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Im
Westen nichts Neues?
Die PDS im zehnten Jahr
ihrer bundesweiten Existenz
Nach der vom
Bundesverfassungsgericht gegen die CDU/CSU, FDP und SPD erzwungenen Veränderung
des Wahlgesetzes für die ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen
beschloss die PDS im September 1990 Hals über Kopf ihre Ausweitung in die
„alten“ Bundesländer. Knapp zehn Jahre später fällt die Bilanz der
„Westentwicklung“ gemessen an damaligen und bis heute immer wieder geäußerten
euphorischen Erwartungen bescheiden aus. Wer dem so beliebten
Voluntarismus nicht gefolgt ist, sondern die enormen kulturellen und
politischen Barrieren in der westdeutschen Teilgesellschaft und ihre seit
mindestens anderthalb Jahrzehnten anhaltende gesellschaftliche Lähmung
sowie die unvermeidbaren Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer
praktisch neuen Partei realistisch einschätzte, wird zwar kaum enttäuscht
worden sein, in der PDS aber auch kein Gehör finden. Rund ein halbes
Dutzend Konzepte für die Westentwicklung der PDS sind in den vergangenen
Jahren verabschiedet worden, keines war erfolgreich, in keinem Fall wurde
wirklich versucht, es umzusetzen. Die offensichtlichen Schwierigkeiten und
die Fehlschläge (misst man die Ergebnisse an den verkündeten Zielen)
haben zum Verzicht auf langfristige Vorstellungen und Analysen sowie zu
einem auch nicht erfolgreicheren Pragmatismus geführt.
Die PDS und der deutsche
Westen – das ist eine Geschichte von Unmöglichkeiten, missachteten Möglichkeiten
und der beständigen Verwechslung von beidem. Im übrigen ist es aber auch
nicht nur eine Misserfolgsgeschichte, wie sie sich zum wiederholten Mal im
Landtagswahlergebnis der PDS in Schleswig-Holstein zeigte. Die
PDS-Entwicklung in Westdeutschland ist durchaus von einer positiven
Tendenz gekennzeichnet, aber auf niedrigstem Niveau, mit geringstem Tempo
und größten Widersprüchen. Zeiträume zu nennen, ist unter solchen Umständen
Scharlatanerie. Eine realistische Einschätzung von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten
würde der PDS manche Enttäuschung und verfehlte Strategien sowie der Öffentlichkeit
die beständigen Versuche der PDS ersparen, diese Enttäuschungen
zurechtzubiegen und die immer gleichen Wunschvorstellungen als neues und
diesmal absolut realistisches Erfolgsrezept zu verkaufen.
Die PDS hat im ersten
Jahrzehnt ihrer Existenz in Westdeutschland ihre Stimmenzahl von den für
Parteien links von der SPD seit Jahrzehnten üblichen 0,3 Prozent 1990 auf
1,2 bzw. 1,3 Prozent bei den Bundestags- und Europawahlen 1998 und 1999
gesteigert. In einer ganzen Reihe von großen Städten in Hessen,
Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sowie in
Westberliner Bezirken ist die PDS in die Kommunalvertretungen gewählt
worden, zum Teil sogar in Fraktionsstärke. Sie hat inzwischen rund eine
halbe Million Wählerinnen und Wähler in den alten Bundesländern und
Westberlin. Wenn der Superlativ nicht die fortgesetzte beträchtliche
politische Isolation der PDS in der westdeutschen Teilgesellschaft beschönigte,
ließe sich durchaus sagen, dass die PDS damit auch die mit Abstand stärkste
westdeutsche Partei links von der SPD ist und eine Akzeptanz in der
westdeutschen Bevölkerung erreicht hat, die eine derartige Partei seit
drei Jahrzehnten nicht mehr besaß. Obwohl sie mit knapp dreieinhalb
Tausend - oft überdurchschnittlich
engagierten – Parteimitgliedern weit von jener Zahl entfernt ist, die
Parteienforscher für eine eigenständige, sich selbst tragende und
politisch wirksame Mindestzahl halten (ca. 15.000 aktive Mitglieder), hat
die PDS inzwischen ein flächendeckendes Organisationsnetz in ganz
Westdeutschland.
Wer sich jedoch nicht selbst
in die Tasche lügen will, wird bei all dem die weiter bestehenden
strukturellen und kulturellen Hindernisse für die PDS-Entwicklung in
Westdeutschland berücksichtigen müssen: Erstens
bestehen in Deutschland auch zehn Jahre nach dem Mauerfall ohnehin zwei
autonome Teilgesellschaften und Parteiensysteme, deren Unterschiede
teilweise alles andere als kleiner geworden sind. Daran leider auch Grüne
und FDP erheblich.
