|
Weniger Schwarz
Jahrhundert-, erstrecht Jahrtausendwenden sind traditionell eine fruchtbare
Zeit für Katastrophenszenarien. Schwärzeres als
zu solchen Zeiten ist kaum je entstanden. Dass das neue Jahrhundert für
Mathematiker erst ein Jahr später beginnen wird, stört nicht. Da das
Ganze ein riesiges Geschäft für die einschlägigen Industrien ist, muss
der Jahreswechsel 1999/2000 herhalten.
Eine
– ausgesprochen dürstere – Katastrophenprognose kann ich niemandem
ersparen: Spätestens am 2. Januar 2000 werden die Tourismus- und
Merchandising-Branche sowie die Medien uns erklären, dass wir den
wirklichen Milleniumswechsel noch vor uns haben. Also, noch einmal und
diesmal das ultimativ-echte Jahrtausend-T-Shirt kaufen, den endgültigen
Jahrtausend-Champagner verschenken, wieder auf zu den Feiern der
Zeitenwende in Paris, New York, London oder an der pazifischen
Datumsgrenze, also noch einmal eine Jahrtausendparty am Brandenburger Tor,
im ICC oder in der Kneipe an der Ecke (wenn sie bis dahin überlebt haben
sollte)!
Ansonsten
aber sehe ich nicht schwarz. Es wird einfach weniger Schwarz geben.
Von
Schwarz-Schilling ist bereits jetzt nichts mehr zu hören, von Alice
Schwartzer wenig. Die Nächte werden auch schon wieder kürzer, und
schwarz sind sie ohnehin nur noch in tiefen Wäldern. Die wiederum gibt es
kaum noch. Und da man mit dem Auto nicht in sie hineinkommt, erfahren wir
ihre nächtliche Schwärze eh nicht. Außerdem haben unsere Autos
phantastische Scheinwerfer!
Die
schwarzen Kassen der CDU sind aufgeflogen. Die Schwarzen in Deutschland hätten
erröten müssen. Aber dazu sind Politiker in diesem Land auch dann nicht
mehr fähig, wenn sie erwischt werden. Allerdings sind sie ziemlich blass,
die deutschen Schwarzen. Die SPD auch. Früher soll sie wie das Radieschen
gewesen sein – außen rot und innen weiß, Nun, es gibt ja auch
Radieschen, die nicht nur innen weiß sind. Dafür sieht die SPD alles in
rosigem Licht. Die Grünen eigenartigerweise auch.
Strom
ist gelb. Die Schwarze Elster macht ihrem Namen nicht mehr (Un-)Ehre. Die
Schwarzhunderter in Russland verlieren an Bedeutung, seit
Regierungsoffizielle und einige sich kommunistisch nennende
Duma-Abgeordnete ihr Vokabular übernommen haben. Selbst das Neue
Deutschland sieht nicht mehr schwarz, sondern malt seine Berichte
schwarz-weiß. Mit Schwarzarbeit verdient man sich eine goldene Nase
(behauptet der DIHT). Da die deutschen Arbeitnehmer so unverschämt hohe Löhne
kassieren, schreibt die Wirtschaft rote statt schwarze Zahlen (behauptet
auch der DIHT). Schwarzafrika ist blutig rot, und ist es nicht einmal
wert, von der NATO befriedigt zu werden.
Nein:
Weniger Schwarz – das ist keine Forderung, das ist einfach die
Feststellung eines Sachverhalts am Ende des einen und am Anfang des
anderen Jahrhunderts.
|