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André Brie, 7. August
2005, Rezension des Buches von
Jens König „Gregor Gysi. Eine Biographie“ für das „Neue Deutschland“
Gregor Gysi
Autor und Verlag haben eine glückliche
Hand oder ein sicheres Gespür gehabt. Gysi ist zurück auf der politischen
Bühne des Landes, und zeitgleich erscheint die erste Biographie über den
Mann, der wie kaum ein zweiter deutscher Politiker die Meinungen spaltet
und zugleich auch seine Gegner fasziniert. Jens König hat die jüngste
Entwicklung einer neuen Linkspartei noch aufnehmen können. Aktueller geht
es nicht. Vor allem aber ist seine Gysi-Biographie keines der üblichen,
schnell hingeschriebenen, bei Äußerlichkeiten und modischen oder zynischen
Deutungen verweilenden Politiker-Porträts. Hier will einer verstehen und
zu Verstehen beitragen.
Jens König hat
umfassend recherchiert, und es wird sogar ein Vorteil geworden sein, dass
Gregor Gysi selbst nicht zum Interview bereit gewesen war. König wägt ab,
diskutiert, umschließt die Jahrhundertgeschichte einer ungewöhnlichen
linksbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie, das geschichtliche und
gesellschaftliche Umfeld und scheut schließlich nicht die eigenständige,
auch eigenwillige Festlegung. Man wird nicht allen Einschätzungen
zustimmen, aber das Buch ist mit literarischem Können und mit seltener
Bildung geschrieben. So ist ein kluges, kritisches und weitgefächertes
Bild der DDR und der SED und der widerspruchsvollen und halbherzigen
Emanzipation unter ihren Intellektuellen entstanden. Man erfährt mehr über
Gregor Gysi als aus dessen eigenen Büchern, so viel über Klaus Gysi, dass
man eine Zeit lang meint, nicht eine Gregor-, sondern eine
Klaus-Gysi-Biographie zu lesen, und viel über Robert Havemann, Rudolf
Bahro, Florian Havemann, Stefan Hermlin, Gabriele Gysi, Lothar de
Maizière, Hermann Klenner, Karl Mollnau, Frank Castorf, Johannes R.
Becher, Alexander Abusch, Walter Janka, Wolfgang Harich, Gottfried und
Doris Lessing, Horst und Thomas Brasch. Bestürzende Geschichten sind
dabei.
Letzten Endes
vermag König das alles zu einer schlüssigen Deutung Gysis zu verknüpfen.
Es hat Gysi wesentlich geprägt, in einer weltoffenen, gebildeten
bürgerlichen, antifaschistischen und kommunistischen Familie aufgewachsen
zu sein: „Den meisten DDR-Bürgern bleibt die Welt versperrt, zu den Gysis
kommt sie nach Hause.“ Dass König diese Familie inflationär als
„Heldenfamilie“ bezeichnet und Gregor Gysi als „Heldenkind“ stört ein
wenig und engt den Blick des Autors gelegentlich ein, so, wenn er den
wunderbaren Brief des Achtjährigen an den „Herrn Minister. Mistärium für
Kultur“, an Johannes R. Becher, aus dieser privilegierten DDR-Herkunft
erklärt. Meiner Meinung nach zeigt sich in ihm viel mehr ein früher
Ausdruck des frechen Selbstbewusstseins, dass ganz einfach Gysis Charakter
bis heute ausmacht („III. Teil. Ich beschwere mich dass das Theater der
Freundschaft Stücke spielt, die unter 14 Jahre nicht zugelassen sind, und
darum bette ich daß daß Theater der Freundschaft für alle Kinder
zugelassen wird.“).
Zwar schließt sich
auch König letzten Endes der gegenwärtig stereotypen Behauptung an, Gysi
hätte mehrfach in schwieriger Situation das Handtuch geworfen, und es
müsse offen bleiben, ob er diesmal nicht nur der Mann für den Umbruch sei,
sondern auch den langen Atem für die politische und geistige Formierung
einer neuen Linken in Deutschland haben werde, doch das Buch zeigt Gregor
Gysi vor allem als jenen deutschen Politiker, der wie kein anderer gegen
heißen Hass, persönliche Bedrohungen, unsägliche Angriffe, politische
Niederlagen durchgestanden hat. Und das unter den Bedingungen der
Implosion der DDR und der anderen staatssozialistischen Gesellschaften
sowie existenzieller Krisen der eigenen Partei. Aber nicht nur
durchgestanden: Er hat sich in mancher Hinsicht durchgesetzt, nicht
zuletzt eine souveräne politische und menschliche Kultur gegen den Hass
und Zynismus behauptet. Dass König den PDS-Hungerstreik und die Rolle
Gysis dabei nicht einmal erwähnt, offensichtlich auch die intensive und
sehr persönliche Arbeit Gysis in die PDS hinein unterschätzt, gehört zu
den wenigen Schwächen des Buches.
