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Interview mit dem Rheinischen Merkur am 09.10.2000
Rheinischer Merkur: Gregor Gysi geht, am Wochenende folgt ihm
Gabriele Zimmer nach. Was kommt auf die neue zu?
André Brie: Die PDS hat ein existenzielles Problem:
bislang hat sie real vor allem die Funktion wahrgenommen, ostdeutsche
Interessen zu vertreten. Für ihre Zukunft muss sie jedoch in einer
radikal erneuerten Weise die sozialistische Idee für die Bundesrepublik
zurückgewinnen. Gabriele Zimmer hat Recht, wenn sie sagt, dass der
Sozialismus mit der DDR nicht untergegangen ist. Doch, was darunter heute
zu verstehen wäre, muss durch die PDS erst noch definiert werden.
Alle sprechen von der Mauer in den Köpfen. Wieso sehen Sie
die Zukunft der PDS als ostdeutsche Interessenpartei so pessimistisch?
Langfristig ja. Ich merke das zum Beispiel im Alltag
bei meinen Töchtern, die bei der Wende 12 und 16 Jahre alt waren. Sie
hatten keinerlei Schwierigkeiten, in der Bundesrepublik anzukommen. Sie
interessieren sich primär für Zukunftsfragen: Mediengesellschaft,
Europa, Hochschulpolitik. Dazu muss sich die Partei noch viel mehr von der
SED-Vergangenheit lösen. Auf dem Papier ist schon viel geschehen. Es
fehlt aber ein kultureller Wandlungsprozess der Partei, der auch die
gesamte Basis erreicht. Die PDS sollte allerdings die kulturellen
Besonderheiten des Ostens aufgreifen. Aus ihrer größeren Vertrautheit
mit den Verhältnissen dort kann sie weiter Kapital schlagen.
Aber
das kann Angela Merkel genau so gut...
Ja, da ist eine neue Herausforderung entstanden.
Sie
wollen aus der PDS eine Linkspartei machen. Aber: What’s left?
Da ist natürlich vieles offen. Und in manchen Punkten sehe
ich Übereinstimmungen mit Teilen der SPD oder der CDU, so zu Heiner Geißler,
Rita Süssmuth oder Norbert Blüm. Soziale Gerechtigkeit ist der aktuelle
Kernpunkt linker Politik, der strategische bleibt soziale Gleichheit.
Links – das ist für mich auch, völlig anders als zu DDR-Zeiten
verstanden, eine größere Demokratisierung, also eine offene
Gesellschaft, und zwar in einem weit größeren Maß als es sie heute
schon in der Bundesrepublik gibt. Links heißt für mich natürlich auch
eine starke Gesellschaft und nicht ein starkes Privateigentum.
Auf
dem letzten Parteitag in Münster wirkte die PDS eher wie ein Hühnerhaufen.
Wie will sie da ein linkes Profil entwickeln?
Das Hauptproblem liegt darin, dass einige Ideologie an die
Stelle von Politik setzen. Deshalb gibt es in der PDS so viel Sektierertum
und Selbstgerechtigkeit. Wenn die Partei so weitermacht, landet sie in
einer bedeutungslosen Nische. Die nächsten zwei Jahre bis 2002 werden
entscheidend für das Überleben der PDS sein. In den letzten Jahren hat
es einige Rückschritte gegeben. Das Verhältnis der PDS zu den anderen
Parteien und der anderen Parteien zur PDS muss normal werden. Wir wollen
ein attraktiver Koalitionspartner für die SPD werden und müssen uns
zugleich von den Sozialdemokraten abgrenzen. Wir brauchen auch einen
Generationenwechsel in der Partei.
Meinen
Sie damit die neuen Gesichter Roland Claus und Gabriele Zimmer?
Nein, das meine ich nicht unter Generationenwechsel. Claus
und Zimmer sind jetzt die richtigen Köpfe, aber sie sind dieselbe
politische Generation und dieselbe Altersgruppe wie Gysi und Bisky. Mir
geht es um die wirklich jungen Leute in der PDS: Matthias Gärtner, Angela
Marquardt, Heiko Hilker...
Nun
geht Gysi. War seine starke Ausstrahlung nicht eher schlecht für die PDS,
weil sie inhaltliche Defizite übertüncht hat?
Das war so. Aber Gysis Ausstrahlung war weit mehr ein Vorteil
als ein Nachteil. Er hat viel angestoßen und bittere Wahrheiten
ausgesprochen, die man anderen so nicht abgenommen hätte. Gysi konnte mit
seiner Stärke Positionen vertreten, die Schwächere so nie in Partei und
Öffentlichkeit hätten bringen können.
Können
Claus und Zimmer die Lücke füllen, die Gysi hinterlässt?
In seiner Öffentlichkeitswirkung ist Gysi ein Glücksfall
und kaum zu überbieten. Inhaltlich werden die beiden, da habe ich gar
keinen Zweifel, Gysis Reformpolitik fortsetzen.
Wo
steht die PDS in zehn Jahren? Gibt es sie dann überhaupt noch?
Ich glaube, die Gesellschaft der Bundesrepublik schreit nach
einer Linkspartei. Aber aus der PDS eine solche Partei zu machen, das ist
ein fast maßloses Unternehmen. Wir haben schon viel erreicht. Aber ich
mache mir auch keine Illusionen, es ist völlig offen, wie es weitergeht.
Hier im Europaparlament bin ich in einer Fraktion mit skandinavischen
Linksparteien, die ein Vorbild sein könnten. Zum Beispiel die
Sozialistische Volkspartei in Dänemark, die 1957 aus Protest gegen den
sowjetischen Einmarsch in Ungarn entstanden ist. Sie versteht sich heute
als linke Alternative zur Sozialdemokratie.
Die
PDS wendet sich gegen den Rechtsradikalismus in den neuen Ländern.
Missbraucht sie nicht den „Antifaschismus“ zur eigenen Legitimierung?
Der Antifaschismus gehört wirklich zu den Grundüberzeugungen
aller in der PDS. Der Rechtsradikalismus wendet sich ja auch gegen die
PDS. Aber sicher: Linke neigen immer wieder zu Katastrophenszenarien, um
ihre eigene Berechtigung in der Gesellschaft deutlich zu machen. Es gibt
Leute in der Partei, die diesen Antifaschismus elitär instrumentalisieren
wollen, um eine viel radikalere, letzten Endes sektiererische Politik
durchzusetzen. Unsere Verantwortung besteht jedoch darin, zu großen
parteiübergreifenden Mehrheiten gegen den Rechtsextremismus beizutragen.
Das
Gespräch führte Hartmut Kühne.
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