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Subjektive Berichte über
das untergegangene Land würden sehr stark voneinander abweichende Bilder
ergeben, so als habe es tatsächlich nicht eine DDR gegeben, sondern
viele. Wobei dies gewiss keine Eigenart der DDR war und ist. Auch Bürgerinnen
und Bürger der alten Bundesrepublik würden ihr Land ganz unterschiedlich
beschreiben, je nachdem, wie es ihnen dort ergangen ist. Nur sind die
Gegensätze im Fall der DDR schärfer gewesen, wofür es viele Gründe
gibt.
In der Generation meiner
Eltern gab es vom Kriegsende an einen krassen Unterschied im Verhältnis
zu dem Land, das da entstand. Da waren auf dem einen Pol diejenigen, die
sofort den Weg in die westlichen Besatzungszonen gingen, weil sie panische
Angst vor den Russen hatten. Das waren beileibe nicht nur hochrangige
Nazis, Kriegsverbrecher, Großgrundbesitzer und Großunternehmer, obwohl
es deren nicht wenige gab, die sehr schnell aus der sowjetischen
Besatzungszone flohen. Das waren auch Menschen, in denen der
Antikommunismus sehr tief saß, das waren ehemalige Wehrmachtsangehörige,
die vieles von dem wussten, was die Deutschen in der UdSSR angerichtet
hatten und die Rache der Sieger fürchteten. Es herrschte damals in
Deutschland eine verbreitete Stimmung, die eine Rangordnung unter den
Besatzungsmächten empfand: Am schlimmsten wird es bei den Russen sein,
nicht viel weniger schlimm bei den Franzosen (also bei denen, die
deutschen Überfall und deutsche Besatzung erlebt hatten), wesentlich
besser bei den Amerikanern und am besten bei den Briten, die in dem Ruf
standen, die „ritterlichsten“ Sieger zu sein. Und dann gab es junge
Leute, die überhaupt aus Deutschland hinaus wollten, weil sie meinten, in
einem besetzten, in der Welt geächteten Land keine Perspektive zu haben.
Aber diese Gruppe existierte auch in den westlichen Besatzungszonen.
Den anderen Pol bildeten
diejenigen, die hofften, unter einer sozialistischen Besatzungsmacht die Möglichkeit
zu haben, eine grundlegend neue Ordnung aufzubauen, mit der all das überwunden
werden sollte und konnte, was den schrecklichen deutschen Weg vom Ersten
Weltkrieg über die Nazidiktatur bis zum Zweiten Weltkrieg und zur Shoa
geebnet und gekennzeichnet hatte.
Dieser Teil der
Bevölkerung erlebte zunächst einen harten, von Hunger und Mangel
beschwerten, aber über alle Maßen hoffnungsvollen Beginn einer neuen
Zeit, dem sie ihre ganze Kraft widmeten. Der Begriff hieß „antifaschistisch-demokratische
Ordnung“ und der war eine Zeit lang durchaus kein Abstraktum, sondern
sehr konkret erfassbar. Damals junge Leute, die sich der neuen politischen
Ordnung öffneten, lernten in Kunst und Literatur eine Welt kennen, die
ihnen bis dahin von den Nazis verschlossen war. Lessings „Nathan“ kam
auf die Bühne, Hindemith und Schostakowitsch wurden gespielt, es gab
Bilder zu entdecken, die von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkt und
vor dem Volk versteckt worden waren. In der Freien deutschen Jugend, die
an ihre Mitglieder zunächst keine anderen politischen Anforderungen
stellte als antifaschistisch und demokratisch zu sein, ging es lebhaft zu,
wurde debattiert und gestritten. Unterschiedliche Parteien mit
unterschiedlichen Weltanschauungen warben um Mitglieder, Wählerinnen und
Wähler. Es gab unendlich viel harte körperliche und geistige Arbeit bei
der materiellen und ideellen Trümmerbeseitigung. Jeder Tag brachte neue
Probleme, aber auch sichtbare und spürbare Fortschritte zum Besseren.
