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André Brie, 20.
August 2005, Rezension von „Widerspruch 47: Agrobusiness – Hunger und
Recht auf Nahrung
Agrobusiness – Hunger und Recht auf
Nahrung
Die
kapitalismuskritische und sozialistische Diskussion ist international fast
heillos zersplittert. Im deutschsprachigen Raum gibt es zahlreiche linke
Zeitschriften, einige mit hohem theoretischen und fachlichen Niveau, aber
fast jede führt ihr abgeschottetes Eigenleben. Eine der wenigen Ausnahmen
ist die in Zürich herausgegebene Halbjahresschrift „Widerspruch“, die seit
nahezu einem Vierteljahrhundert besteht. Ihre Ausgaben sind jeweils einem
zentralen Thema gewidmet, die Autorinnen und Autoren kommen aus der ganzen
Welt, auch der ganzen Welt der Linken. Der sonst so übliche Eurozentrismus
fehlt. Der Blick geht weit in die Welt und vor allem in die Vielfalt der
alternativen Bewegungen, die sich längst von unten formieren. Die Beiträge
sind von einem hohen intellektuellen Niveau und von empirisch sorgfältig
begründeter Gesellschafts- und Politikkritik gekennzeichnet. Die
Zeitschrift wird längst auch von den politischen Kontrahenten sehr ernst
genommen. Umso mehr ist es Schade, dass diese Zeitschrift und ihre
Diskussionen im Umfeld der Linkspartei so herzlich wenig wahrgenommen
werden.
Das gilt im
besonderen Maße für das Heft 47, das dem „Agrobusiness – Hunger und Recht
auf Nahrung“ gewidmet ist. Allein die Autorenschaft gewährleistet eine
ebenso spannungs- wie beziehungsreiche Debatte: Die indische
Schriftstellerin und Globalisierungskritikerin Arundhati Roy, der
senegalesische Soziologe Samir Amin, der Kasseler Politikwissenschaftler
Uli Brandt, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, der Schweizer
Politiker, Soziologe, Publizist Jean Ziegler, UNO-Berichterstatter für das
Recht auf Nahrung, die Wiener Afrikanistin Birgit Englert, der kritische
chinesische Soziologe Qin Hui und viele andere. Vor allem aber ist, nicht
zuletzt Dank einer sehr selten gewordenen sorgfältigen Redaktion, ein Heft
entstanden, dass die Komplexität aufzeigt von Verhungern, Agrarprofiten,
dem Markt- und Freihandelsradikalismus der WTO, der Monopolisierung von
geistigem Eigentum, Umweltzerstörung, Frauenunterdrückung, Bildungskrisen,
schließlich auch die Zusammenhänge zwischen der verfehlten
protektionistischen Agrarpolitik in den USA und der EU und der
umfassenden, katastrophalen gesellschaftlichen und ökologischen
Zerstörungskraft, die sie in Afrika, Asien und Lateinamerika entfaltet.
Faktenreich und beweiskräftig wird die Freihandelsdemagogie der USA und
der Europäischen Union als ein Konzept entlarvt, dass allein auf die
Profite einiger großer Konzerne gerichtet ist und in den Ländern des
Südens soziale Zukunftsfähigkeit, alternative wirtschaftliche
Möglichkeiten, Kultur und Umwelt vernichtet. Die direkteste Folge ist „das
tägliche Massaker des Hungers“ (Jean Ziegler). Aber Arundhati Roy, Birgit
Ehlert (Landrechte von Frauen in Afrika), Renate Schüssler, die ähnliche
Fragen für Lateinamerika untersucht, oder Andreas Missbach (Lula und die
Landlosenbewegung) bleiben nicht bei kritischer Analyse stehen. Sie kennen
die basisdemokratischen Bewegungen wie beispielsweise die internationale
Selbstorganisation von Kleinbauern und Landarbeiterinnen und Landarbeiter
Via Campesina oder die Landlosenbewegung in Brasilien, die sich für
grundlegende Veränderungen einsetzen, und sie diskutieren, wie die die
meisten der anderen Autorinnen und Autoren, gut begründete Alternativen.
Es ist unmöglich,
das Heft und seine einzelnen Beiträge, auch nur zu referieren. Im Jahr
2003 hungerten weltweit 842 Millionen Menschen, 95 % davon in den
sogenannten Entwicklungsländern. Das Ziel des Welternährungsgipfels von
1996, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren, ist weit entfernt,
obwohl es mit jährlich 19 Milliarden Dollar öffentlicher Investitionen in
die Landwirtschaft der armen Staaten erreicht werden könnte. Hunger und
die Agrarprofite der internationalen Konzerne haben viele Konsequenzen,
die weitreichendsten, das wird in mehreren Beiträgen des Heftes bedrückend
deutlich, für die soziale und gesellschaftliche Situation der Frauen im
Süden. Nur 5,1 Prozent des weltweiten landwirtschaftlichen Grundbesitzes
ist Eigentum von Frauen, obwohl z.B. in Afrika 80 Prozent der
landwirtschaftlichen Arbeit von Frauen geleistet wird. Es lohnt sich
einfach, Widerspruch zu lesen. Das kann man den Interessierten nicht
abnehmen. Im übrigen schließt diese Empfehlung auch den hochkarätigen
Diskussionsteil ein, beispielsweise Frieder Otto Wolfs theoretisch und
strategisch anspruchsvolle „Rückfragen zum neuen Buch von Antonio Negri
und Michael Handt“.
Widerspruch 47: Agrobusiness – Hunger und Recht auf Nahrung, Zürich 2004,
232 S., 16 Euro |
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