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André Brie, 6. November 2005, Rezension für das „Neue Deutschland“:
Widerspruch, Heft 48 „Europa sozial“
Ein
soziales Europa ist möglich
Hochaktuell: Das jüngste Heft der Schweizer Halbjahreszeitschrift
„Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik“ ist dem
Themenschwerpunkt „Europa sozial“ gewidmet. Hier erhält die notwendige
linke Kritik an der europäischen politischen, sozialen und
wirtschaftlichen Realität eine faktenreiche, empirisch differenzierte, in
einigen Beiträgen auch eine bemerkenswerte theorie- und
politikgeschichtliche Grundlage. Die meisten Autorinnen und Autoren
bleiben dabei nicht stehen, auch wenn die vorgeschlagenen (linken)
Alternativen nicht die Konkretheit der Kritik erreichen. Angesichts der
immer noch bestehenden politischen Schwäche von europapolitischen
Gegenbewegungen ist das jedoch nicht nur verständlich, sondern angebracht,
wenn man nicht in "Konzeptemacherei" (Rosa Luxemburg) verfallen will.
Geistige und politische Alternativen können nur mit und in politischer und
sozialer Bewegung zu realistischer und realisierbarer Konkretheit
aufwachsen.
Nach dem Scheitern der EU-Verfassung in den Volksabstimmungen in
Frankreich und in den Niederlanden ist eine Debatte über die Zukunft des
Verfassungsvertrages entbrannt. Die sozialdemokratische Fraktion im
Europäischen Parlament und die stellvertretende Kommissionspräsidentin
Wallström wollen die Verfassung mit Bürgerforen und umfassender
Information retten, die deutschen Bündnisgrünen fordern eine europaweite
Abstimmung. Deutsche Sozialdemokraten, Konservative und Liberale wollen
Teile der Verfassung, vor allem zur Gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik in Kraft setzen. Der tschechische Präsident Vaclav
Klaus machte sich unlängst in einem Artikel für die "Neue Zürcher Zeitung"
zum Wortführer jener, die die Krise für die Beendigung des
Integrationsprojektes und seine Umwandlung in eine marktliberale
Freihandelszone nutzen wollen. Ihnen allen ist gemein, dass sie das Wesen
des französischen und holländischen Neins ebenso wenig verstanden haben
wie das kürzliche Ergebnis der Bundestagswahlen: Bei aller Heterogenität
der Nein-Motive und der Stimmen gegen CDU/CSU und SPD – es gibt in Europa
und Deutschland eine breite Ablehnung des neoliberalen Projektes, das die
Wirtschafts- und Sozialpolitik der EU, den Verfassungsvertrag und die
Politik von CDU/CSU, SPD, Bündnisgrünen und FDP bestimmt.
Genau dieses allgemeine und alles andere als zufällige Defizit aber ist
der Ausgangspunkt für die vielfältige, kompetente, faktenreiche und
theoretisch fundierte Kritik der Autorinnen und Autoren des Heftes an
Zustand und Richtung der gegenwärtigen Politik der EU und ihrer
Mitgliedsländer. Am weitesten geht Michael Krätke, Professor an der
Universität Amsterdam, wenn er - meiner Meinung nach zu Recht - fordert:
"Das 'europäische Sozialmodell' hat seine Zukunft noch vor sich. Die
europäische Linke könnte es zu ihrem Markenzeichen machen, zu ihrem
gemeinsamen Projekt, wenn sie es sich nur traute." Der Ausgangspunkt
dieser Position ist dreifach: Erstens analysieren Krätke, Klaus Dräger,
Herbert Schui oder Markus Wissen überzeugend die in der EU durchgesetzte
Politik als eine prinzipielle Richtungsänderung, als
gesellschaftspolitisches Rollback, in dessen Konsequenz soziale und
zivilisatorische Ergebnisse grundlegend in Frage gestellt werden. Zweitens
beharren praktisch alle Autoren auf ihrer Überzeugung, dass diese Politik
nicht alternativlos ist und neben nationalstaatlichen auch europäische
Antworten verlangt. Drittens schätzen Krätke und andere aber ein, dass es
auch in der Vergangenheit kein "europäisches Sozialmodell" gab, wie es in
Papieren der EU-Kommission (aber oft auch in der linken Verteidigung des
"rheinischen" gegen den "angloamerikanischen" Kapitalismus") beschworen
wird, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher und unterschiedlich
entwickelter nationalstaatlicher Sozialsysteme, die vom "liberalen"
Sozialstaat (z.B. Großbritannien), über den "konservativen" (Frankreich),
Deutschland), den "sozialdemokratischen" (Schweden) bis zum "resudualen
oder "rudimentären" Typus (Griechenland, Spanien) reichten. In diesem
Zusammenhang will ich jedoch ausdrücklich auf die theoretisch, begrifflich
und nicht zuletzt politisch äußerst bedeutsame Unterscheidung Herbert
Schuis hinweisen zwischen "sozialer Marktwirtschaft", deren theoretische
Grundlage der Ordoliberalismus der 30er Jahre ist, und "Sozialstaat", der
die makroökonomische Umverteilung zugunsten gerechterer
Einkommensverteilung, sozialem Ausgleich, Nachfrage und Vollbeschäftigung
bedeute. Schuis detailliert begründete Kritik des EU-Verfassungsvertrages
gehört ohnehin zum Besten und Wichtigsten, das ich bisher über dieses
Thema gelesen habe.
Hervorgehoben seien auch die beweiskräftigen, kritischen
Auseinandersetzungen von Petra Beckmann, Natalie Imboden und Stephanie
Steinmetz mit der europäischen Geschlechterpolitik. Nicht zuletzt sei auch
die Lektüre des Disskussions- und Rezensionsteils des neuen Heftes
empfohlen. Frieder Otto Wolf (zu Ulrich Becks/Edgar Grandes "Das
kosmopolitische Europa"), Paul Oehlke (Literaturbericht über
gewerkschaftliche Lohnpolitik in Europa)und Mohssen Massarat
(Imperialismus-Kritik in der Krise/Ernest Mandel und die aktuelle
Imperialismusdebatte) bieten ganz "nebenbei" Beiträge für eine
beispielhafte linke Diskussionskultur. |
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