Doch wurden auch schon
Probleme sichtbar, die manche als vorübergehend ansahen, andere aber als
grundlegend und unerträglich. Die Bestrebungen, SPD und KPD zu
vereinigen, wurden von Mitgliedern beider Parteien begrüßt und von
Mitgliedern beider Parteien abgelehnt. Wie sich diese Ansichten
quantitativ verteilten, wird nie mehr zu ermitteln sein. Der Druck, der
bald von kommunistischer Seite und von der Besatzungsmacht auf
Vereinigungsgegner ausgeübt wurde, trieb jedoch mehr Sozialdemokraten als
Kommunisten zur Resignation und zum Verlassen der sowjetischen
Besatzungszone. Sie sahen die absolute Dominanz des bolschewistischen
Parteimodells auf sich zukommen, die sie fürchteten. Dies um so mehr,
wenn sie davon erfuhren, dass sozialdemokratische Einheitsgegner „abgeholt“
worden waren, oft mit unbekanntem Schicksal.
Doch wäre es ganz falsch,
das Wirken der sowjetischen Besatzungsorgane nur unter dem Aspekt des
Drucks und der Gewalt zu sehen. Viele sowjetische Offiziere, vor allem im
Bereich Kultur und Information, bemühten sich geradezu hingebungsvoll um
die Gewinnung der Deutschen für eine antifaschistisch-demokratische
Kultur im weitesten Sinne. Sie mussten die deutsche Sprache beherrschen,
waren also überwiegen Intellektuelle, darunter nicht wenige Juden, die
eine enge Beziehung zu deutscher Geschichte und Kultur hatten. Es ist
wahrlich mehr als eine Legende, dass häufig sowjetische Kulturoffiziere
deutsche Jugendliche erstmals mit Heinrich Heine bekannt machten.
In vieler Hinsicht vollzog
sich die politische Entwicklung in den ersten Nachkriegsjahren in einer
Richtung, die durchaus dem entsprach, was dann 1949 in der ersten
Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik fixiert wurde. Sie legte
solche Grundrechte fest wie die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau,
persönliche Freiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung, Postgeheimnis, das
Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit, das Recht,
Vereine, Gesellschaften und Gewerkschaften zu bilden, Glaubens- und
Gewissensfreiheit, aber auch soziale Grundrechte wie das auf Arbeit,
Erholung, jährlichen Urlaub, Versorgung bei Krankheit und Alter, auf
Wohnung, Bildung, maßgebliche Mitbestimmung der Arbeiter und Angestellten
bei der Regelung von Produktion, Lohn und Arbeitsbedingungen. Die Gründungsverfassung
sah ein Mehrparteiensystem vor und bestimmte, dass Abgeordnete Vertreter
des ganzen Volkes seien.
Dass einige der
Verfassungsbestimmungen zu dieser Zeit den Charakter von Zielen hatten,
wie etwa das Recht auf Wohnung, war angesichts der immer noch schier erdrückenden
Schwierigkeiten des Aufbaus der Nachkriegsjahre eher selbstverständlich
als verwunderlich. Doch waren diese Jahre für diejenigen, die ein
antifaschistisches, demokratisches Deutschland schaffen wollten, eine Zeit
des Aufbruchs, geistiger Freiheit, großer Hoffnungen auf ein besseres
Leben, und das keineswegs nur in materieller Hinsicht.
Mit dem Übergang der SED
zu einer „Partei neuen Typus“ nach sowjetischem Vorbild begann dann
aber eine Periode geistiger Einengung und bald auch Erstarrung, die sich
auf vielen Gebieten des Lebens bemerkbar machte. Innerhalb der Partei
trieb der Stalin-Kult bizarre Blüten. Es wurde üblich, bei größeren
Versammlungen ein „Ehrenpräsidium“ zu „wählen“, an dessen Spitze
stets der weise Führer und Lehrer des Weltproletariats stand. In einer
solchen semireligiösen Atmosphäre schwanden die Möglichkeiten
sachlicher Debatte. Kritik an „führenden Genossen“ wurde unmöglich.