Zweitens
hat
die PDS – mit einigen kommunalpolitischen Ausnahmen – bisher nur als
bundespolitischer Faktor und mit ihrem bundespolitischen Profil für einen
kleinen Teil der westdeutschen Bevölkerung eine reale Funktion (als
Partei der sozialen Gerechtigkeit, als linkes Korrektiv zu SPD und Grünen,
als Adressat, um berechtigten Protest auszudrücken). Das Ganze spielt
sich zudem auf einem Niveau zwischen ein und zwei Prozent der Wählerschaft
ab. Als Partei in Westdeutschland, in Bayern,
in Schleswig-Holstein… wird
ihr keine Funktion zugemessen. In einer Allensbach-Befragung (FAZ v.
15.12.1999) bezeichneten 65 Prozent der befragten Westdeutschen die PDS
als "Ostpartei", nur 23 Prozent als "linke Partei"
(was mit Sicherheit viele der Betreffenden auch nicht positiv gesehen
haben werden).
Drittens
ist, wie erwähnt, die politische und vor allem die kulturelle Isolation
der PDS in den alten Bundesländern nicht überwunden. Die PDS ist für
viele Westdeutsche immer noch eine praktisch ausländische Partei. Ihre
negative Stigmatisierung (als demokratiefeindliche, extremistische, nicht
wählbare Partei, als reine SED-Nachfolgerin, als ausschließlich
ostdeutsche Partei usw.) hat auch in jüngster Vergangenheit nur geringfügig
nachgelassen. Die in vielen Umfragen konstant gemessenen rund 25 Prozent
der westdeutschen Bevölkerung, die Sozialismus für "eine gute
Idee" halten, die nur "falsch verwirklicht" wurde, sind
bislang nicht in der Lage und nicht bereit, diese Einschätzung, sofern
sie überhaupt praktische Relevanz hat, mit der PDS zu verbinden.
Viertens
hat sich die PDS selbst noch nicht gegenüber der westdeutschen
Gesellschaft geöffnet. Das ist nicht das Problem ihrer Mitglieder in
Westdeutschland, sondern das der Bundespartei und ihrer politischen
Kultur. Die PDS kann und darf die intensive soziale und kulturelle
Verankerung in Ostdeutschland bei Strafe ihres Untergangs nicht aufgeben,
sondern muss sie als Basis ihrer bundespolitischen Bedeutung, ihrer realen
politischen Funktion und ihrer Perspektive pflegen, reproduziert mit der
ostdeutschen Verharrung aber auch selbst die Barrieren im Westen. Sie
folgt meiner Meinung nach in dieser Hinsicht auch einer illusionären und
mehrfach gescheiterten Strategie, wenn sie ihre westdeutschen Aktivitäten
praktisch auf Wahlteilnahmen beschränkt. Die sind legitim und unter der
Voraussetzung eines strengen Realismus durchaus geeignet, die
Parteientwicklung und die Veränderung der öffentlichen politischen
Bedingungen zu fördern, aber als Ersatz für die beharrliche Kleinarbeit
würden sie von einem gefährlichen Unernst gegenüber den angesprochenen
Menschen zeugen. Sie können in keiner Weise die Kontinuität politischer
Alltagsarbeit und der Versuche ersetzen, mit anspruchsvollen
politisch-intellektuellen Angeboten in die realen aktuellen geistigen,
sozialen und politischen Auseinandersetzungen in der westdeutschen
Gesellschaft einzugreifen. Fast immer, wenn die PDS solche kulturellen
Anstrengungen unternimmt, verbleibt sie geografisch, organisatorisch,
finanziell sowie politisch und intellektuell im heimatlichen Osten der
Republik.
