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André Brie, Rede zur
Eröffnung der 10. Jiddischen Musik- und Theaterwoche am 26. Oktober 2006
im Dresdner Kulturrathaus
Eine große Kultur, ohne
die wir alle sehr viel kleiner wären
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe
Freunde,
eine 10. Jiddische Musik- und
Theaterwoche in Dresden auf so hohem Niveau, mit vielen so
unterschiedlichen Veranstaltungen und großartigen Künstlerinnen und
Künstlern und anderen Teilnehmern organisiert zu haben, ist eine ganz und
gar nicht selbstverständliche Leistung der drei Veranstalter und des
Kuratoriums. Das muss gesagt sein. Zehn Jahre durchzuhalten, fortzusetzen,
zu erneuern, immer wieder ein Festival mit diesem Anspruch auf die Beine
zu stellen, offene Köpfe für seine Unterstützung und geöffnete Hände zu
seiner Finanzierung zu finden, das verlangt zum mindesten ein besonderes
Engagement, eine seltene Beharrlichkeit und sicherlich auch die kluge
Fähigkeit, manche Enttäuschung zu verwinden. Ich schmälere nicht die Rolle
der anderen, wenn ich erwähne, dass Detlef Hutschenreuter so besonders
dazu beigetragen hat.
Die öffentlichen Bedingungen für Kultur
sind in diesen Jahren - zurückhaltend gesagt - nicht besser geworden. Das
Rocktheater Dresden, die Jüdische Gemeinde zu Dresden und HATiKVA können
stolz sein auf dieses Jubiläum, und ich bin froh, dass sie Förderung in
Dresden und Sachsen und durch viele Einrichtungen und Persönlichkeiten
erhalten haben. Die, und mehr davon, und ein dankbares Dresdner Publikum
wünsche ich ihnen auch für die Zukunft.
Denn es gibt natürlich einen ganz
anderen, unendlich wichtigeren Grund, warum es keine
Selbstverständlichkeit für diese zehnte jiddische Kulturwoche in Dresden
gibt. Die alltägliche Selbstverständlichkeit jiddischer Kultur ist in
Deutschland und in Europa vernichtet worden. Jede und jeder von Ihnen
könnte darüber reden und tut es. Deshalb sind Sie hier. Es könnte auch
jeder andere Mensch in Deutschland darüber reden. Aber viele tun es nicht.
Weil sie es nicht mehr für notwendig halten. Manche, viel zu viele und
offensichtlich viel mehr als noch vor wenigen Jahren tun es nicht, weil
sie unsere deutsche Geschichte leugnen und umdeuten wollen.
Da entsteht eine Selbstverständlichkeit
für uns zu widersprechen, die elfte, die zwanzigste, die fünfzigste
jiddische Kulturwoche zu organisieren. Jiddische und jüdische Kultur und
Kunst müssen in Deutschland lebendig sein, lebendig bleiben, so weit nur
irgend möglich wieder lebendig werden. Das ist eine Pflicht unserer
Geschichte gegenüber, eine Pflicht gegenüber den Millionen europäischen
Jüdinnen und Juden, die von Deutschen in einem beispiellosen Verbrechen
ermordet wurden, eine Pflicht gegenüber einer großen Kultur, ohne die wir
alle sehr viel kleiner wären.
Vernichtung ist ein Wort mit dem die
Shoah oft umschrieben wird. Es ist in seiner Schrecklichkeit angemessen,
aber ich möchte gegen seine Endgültigkeit aufbegehren, weil wir, auch mit
diesem Festival, etwas tun wollen, tun müssen, hoffentlich tun können,
damit von diesen Millionen Menschen Gesichter, Namen, Erinnerung,
Geschichte und Geschichten und die von ihnen in Jahrtausenden entwickelte
und gelebte Kultur erhalten bleiben. Das sind wir ihnen schuldig, und für
uns Deutsche ist es eine Chance, die nur in immer neuem Bemühen verdient
werden kann. Denn es ist auch ein unermesslich reicher gebliebener und
bleibender Teil unseres gemeinsamen Gewordenseins und unserer gemeinsamen
Kultur.
