ANDRÉ BRIE    
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Weniger Schwarz

Jahrhundert-, erstrecht Jahrtausendwenden sind traditionell eine fruchtbare Zeit für Katastrophenszenarien. Schwärzeres als zu solchen Zeiten ist kaum je entstanden. Dass das neue Jahrhundert für Mathematiker erst ein Jahr später beginnen wird, stört nicht. Da das Ganze ein riesiges Geschäft für die einschlägigen Industrien ist, muss der Jahreswechsel 1999/2000 herhalten.

Eine – ausgesprochen dürstere – Katastrophenprognose kann ich niemandem ersparen: Spätestens am 2. Januar 2000 werden die Tourismus- und Merchandising-Branche sowie die Medien uns erklären, dass wir den wirklichen Milleniumswechsel noch vor uns haben. Also, noch einmal und diesmal das ultimativ-echte Jahrtausend-T-Shirt kaufen, den endgültigen Jahrtausend-Champagner verschenken, wieder auf zu den Feiern der Zeitenwende in Paris, New York, London oder an der pazifischen Datumsgrenze, also noch einmal eine Jahrtausendparty am Brandenburger Tor, im ICC oder in der Kneipe an der Ecke (wenn sie bis dahin überlebt haben sollte)!

Ansonsten aber sehe ich nicht schwarz. Es wird einfach weniger Schwarz geben.

Von Schwarz-Schilling ist bereits jetzt nichts mehr zu hören, von Alice Schwartzer wenig. Die Nächte werden auch schon wieder kürzer, und schwarz sind sie ohnehin nur noch in tiefen Wäldern. Die wiederum gibt es kaum noch. Und da man mit dem Auto nicht in sie hineinkommt, erfahren wir ihre nächtliche Schwärze eh nicht. Außerdem haben unsere Autos phantastische Scheinwerfer!

Die schwarzen Kassen der CDU sind aufgeflogen. Die Schwarzen in Deutschland hätten erröten müssen. Aber dazu sind Politiker in diesem Land auch dann nicht mehr fähig, wenn sie erwischt werden. Allerdings sind sie ziemlich blass, die deutschen Schwarzen. Die SPD auch. Früher soll sie wie das Radieschen gewesen sein – außen rot und innen weiß, Nun, es gibt ja auch Radieschen, die nicht nur innen weiß sind. Dafür sieht die SPD alles in rosigem Licht. Die Grünen eigenartigerweise auch.

Strom ist gelb. Die Schwarze Elster macht ihrem Namen nicht mehr (Un-)Ehre. Die Schwarzhunderter in Russland verlieren an Bedeutung, seit Regierungsoffizielle und einige sich kommunistisch nennende Duma-Abgeordnete ihr Vokabular übernommen haben. Selbst das Neue Deutschland sieht nicht mehr schwarz, sondern malt seine Berichte schwarz-weiß. Mit Schwarzarbeit verdient man sich eine goldene Nase (behauptet der DIHT). Da die deutschen Arbeitnehmer so unverschämt hohe Löhne kassieren, schreibt die Wirtschaft rote statt schwarze Zahlen (behauptet auch der DIHT). Schwarzafrika ist blutig rot, und ist es nicht einmal wert, von der NATO befriedigt zu werden. 

Nein: Weniger Schwarz – das ist keine Forderung, das ist einfach die Feststellung eines Sachverhalts am Ende des einen und am Anfang des anderen Jahrhunderts.    

 
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