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André Brie, 20. April
2006, Nahost, für Politikerscreen
Eine gewollte Unlösbarkeit?
Seit dem Wahlsieg der Hamas in Palästina
ist das Dilemma komplett. Es waren - auch nach Einschätzung der
internationalen Wahlbeobachter - die ersten demokratischen und fairen
Wahlen in einem arabischen Land. Nur mit dem Ergebnis kann offensichtlich
niemand leben. Das tragische Opfer ist die Idee der Demokratisierung in
der arabischen Welt. Die internationalen Forderungen an die Hamas -
Anerkennung des Existenzrechts Israels und der bisherigen
Verhandlungsergebnisse sowie Gewaltverzicht - sind selbstverständlich und
notwendig. Für viele Palästinenser und Palästinenserinnen ist die eigene
Wahl noch problematischer. Mit der Hamas hat eine Organisation mit
reaktionärem Frauenbild gesiegt; die säkulare und pluralistische
intellektuelle und kulturelle Landschaft wird bereits jetzt von
ausgeprägter Zensurbereitschaft des neuen Kulturministers bedroht;
Legislative und Regierung einerseits sowie Präsident und PLO andererseits
(in der die Hamas nicht Mitglied ist, die aber international, oft auch
diplomatisch, als der einzige legitime Vertreter der Palästinenser
anerkannt ist) stehen sich feindlich gegenüber; mit der Streichung der
finanziellen Unterstützung der USA, der EU und Japans für die
Palästinensische Autonomiebehörde sowie der Zurückhaltung der
palästinensischen Steuern und Zölle durch Israel verschärft sich die
ohnehin desaströse wirtschaftliche und soziale Situation noch einmal
dramatisch, drohen in kürzester Zeit politisches Chaos und Bürgerkrieg.
Die tagelangen, massiven israelischen
Granaten- und Raketenangriffe auf den Gaza-Streifen sowie das
unentschuldbare Blutbad des palästinensischen Selbstmordattentats in Tel
Aviv bieten der jeweils anderen Seite erneute Begründungen für eine
Eskalation der Gewalt und des Hasses. Es ist eine Politik aller
Beteiligten, die genau das erzeugt, was man immer vom Anderen an Negativem
erwartet hat. Der Hamas-Wahlsieg hat unterschiedliche Ursachen. Nicht
zuletzt ist er eine Reaktion auf das politische und wirtschaftliche
Versagen der alten Fatah-Administration und ihrer Korruption. Aber er ist
auch eine verzweifelte Antwort auf die Demütigung und Ignoranz des Westens
gegenüber den Palästinensern und ihrer elementaren Not. Ich habe bei
meinem Besuch in den besetzten Gebieten in der vergangenen Woche zynische,
verantwortungslose und dumme Argumente von Hamas-Politikern gehört. Der
furchtbare Höhepunkt war die Aussage des neuen Sprechers (Präsidenten) des
Palästinenser-Parlaments Aziz Duaek (Hamas), die Juden hätten sechs Jahre
Holocaust erleiden müssen, die Palästinenser bereits sechs Jahrzehnte. Das
ist konsequent zurückzuweisen. Aber man muss schon dorthin fahren, den
elenden Alltag dieser Menschen kennen lernen und die erbarmungslos
umfassenden Konsequenzen der israelischen Mauer und des Sicherheitszaunes
konkret erleben, der nur teilweise Israelis und Palästinenser von
einander, viel mehr aber und zehntausendfach die Palästinenser
untereinander und von ihren Verwandten, Feldern, Märkten, Arbeitsplätzen,
Schulen und Krankenhäusern trennt. Israels Sicherheit, freie und
demokratische Entwicklung sind ein Axiom jeder verantwortlichen
internationalen Politik. Doch zweierlei Maßstäbe gegenüber Israel und den
Palästinensern bei der Einhaltung des internationalen Rechts, der
Beschlüsse des Sicherheitsrates, der Road Map und der Menschenrechte sind
nicht akzeptabel und politisch eben kontraproduktiv, wenn es wirklich um
Demokratie und Kompromissbereitschaft auf palästinensischer Seite gehen
soll.
Es ist eben auch zu berücksichtigen,
was die Einstellung der westlichen Finanzhilfen konkret bedeuten wird. Sie
gelten schließlich nicht der Regierung, sondern einem Volk, das unter
schlimmen politischen und sozialen Bedingungen leidet. Es ist richtig,
aber allzu leicht gesagt, man könne keine Regierung unterstützen, die dem
Terror nicht konsequent abschwört. Unzweifelhaft kann die Erklärung der
Hamas nicht hingenommen werden, das Blutbad in Tel Aviv sei ein Akt der
Selbstverteidigung. Warum jedoch wird nicht darüber nachgedacht, zivile,
wirtschaftliche und humanitäre Projekte unmittelbar zu finanzieren und die
Gelder über die Weltbank so auszuzahlen, dass die 150.000 Angestellten der
Palästinensischen Selbstverwaltung ihre Gehälter direkt bekommen?
Betroffen sind Tausende Lehrer, Ärzte, Verwaltungsangestellte, Polizisten.
Mit den Familienangehörigen geht es um die soziale Existenz von mehr als
einer Million Menschen. Kann denn jemand ein Interesse haben, dass es zum
Bürgerkrieg zwischen den noch Fatah-dominierten palästinensischen
Sicherheitskräften, die seit März nicht mehr entlohnt werden, und der
Hamas-Regierung kommt? Wollen wir uns dann bestätigt fühlen, dass die
Palästinenser nicht demokratie- und friedensfähig sind? Dass nun der Iran,
Saudi Arabien, Russland oder Katar finanziell einspringen, macht die
Situation keinen deut besser.
Meiner Meinung nach werden die
berechtigten Forderungen an die Hamas nur dann wirkungsvoll sein, wenn es
ähnliche Forderungen auch an Israel und die internationale Gemeinschaft
gibt. Am 10. April trafen sich in der palästinensischen Kleinstadt Anata
Soldaten und Offiziere der israelischen Armee und Kämpfer der
Palästinenser zu einer neuen Friedensinitiative. Der Ort war symbolisch:
der Hof einer palästinensischen Schule, über den die dort acht Meter hohe
Betonmauer der israelischen Sperranlage gezogen wurde. Man redete von den
furchtbaren Erfahrungen, die man miteinander gemacht hatte, aber man
rechtfertigte damit nicht die Fortsetzung von Gewalt und Feindschaft,
sondern die Notwendigkeit aus dieser Spirale, in der Aktion und Reaktion
nicht mehr unterscheidbar sind, herauszukommen und sich einer Logik zu
verweigern, die nur das verursacht, was man angeblich oder tatsächlich
verhindern will. Ausbrechen aus der seit Jahrzehnten verfahrenen und in
den Abgrund führenden Logik des Rechthabens - diese Haltung bei den
politisch Verantwortlichen in Israel und Palästina, in der EU und den USA
ist meiner Meinung nach der einzige Ausweg. So viel Mut müssten doch auch
Menschen haben, die dafür nicht, wie israelische und palästinensische
Soldaten, mit zum Teil gravierenden persönlichen Konsequenzen bis hin zu
Gefängnisstrafen bezahlen müssen. |
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