Ich muss hier niemandem erzählen, wie
viel ärmer das deutsche Dichten und Denken ohne die jüdischen Dichter und
Denker, Musiker, Schauspieler, Wissenschaftler, Publizisten, Arbeiter,
Unternehmer in Deutschland wäre. In dieser Woche wird, viel besser als ich
das könnte, darauf hingewiesen werden, wie arm auch die deutsche Sprache
ohne ihre vielen jiddischen und hebräischen Wurzeln wäre. Wir müssten auf
den Samstag verzichten, auf das Techtelmechtel und den
Hals- und Beinbruch, wir könnten uns in der Neujahrsnacht keinen
Guten Rutsch wünschen, hätten keinen Zoff miteinander, keinen
Schlamassel, uns ginge nichts kaputt und auch vom
Pleitegeier wäre nicht die Rede. Umgekehrt hat kein deutscher Literat
so akribisch und überzeugend analysiert wie erbärmlich, verbrecherisch und
entlarvend die deutsche Sprache der deutschen Nazis war und ist wie der
deutsche Jude, der Dresdner Sprachwissenschaftler Victor Klemperer in
seinem "LTI". Er hat uns ein gültiges Werkzeug hinterlassen, in der
Sprache das Verbrechen und die Rohheit zu erkennen. Wir müssen es wieder
öfter in die Hand nehmen.
Ich möchte ein wenig davon bewusst
machen, weil ich selbst bewusster mit den Verlusten leben und mich mit
weiteren nicht abfinden will. Meine jüdischen Großeltern sind mit ihren
beiden Kindern, eines davon ist mein Vater, erst nach dem deutschen
Einmarsch aus Prag nach Polen und dann nach England geflohen. Sie konnten
auf der abenteuerlichen Flucht kaum Fotos mitnehmen, vom Tallit, den mein
Urgroßvater kurz zuvor bei einem Besuch aus Berlin mitgebracht hatte, ganz
zu schweigen. In Yad Vashem habe ich so viele Namen aus dieser großen
Familie gefunden. Bilder besitze ich nicht und nur wenige Erinnerungen
meines Vaters an einige von ihnen. Ich bin mit der fassungslosen Empörung
über Auschwitz und Theresienstadt aufgewachsen. Das Verlustgefühl ist viel
später entstanden.
Als ich mich auf den heutigen Abend
vorbereitete, stieß ich auf das Bild eines berührend schönen und
fröhlichen Kindergesichtes. Das Kind fährt mit einem Holzroller. Es ist
das Gesicht eines fünfjährigen Mädchens aus dem Dresdner "Judenlager
Hellerberg" von Anfang 1943. Wenige Tage nach der Aufnahme wurde das Lager
aufgelöst. Diejenigen, die nicht für das Programm Vernichtung durch Arbeit
in Frage kamen, darunter dieses Mädchen, wurden unmittelbar nach der
Ankunft in Auschwitz "selektiert" und in den Gaskammern der Bunker I und
II im Lager Birkenau ermordet. Sie, sehr geehrte Damen und Herren, wissen
das. Aber wir wissen nicht einmal den Namen dieses Mädchens. So muss doch
wenigstens das Entsetzen bleiben, was Menschen, wenn sie Rassisten sind,
mit einem so zarten und vertrauensvoll blickenden Kind machen können. Ich
habe drei Töchter, die jüngste ist nicht einmal so alt, wie es das Mädchen
vom Hellerberg damals gewesen war. Ich bin nicht fähig und will nicht
fähig sein, solche scheinbar alltäglichen Kinderbilder im Wissen um den
späteren Mord zu ertragen. Doch ich bin fähig mit ihnen umzugehen.
Toleranz ist ein großer menschlicher und politischer Wert. Sie muss mit
allen unseren Kräften behütet werden. Das schließt die Toleranz gegenüber
Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit aus. Kompromisslos.
Das ist nur möglich, wenn die Anfänge
erkannt werden und ihnen gewehrt wird. Die liegen tief in der europäischen
und deutschen Geschichte und ganz und gar an der Oberfläche der Gegenwart.
Dem beständig entgegenzutreten ist unabdingbar. Die Jiddische Musik- und
Theaterwoche macht aber noch mehr: Sie schenkt uns die Buntheit,
Fröhlichkeit und Vielfalt jüdischer Kunst und Kultur. Wenn wir dieses
Geschenk annehmen und weiterschenken, dann können wir auch zuversichtlich
sein.
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