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André
Brie am 14. Mai 2004
Einführungsworte
zur Premiere von „Reineke Fuchs“ am Wismarer Theater, aufgeführt von
der Theatergruppe „Die Trotzburger“
Sehr
geehrte Damen und Herren, liebe Trotzburger,
ich
danke Ihnen herzlich für die Einladung zu der Premiere Ihrer neuen
Inszenierung. Ich freue mich auf ein außergewöhnliches und – da bin
ich sicher – beeindruckendes Kulturerlebnis.
Voller
Hochachtung habe ich vom Engagement der Wismarer Werkstätten GmbH, einer
gemeinnützigen Einrichtung für Menschen mit Behinderung, gelesen, die
ihren behinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Aufbau einer
Theatergruppe möglich gemacht hat. Das Stück, das wir heute sehen
werden, steht unter dem Thema „Kinder brauchen Märchen und Erwachsene
ebenso“. Dichtung und Wahrheit liegen bekanntlich eng beieinander.
Besonders dann, wenn es um das eigene Leben geht, lässt sich Erinnertes
kaum von Erfundenem trennen. Es ist auch gar nicht einzusehen, warum die
Aufzählung von Fakten einen höheren Wahrheitswert haben sollte als die
Einsichten der Phantasie. Märchen sollten wir wohl alle einmal erlebt
haben, wenigstens damals, als die Welt nicht viel weiter reichte als die
Wand des Kinderzimmers. Warum eigentlich heute nicht mehr?
Der
Fuchs gilt als ein ganz gerissener Schlaumeier, einer der allen anderen überlegen
ist, weil er kein Gewissen hat und deshalb vor keinem noch so üblen Trick
zurückschreckt. So kennen wir ihn aus Märchen und Fabeln. Dass er –
ebenso wie der Feldhase – in ein paar Dutzend Jahren ausgestorben sein
wird, weil ihm all seine Schlauheit nichts nützt gegen den ökologischen
Wahnsinn des Menschen, das sei hier nur am Rande vermerkt. Heute geht es
um einen literarischen Fuchs, den von Goethe, den „Reineke Fuchs“.
Kein Märchen, sondern ein Tierepos in 8000 Versen, genauer gesagt, in
Hexametern.
Goethe
kannte die Volksdichtung schon seit seiner Kindheit. Er schrieb über den
Reineke Fuchs: „Vor Jahrhunderten hätte ein Dichter dies gesungen? Wie
ist das möglich? Der Stoff ist ja von gestern und heut!“ Und er hat
Recht. Das Versmaß stammt aus der Antike, die Fabel aus dem Mittelalter,
und der Inhalt ist von heute. Wir brauchen uns nur an Stelle des
mittelalterlichen Königshofes eine moderne Hierarchie zu denken, eine große
Volkspartei oder Bank zum Beispiel oder einen millionenschweren Fußballverein,
und schon ist der Stoff ganz aktuell – die Philosophie des Reineke
Fuchs, ohne jeden Skrupel zu handeln, ist ja nun wirklich absolut zeitlos.
Offen
gesagt, ich finde es auch skrupellos und listig, wenn soziale Kürzungen
als Reform ausgegeben werden. Reform wird im Fremdwörterbuch unter
anderem als Verbesserung übersetzt. Verbessert hat sich in den letzten
Jahren aber nur die Situation der Wohlhabendsten und der sehr großen
Unternehmen in dieser Gesellschaft. Gleichgültig, wo wir politisch
stehen, wir sollten, wir müssen bedrückt und empört sein, und es ändern,
wenn jene besonders hart betroffen sind, die es aus unterschiedlichen Gründen
ohnehin schwerer haben als andere: alleinerziehende Mütter, Rentnerinnen
und Rentner, Arbeitslose, chronisch Kranke, Behinderte. Die Sparmaßnahmen
führen auch zu massiven Einschränkungen der Leistungen in der
Benachteiligtenförderung. Viele integrative Projekte stehen vor dem Aus.
Was das für Betroffene bedeutet, wissen Sie besser als ich.
Das
muss und darf nicht sein in unserer Gesellschaft, die 2004 eigentlich
nicht ärmer, sondern reicher ist denn je. In unserem Grundgesetz steht:
Eigentum verpflichtet. Jede Dachdeckerfirma weiß das und handelt so. Das
muss auch wieder für den Staat gelten und für die Starken in dieser
Gesellschaft. Menschen sind so wunderbar unterschiedlich. Aber als
Menschen sind sie gleich, müssen sie gleich sein und gleiche Möglichkeiten
haben. Frau und Mann, Deutsche und Nichtdeutsche, Menschen mit und ohne
Behinderungen. Diese unabdingbare Gleichheit müssen wir politisch und
gesellschaftlich ermöglichen. Denn sonst wären wir und unser Gemeinwesen
unmenschlich.
Auf
der Bühne stehen behinderte Menschen im Rampenlicht. Aber wie ist es im
Alltag? Da werden ihnen noch immer allzu oft Toleranz, Respekt und Eigenständigkeit
versagt. Und dennoch: Die Behindertenpolitik in Deutschland hat sich
erheblich gewandelt. Menschen mit Behinderungen vertreten sich und ihre
Interessen, wie es vor zwei Jahrzehnten noch schwer vorstellbar war. So führten
zum Beispiel zehn Jahre währender Kampf und intensive Zusammenarbeit von
insgesamt 104 Behindertenorganisationen am 1. Mai 2002 endlich zum Ziel:
Das Bundesgleichstellungsgesetz trat in Kraft. Der Erfolg wurde mit einem
großen Fest in Berlin gefeiert, zu dem die „Aktion Mensch“ eingeladen
hatte, der es auch heute zu danken gilt für die Förderung und Unterstützung
des Theaterprojekts der Trotzburger.
Auch
auf europäischer Ebene gibt es Fortschritte: Der am 1. Mai 1999 in Kraft
getretene Vertrag von Amsterdam enthält in seinem Artikel 13 eine
Nicht-Diskriminierungsbestimmung. Der Nachteil dieser Bestimmung ist
allerdings, dass sie nur von so genannter mittelbarer Wirkung ist. Es muss
eine allgemeine, verpflichtende und einklagbare
Nicht-Diskriminierungsbestimmung her.
Vor
zwei Monaten erhielt der Schauspieler Bobby Brederlow aus der Hand der
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt das Bundesverdienstkreuz. Der 42-Jährige
arbeitet in einer Werkstatt der Lebenshilfe München und ist der erste
Mensch mit Down-Syndrom, der mit diesem hohen Orden ausgezeichnet wurde.
Johann Wolfgang von Goethe formulierte einst: „Toleranz sollte
eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zu
Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ Das sollte nicht nur für
die Kunst, sondern auch für das Leben gelten.
Sie
werden heute das Märchen vom Reineke Fuchs auf ganz eigene Art erzählen.
Und wer weiß, vielleicht finden Sie eine völlig andere Interpretation
der Fabel.
Ich
wünsche Ihnen für Ihren Auftritt viel Erfolg und uns einen spannenden,
vergnüglichen Abend.
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