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André Brie, 8. März
2005, Rezension für das Neue Deutschland zu - Daniela Dahn:
"Demokratischer Abbruch"
Die missratene Freiheit, die missratene Gleichheit
"Ein neues Buch von
Daniela Dahn ist da", hieß es in meinem Umfeld nach einem Vorabdruck im
"Freitag" Ende Februar. Daniela Dahn hat sich schon lange einen Namen
gemacht; ein neues Buch von ihr ist ein aufmerksam registriertes und
diskutiertes Ereignis. Die Neugier und Achtung hat sie sich redlich
verdient in nun schon 25 Jahren mit ihren streitbaren, eigenwilligen,
gründlich recherchierten, nachdenklichen und nicht zuletzt mit
literarischer Gestaltungskraft geschriebenen Büchern seit den 80er Jahren.
Vor und nach der Wende hat sie sich wie wenige andere dem parteilich
beschlossenen ebenso wie dem gekauften und verkauften Mainstream
verweigert. Das Gründungsmitglied der Bürgerbewegung "Demokratischer
Aufbruch" hat ihrem neuen Buch den eher pessimistischen, aber
realistischen Titel "Demokratischer Abbruch" gegeben. Der Band versammelt
Reden, Zeitungsbeiträge, Essays und literarische Porträts (über Günter
Grass, Heinz Knobloch und Christa Wolf) aus den Jahren 2003 und 2004,
vieles davon bislang unveröffentlicht, alles Zeugnisse einer
unbestechlichen Intellektuellen und ihrer bestechenden Intelligenz.
Das hebe ich
hervor. Da sind Arbeiten mit großem und eingelöstem ästhetischen Anspruch,
Daniela Dahns wunderbares, kluges, verschmitztes Plädoyer für die
Paradiesschlange (für sie selbst?), das sie für Friedrich Schorlemmers
Geburtstagsbuch geschrieben hat, oder (beispielsweise) ihre Dankesrede zur
Verleihung des Ludwig-Börne-Preises in der Frankfurter Paulskirche, die zu
einem so selten gewordenen Beispiel geraten ist, dass mehr als zweihundert
Jahre Aufklärung noch nicht rettungslos vergraben sind in grobschlächtigem
Freund-Feind-Denken vergangener und gegenwärtiger Jahrzehnte, im
Marktschreiertum der Superlative und sich jagenden Moden, im Eklektizismus
eines entfesselten Marktes, der Bildung, Information, Kultur und Kunst,
Menschlichkeit bis zum Ersticken an Gewinn und das Reicherwerden der
Reichsten und an die Verarmung der Armen, der Öffentlichkeit und des
Geistes fesselt. In dieser Rede leben die tot geglaubte oder tot geredete
humanistische Bildung fort, Dialektik lebt fort, eine Kontinuität
aufbegehrender Gesellschaftskritik, die sich immer an die Seite der
Bedrängten und Benachteiligten stellt und sich nicht darum schert, ob sie
sich gegen nationalistischen (und "patriotischen"!) Dünkel, feudales
Potentatentum, wilhelminischen Militarismus, politische Unfreiheit im
Namen sozialer Gleichheit oder soziales Unrecht im Namen des freien
Marktes und der gewalttätigen Globalisierung wenden muss. Gebrochen von
den tiefen Umbrüchen 1989/90, aber erneuert, wieder gewonnen und
ungebrochen vom angeblichen "Ende der Geschichte" lässt sie sich leiten
von der unaufgegebenen Alternative zur missratenen Gleichheit des
verstaatlichten Sozialismus, der unfähig und unwillig zur Freiheit war,
und der missratenen Freiheit des Marktkapitalismus, der soziale
Gerechtigkeit und Gleichheit nicht dulden kann: "Sie sind missraten, weil
beide nicht wahrhaben wollten und wollen, dass das eine ohne das andere
seinen Wert verliert.".
Daniela Dahns
Kritik der Zustände und der Zuständigen ist scharf. Immer. Wer sich auf
Dahn ehrlich einlassen, sie nicht nur benutzen will, muss diese Konsequenz
aushalten. Ihre Zuneigung für Ludwig Börne, Günter Grass oder Jorge
Semprun, Heinz Knobloch, Friedrich Schorlemmer, Christa Wolf oder Günter
Gaus hat jeweils individuelle Züge, alles andere würde den Genannten nicht
gerecht werden und nicht Dahns gedanklichem, literarischem und ethischem
Format. Aber eines bewundert sie demonstrativ bei ihnen allen, das müssen
Gegner, das dürfen (wenn sie können) Freunde auch an ihr bewundern, die
intellektuelle Konsequenz.