Seit Rosa
Luxemburg, Karl Liebknecht und Paul Levi hat kein Intellektueller, noch
dazu von diesem Format, mehr an der Spitze der sozialistischen Linken in
Deutschland gestanden. Diesen Vergleich riskiere ich gern, aber ich teile
in bestimmtem Maße auch eine kritische Analyse Jens Königs zu Gysis
Politikverständnis: „Gysi besaß nie das Verständnis für die Organisation
einer Partei. Er hatte eine brillante Idee, und die wollte er umsetzen, am
liebsten sofort. Wenn er damit durchfiel, hatte er eben eine neue
brillante Idee. Er liebte die schnelle, unmittelbare Konfrontation, den
Kitzel hatte er aus dem Gerichtssaal mitgebracht. Gysi gegen den Rest der
Welt.“ König schreibt an anderer Stelle: „Politik jedoch ist das Reich des
Immergleichen.“ Luxemburg und Liebknecht waren fähig und bereit, ihre
Ideen über Jahre und Jahrzehnte mit strategischem und taktischem
Beharrungsvermögen zu verfolgen, Netze zu knüpfen, um die Köpfe
notwendiger Partner zu kämpfen.
Gysi hat viele
andere und sehr seltene Stärken, die König klug beschreibt. Für die neue
Linkspartei wird es am 18. September wohl einen großen Erfolg geben, der
ein Erdbeben in der parteipolitischen Tektonik dieses Landes sein kann.
Zunächst war es der sofortige Ausbruch aus der 5-Prozent-Nische, als das
anonyme politische Kind die Namen von Gysi und Lafontaine erhielt
(dreieinhalb Jahrhunderte zuvor hatte Kardinal Retz in der französischen
Fronde das gleiche Problem: „Ich brauchte nur einen Namen, um das mit
Leben zu begaben, was ohne Namen nur ein Hirngespinst blieb.“) Aber die
Perspektive der Linkspartei wird sich im Alltag und in einer allen
strategischen und geistigen Ehrgeiz verlangenden langwierigen Öffnung weit
über die bisherigen Spektren entscheiden. Dazu werden Gysi, Lafontaine,
Bisky und die anderen Akteure sich in die wenig spannenden Niederungen
wirklichen politischen Handelns und strategischer Kleinarbeit begeben
müssen. Wenn Gysi seine bisherigen Stärken mit einem solchen Lernprozess
verbinden könnte, würde er Jens Königs Fazit widerlegen: „Gysi hat zwar
alle technischen Fähigkeiten, die man in der Politik braucht, im Übermaß:
Intelligenz, Instinkt, Überzeugungskraft, taktische Finesse. Vom Typus her
ist er jedoch der Politiker für den Ausnahmezustand geblieben, für die
Krise einer Partei zum Beispiel, vielleicht ja sogar einer Linkspartei.“
Die neue Linke in Deutschland und vor allem die Menschen, die
millionenfach von der kalten Macht des globalen Wirtschaftsliberalismus
überrollt werden, würden einen Gysi dringend benötigen, der bereit wäre,
gemeinsam mit Freunden, streitbaren Partnern und Kritikern sein
„Ingolstädter Mainfest“ und seine Thesen kontra Blair und Schröder zu
politisch wirksamen Alternativen in der Außen- und Sicherheitspolitik, in
der Sozial- und Wirtschaftspolitik zu führen. Biskys und Gysis Niederlage
auf dem Parteitag in Münster hätte beispielsweise nicht auf der Grundlage
des damaligen Parteivorstandsantrages, sondern auf der des „Ingolstädter
Manifestes“ verhindert werden können. Und die Linke hätte nach meiner
Überzeugung längst ein realistischeres und politischeres Konzept für eine
friedliche und zivile Sicherheitspolitik. Viele politische Defizite, die
der Linkspartei zur Zeit auch von wohlmeinenden Kritikern vorgehalten
werden, sind geistig von Gysi frühzeitig angepackt, politisch aber nicht
weiterverfolgt worden.
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