ANDRÉ BRIE    
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Dr. André Brie, Gratulationswort auf der Veranstaltung zum 60. Geburtstag von Friedrich Schorlemmer am 15. Mai in Wittenberg

 

 

Lieber Friedrich Schorlemmer, sehr geehrte Damen und Herren, 

Sie, lieber Friedrich Schorlemmer, erinnern mich an die beiden widerständigen, mutigen und listigen Hebammen Pua und Siphra aus dem Alten Testament. Und Sie haben ja auch nicht wenige sehr lebendige Ideen und politische Überzeugungen an das Licht der Welt geholt. Den Pflug, den Sie zu DDR-Zeiten aus einem Schwert geschmiedet haben, beispielsweise. Vielleicht schaffen Sie es ja auch einmal, intelligente Waffen zu Intelligenz umzuschmieden. Gern würde ich Ihnen dieses Mal zur Hand gehen. 

Wenn ich zu früheren Zeiten die Ehre gehabt hätte, einen Gruß zum 60. Geburtstag Friedrich Schorlemmers zu reden, und Friedrich Schorlemmer die Unehre, eine solche Form von Gratulation über sich ergehen lassen zu müssen, erzählte ich ihm jetzt, wann und wo er geboren, eingeschult, studiert und was er angeblich oder tatsächlich zum Wohle der Gesellschaft geleistet hat. So etwas wollte ein Jubilar immer schon wissen; das „Neue Deutschland“ hätte es auf der Titelseite gedruckt; und schließlich hätte das Ganze doch einen Nutzen gehabt, wenn eine Fischhändlerin ihre Ware darin verpackte.  

Doch nun sind wir „links und frei“, wie Schorlemmer Willy Brandt gern zitiert, jedenfalls die Linken und Freien unter uns. So darf ich Friedrich Schorlemmer hier ein Schlitzohr nennen. Freilich in einem guten Sinne des Wortes, listenreich früher und heute, mit frecher Zuversicht, ein Querdenker, weil man anders nicht vorandenken kann, ein Dwarsdriver, wie man in meiner mecklenburgischen Heimat sagt, ein Quertreiber, der jenen in die Quere kommt, denen man in die Quere kommen muss. Damals vor einer Epoche ebenso wie in dieser jetzigen epochelosen Zeit. Jungenhaft ist er auch mit 60. Der stellt sich auf den Marktplatz – und was gibt es denn heute noch außer Markt- und Weltmarktplätze (nun gut, ich weiß, auch Gemeinplätze gibt es zur Genüge) – und ruft in seinen Artikeln und Reden mit entwaffnender, nein, entkleidender Unbefangenheit, der globalisierte Kaiser sei doch splitternackt, der Zeitgeist geistlos. Ich darf ihn zitieren: „Das Ende der Dreiteilung der Welt durch das Ende der Zweiteilung hat das Lebensprinzip des Kapitalismus, den Verdrängungswettbewerb, genannt ‚Markt’, und die Profitmaximierung grenzenlos werden lassen und hat ein wohlfeiles Zauberwort geboren: die ‚Globalisierung’, mit der nahezu alles erklärt und gerechtfertigt wird. Eine Welt war einmal moralisches Postulat gegenseitiger Angewiesenheit, Abhängigkeit und Verantwortung füreinander und für die Nachkommen gewesen. Nun haben wir den einen Markt als eine Determinante, die jede Rückfrage verstummen lässt, weil Zwangsläufigkeit suggeriert wird. ... Solange das einer Mehrheit plausibel erscheint, wird dieser Weltprozess besinnungslos weitergehen und nicht als Wahnsinn auf der schiefen Ebene erkannt werden können. Der Weltprozess ist dem Denkprozess fast uneinholbar vorausgeeilt, wird nicht von Denkern, sondern von Krämern bestimmt.“ 

Das freilich ist ein Problem. Anders als im Märchen lacht das befreite Volk nicht über den nackten Kaiser, schon gar nicht lacht es ihn hinweg wie den einstigen Kaiser Politbürokratius. So bleibt auch einem Mann wie Schorlemmer nichts anderes übrig, als dem Volk auf’s Maul zu schauen und listig nach dem Munde zu reden, ohne eben das zu tun. Das ist eine Dialektik, die er im Gegensatz zu jenen beherrscht, die so viel vom dialektischen und historischen Materialismus geschwätzt und so gar nichts von ihm begriffen hatten. Doch, Schorlemmer ist ein großes Schlitzohr. Skrupellos  bringt er es fertig, den Leserinnen und Lesern des „Freitag“ und seinen sozialdemokratischen Freunden am 9. April diesen Jahres eine „reformerische Emphase“ zu empfehlen, die allerdings zugleich nicht mehr und nicht weniger soll, als „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“  

Nur einen Tag später, diesmal im „Neuen Deutschland“ und für dessen Leserinnen und Leser, veröffentlicht Schorlemmer ganz und gar kein reformerisches Plädoyer. Da appelliert er an revolutionäre Gesinnung und zitiert mit wahrlicher Chuzpe Rosa Luxemburg: „Die proletarische Revolution kann sich nur stufenweise, Schritt für Schritt, auf dem Golgathaweg eigener bitterer Erfahrung, durch Niederlage und Sieg zur vollen Klarheit und Reife durchringen.“ Schorlemmer fügt hinzu:„ Wenn ‚proletarische Revolution’ praktizierte Mitmenschlichkeit ist, dann sind Menschen verschiedener Herkünfte auf jenem beschwerlichen Weg zu ‚Klarheit und Reife’.“ Aber so, wie Schorlemmer seinen sozialdemokratischen Genossinnen und Genossen die Reformen mit dem umstürzlerischen Marx-Zitat vergällt, so haut er diesmal seinen sozialistischen Genossinnen und Genossen eine Weisheit der Bibel um die Ohren, in der Hoffnung, dass zwischen den Ohren auch ein Kopf sitzt, und sagt ihnen, „dass die Erde den Sanftmütigen gehören wird oder niemandem.“ 

Das Alte Testament behauptet ja, am Anfang sei das Wort gewesen. Wer Schorlemmer kennt, weiß, er hat auch immer das letzte. Er muss immer widersprechen. Auch sich selbst. Und das ist gut so. So bleibt er sich treu, bleibt uns treu, so bleibt er einem menschlichen Sein treu. Keiner seiner Gedanken, keine seiner Überzeugungen ist beständiger und mir wichtiger als diese: „Die Kreuzigung Jesu kann als eine Reaktion auf seine alle Verhältnisse in Frage stellende Bergpredigt verstanden werden, als Komplott jener, die nicht ertragen können, dass einer es wagt, den destruktiven Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Schnelle Beseitigung der Feinde und nicht langwierige Überwindung der Feindschaft heißt die Devise.“  

Mich hat er überzeugt: langwierige Überwindung der Feindschaft statt schneller Sieg über die Feinde. 

Lieber Friedrich Schorlemmer, Herr Keuner erbleichte, als ihm ein früherer Freund nach langer Zeit sagte, er habe sich gar nicht verändert. Sie haben sich wirklich nicht geändert. Erbleichen Sie nicht, lieber Friedrich Schorlemmer. Bleiben Sie rot. Aber ich habe keine Angst – Sie können eh nicht anders.

 
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