Das gilt auch für
ihre politisch-publizistischen Schriften, die (längst Dahns Markenzeichen)
fast immer von akribischer Recherche, differenzierter Genauigkeit,
überraschenden Zitaten (die jeweiligen Autoren dürften selbst oft
überrascht sein, wie überzeugend und sicherlich unfreiwillig sie zur
Entschleierung der wahren Verhältnisse in dieser Gesellschaft und Welt
beitragen) und scharfzüngiger Analyse gekennzeichnet sind. Daniela Dahn
lässt Tatsachen sprechen, wo die soziale und politische Realität
verschwiegen wird. Mit originären und originellen Argumentationen (die
nicht zum Selbstzweck verkommen) hilft sie der Wahrheit auf die Sprünge,
wo der die Beine verstümmelt sind durch Lügen, Halbwahrheiten und die
Dummheit des Kommerzes. Wer in den Pisa-Schulen, Bilder-Zeitungen und
Fernseh-Containern (aber vielleicht auch in den orthodoxen
Gedankengebäuden der Vergangenheit?) nur zum Oh, bestenfalls zum Aua
erzogen wird, bei Daniela Dahn kann er seine Aha-Erlebnisse haben. Bestes
Beispiel dafür - meiner Meinung nach - ist ihre Rede zum Tag der Deutschen
Einheit 2003. Da finden sich auch die gedanklich und sprachlich so
treffenden Sätze über die Quintessenz realdeutscher Vereinigungspolitik,
in denen sich Daniela Dahns literarische und sozial-analytische Stärke
wunderbar verbünden: "Wenn etwas Warmes und etwas Kaltes zusammenfließen,
dann wird das Warme kälter und das Kalte wärmer. So ist die Natur. Wenn
sich Reich und Arm vereinen, dann wird das Reiche reicher und das Arme
ärmer. So ist der Mensch."
Natürlich gibt es
- in einem Sammelband wohl unvermeidlich - nicht wenige Wiederholungen.
Aber meine Empfehlung, dieses Buch zu lesen, darüber zu reden und zu
streiten, ist uneingeschränkt. Sie ist auch deshalb uneingeschränkt, weil
sie Unzufriedenheiten einschließt, die zu erwähnen mich Daniela Dahn an
Dutzenden Stellen dieses Buches ermutigt hat. Sie definiert ihre Rolle und
ihren Anspruch als Schriftstellerin selbst: "Schreiben heißt abweichen und
rebellieren, attackieren und ironisieren. Schriftsteller sind nicht dazu
da, Harmoniebedürfnisse zu erfüllen. Sie müssen auch keine Hoffnungen
machen und Lösungen anbieten." Dort, wo Daniela Dahn sich aber genau darin
versucht, zum Beispiel mit ihrem Vorschlag für einen alternativen
Weltfernsehsender, wird sie merkwürdig abstrakt und voluntaristisch,
entflieht zugunsten eines elitären und avantgardistischen Projektes dem
notwendigen, schwierigen, aber auch aussichtsreicheren Streit um geistige
Dominanz in der Gesellschaft und dem Kampf auch um die Kultur jener, die
von Big Brother nicht nur beobachtet werden, sondern Big Brother sehen.
Wer die Beiträge sorgsam liest, wird auch einen gewissen Populismus
bemerken. Es ist legitim, dem jeweiligen Zuhörer- oder Leservolk nicht nur
aufs Maul zu schauen, sondern ihm auch ein wenig nach dem Munde zu reden,
damit es einen in den Kopf lässt. Da ist es sicherlich verständlich, dass
je nach Publikum mal das "Bedrohlichste" in der heutigen Welt die Lüge
(vor linken Zuhörerinnen und Zuhörern) oder der Terrorismus (im
"Tagesspiegel") ist. Gewünscht hätte ich mir jedoch, dass Daniela Dahn das
Vorurteil ihres linken Publikums in Kassel ("rot-rote Parteien, wie SPD
und PDS, mochten an das in ihren gültigen Parteiprogrammen formulierte
Ziel eines demokratischen Sozialismus nicht mehr erinnert werden") nicht
argumentationslos und pauschal bedient, sondern vielleicht versucht hätte,
es durch Beweise zu einem Urteil zu machen. Doch das ist eine
Randbemerkung. Was von diesem Buch und den anderen Büchern Daniela Dahns
bleibt, ist unter anderem auch die heftige und schöne Ermutigung, auch
einer Gefährtin zu widersprechen, die man bewundert.
Daniela Dahn:
Demokratischer Abbruch. Von Träumen und Tabus. Rowohlt Taschenbuch Verlag,
brosch., 160 S. |
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