Die Freie Deutsche Jugend
nahm um so mehr bürokratische Züge an, je näher sie dem von Honecker
gesetzten Ziel eines „stolzen Millionenverbandes“ nach dem Muster des
sowjetischen Komsomol kam (von vielen Jugendlichen satirisch „Stomiveba“
abgekürzt). Stimmungen in der Mitgliedschaft, die der Ansicht der
Verbandsführung widersprachen, wurden zurückgewiesen. So gab es z. B.
Widerstand gegen den Aufbau von Fanfarenzügen, die viele Jugendliche noch
aus der Hitlerjugend in Erinnerung hatten. Mit dem Hinweis, dass auch der
Komsomol Fanfaren benutze, wurde dieser Widerstand gebrochen. Auch der
Einführung der Blauhemden mit Schulterklappen standen viele Jugendliche
ablehnend gegenüber. Das wurde ebenfalls zurückgewiesen, obwohl in
dieser Sache der Komsomol nicht als Vorbild hingestellt werden konnte.
Der freien Entfaltung des
kulturellen Lebens in den ersten Nachkriegsjahren folgte mit der „Formalismusdiskussion“
eine neuerliche Einengung, die nicht nur bildende Kunst und Architektur
berührte.
Nach den freien Wahlen von
1946 traten 1950 bei der ersten Volkskammerwahl die Parteien – es waren
inzwischen seit der Gründung der Nationaldemokratischen und der
Bauernpartei 1948 fünf geworden – nicht mehr einzeln an, sondern als
Block mit einer Einheitsliste. Wenn auch viele Bürgerinnen und Bürger
das Argument nicht rundweg ablehnten, in dieser Zeit des komplizierten
Neuaufbaus und der starken internationalen und innerdeutschen Spannungen
des kalten Krieges müssten die demokratischen Parteien an einem Strick in
die gleiche Richtung ziehen, dürften sich nicht in Wahlkämpfen
gegenseitig befeinden, so löste es dann am Wahltag Empörung und auch
Resignation aus, als die Wählerinnen und Wähler merkten, dass die
Wahlkabinen in der fernsten Ecke des Wahlraums aufgestellt waren, so dass
„offenes Wählen“ geradezu aufgenötigt wurde, und sich in der Kabine
nicht einmal ein Bleistift befand, mit dem der Wahlzettel hätte ungültig
gemacht werden können. Von da an verkamen die Wahlen in der DDR zum
bloßen Ritual ohne echte Wahlmöglichkeit.
Dennoch gab es nicht
nur den Bruch mit den Grundsätzen der antifaschistisch-demokratischen
Ordnung der ersten Nachkriegsjahre, sondern auch Kontinuität.
Antifaschistischer Grundkonsens aller Parteien und Organisationen. Immer
wieder Hoffnung auf mehr Offenheit und Demokratie: Neuer Kurs 1953, Veränderungen
nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, das NÖS in den sechziger Jahren,
Rechte der Werktätigen in den Betrieben, generell Schaffung neuer
Gesetze, die verständlich, ohne Anwaltshilfe durchschaubar (z. B.
Strafrecht - soweit außerhalb des politischen Strafrechts - ,
Familienrecht, Arbeitsrecht), Honeckers anfängliche Versprechungen für
offenere Kulturpolitik etc. und am Ende die Hoffnungen auf Perestroika und
Glasnost. Ohne diese Momente wäre nicht zu erklären, dass so viele
Menschen aus Überzeugung der SED die Treue hielten. Andererseits schien
vielen vieles in der restriktiven und engherzigen ideologischen Haltung
der SED-Führung durch Kalten Krieg und militante Feindschaft der BRD
gegenüber der DDR gerechtfertigt.
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