik an „führenden Genossen“ wurde unmöglich.

Die Freie Deutsche Jugend nahm um so mehr bürokratische Züge an, je näher sie dem von Honecker gesetzten Ziel eines „stolzen Millionenverbandes“ nach dem Muster des sowjetischen Komsomol kam (von vielen Jugendlichen satirisch „Stomiveba“ abgekürzt). Stimmungen in der Mitgliedschaft, die der Ansicht der Verbandsführung widersprachen, wurden zurückgewiesen. So gab es z. B. Widerstand gegen den Aufbau von Fanfarenzügen, die viele Jugendliche noch aus der Hitlerjugend in Erinnerung hatten. Mit dem Hinweis, dass auch der Komsomol Fanfaren benutze, wurde dieser Widerstand gebrochen. Auch der Einführung der Blauhemden mit Schulterklappen standen viele Jugendliche ablehnend gegenüber. Das wurde ebenfalls zurückgewiesen, obwohl in dieser Sache der Komsomol nicht als Vorbild hingestellt werden konnte.

Der freien Entfaltung des kulturellen Lebens in den ersten Nachkriegsjahren folgte mit der „Formalismusdiskussion“ eine neuerliche Einengung, die nicht nur bildende Kunst und Architektur berührte.

Nach den freien Wahlen von 1946 traten 1950 bei der ersten Volkskammerwahl die Parteien – es waren inzwischen seit der Gründung der Nationaldemokratischen und der Bauernpartei 1948 fünf geworden – nicht mehr einzeln an, sondern als Block mit einer Einheitsliste. Wenn auch viele Bürgerinnen und Bürger das Argument nicht rundweg ablehnten, in dieser Zeit des komplizierten Neuaufbaus und der starken internationalen und innerdeutschen Spannungen des kalten Krieges müssten die demokratischen Parteien an einem Strick in die gleiche Richtung ziehen, dürften sich nicht in Wahlkämpfen gegenseitig befeinden, so löste es dann am Wahltag Empörung und auch Resignation aus, als die Wählerinnen und Wähler merkten, dass die Wahlkabinen in der fernsten Ecke des Wahlraums aufgestellt waren, so dass „offenes Wählen“ geradezu aufgenötigt wurde, und sich in der Kabine nicht einmal ein Bleistift befand, mit dem der Wahlzettel hätte ungültig gemacht werden können. Von da an verkamen die Wahlen in der DDR zum bloßen Ritual ohne echte Wahlmöglichkeit.

 Dennoch gab es nicht nur den Bruch mit den Grundsätzen der antifaschistisch-demokratischen Ordnung der ersten Nachkriegsjahre, sondern auch Kontinuität. Antifaschistischer Grundkonsens aller Parteien und Organisationen. Immer wieder Hoffnung auf mehr Offenheit und Demokratie: Neuer Kurs 1953, Veränderungen nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, das NÖS in den sechziger Jahren, Rechte der Werktätigen in den Betrieben, generell Schaffung neuer Gesetze, die verständlich, ohne Anwaltshilfe durchschaubar (z. B. Strafrecht - soweit außerhalb des politischen Strafrechts - , Familienrecht, Arbeitsrecht), Honeckers anfängliche Versprechungen für offenere Kulturpolitik etc. und am Ende die Hoffnungen auf Perestroika und Glasnost. Ohne diese Momente wäre nicht zu erklären, dass so viele Menschen aus Überzeugung der SED die Treue hielten. Andererseits schien vielen vieles in der restriktiven und engherzigen ideologischen Haltung der SED-Führung durch Kalten Krieg und militante Feindschaft der BRD gegenüber der DDR gerechtfertigt.      

 
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