Fünftens:
Der bereits skizzierte Voluntarismus und die durch keine Erfahrungen,
Tatsachen und Analysen ausrottbaren Illusionen, bei der nächsten
Wahlteilnahme in Westdeutschland werde aus diesen oder jenen Gründen nun
doch endgültig der Durchbruch geschafft, haben ihre tiefen Wurzeln nicht
zuletzt in den Herkünften aus der SED bzw. ideologisch ähnlichen
westdeutschen kommunistischen Gruppen. Einschätzungen, die in die eigene
Vorstellung passen, werden addiert, jene, die ihnen widersprechen,
ignoriert. Die eigene, oft enorme politische Anstrengung oder Absicht wird
für das zu erwartende gesellschaftliche Ergebnis genommen. Vor allem aber
werden die schwierigen Entwicklungsprozesse von Massenbewusstsein, die
Bedeutung soziokultureller Milieus (die abnimmt, aber immer noch groß
ist) und kulturelle Konsequenzen eines parlamentarischen Systems (also
z.B. die Frage, welchen "Gebrauchswert" die PDS für Wählerinnen
und Wähler hat) missachtet, während die eigene Überzeugung, wie wichtig
man sei, wieviel besser als andere Parteien, wie sehr man politisch Recht
habe, mechanisch auf die Wählerinnen und Wähler projiziert wird. Der
alte Avantgarde- und Alleinvertretungsanspruch für die gesellschaftliche
und politische Wahrheit wird heute in der PDS mit zumeist ehrlicher Überzeugung
vehement verworfen, kulturell macht er sich jedoch immer noch bemerkbar.
Ich bin überzeugt, dass
eine bundesweite moderne sozialistische Partei für diese Republik
dringend erforderlich ist. Links von SPD und Grünen ist politisch und
sozial eine Menge Platz entstanden, seitdem sich alle anderen Parteien in
der alten und neuen Mitte tummeln und die Wirtschaftsinteressen zum non
plus ultra politischer Orientierung erklärt haben. Die Wirtschaft und
ihre Akteure, Konzerne, Banken, Unternehmerverbände, waren wohl noch nie
so machtvoll, und sie haben ihre Dominanz in weitere gesellschaftliche
Bereiche vorangetrieben. Sie sind kaum noch auf die Politik und die
Parteien angewiesen. Dass unter solchen Umständen wenigstens eine Partei
in Deutschland andere Schwerpunkte als die Standort- und Gewinninteressen
setzt, wäre nicht nur ein wünschenswerter, sondern gesellschaftlich
erforderlicher Ansatz. Mit ihrer Stärke in Ostdeutschland besitzt die PDS
Voraussetzungen, diesen Platz einzunehmen. Diese Stärke aber ist mit den
geschilderten und anderen Defiziten verbunden. Auch in Ostdeutschland
sieht eine große Mehrheit (55 Prozent) in der PDS eine Ostpartei, nur
eine Minderheit (36 Prozent) eine Linkspartei. Die PDS nimmt die Funktion
der ostdeutschen Interessenvertretung erfolgreich war. Die Funktion als
sozialistische Partei in Deutschland bildet zwar ihren Selbstanspruch,
aber längst noch nicht die Realität für die Wählerinnen und Wähler.
In dieser Hinsicht ist die
PDS ein Projekt, spannend und spannungsreich, mit Aussichten und akuten
Gefährdungen, mit einem abstrakten Anspruch und einer konkreten dem nur
teilweise entsprechenden Wirklichkeit. Eine schnelle Verbesserung ihrer
Situation in Westdeutschland wird es nicht geben, eine schnelle
Verschlechterung ist dagegen sofort möglich, wenn der weitere
Erneuerungsprozess sowie die mühselige und riskante Öffnung in die
Gesellschaft im allgemeinen, die westdeutsche im besonderen nicht
entschieden vorangetrieben werden. Die PDS ist zur geduldigen politischen
Alltagsarbeit verdammt, zur bisher nicht einmal ernsthaft versuchten
Aufschließung der westdeutschen kulturellen und medialen Gesellschaft,
zur Teilnahme am Wettbewerb um geistige und politische Antworten auf
komplizierteste aktuelle Fragen dieser umbrechenden Gesellschaft, verdammt
zur "Mund-Zu-Mund-Beatmung" der westdeutshen Linken, wie es
Gerhard Zwerenz formulierte, und zur ehrlichen Hinwendung zu Menschen in
der westdeutschen Gesellschaft, die eine alternative Partei wollen, aber
bei weitem nicht mit der PDS übereinstimmen.
Die PDS hat inzwischen in
Westdeutschland drei etwa gleich große, aber sozial und politisch sehr
unterschiedliche Wählergruppen erreicht – a) einen kleinen Teil der
kritischen intellektuellen Milieus, aus denen sich seit den fünfziger
Jahren die verbliebenen Wählerinnen und Wähler der westdeutschen Linken
rekrutierten, b) einen beträchtlichen Teil der übergesiedelten
Ostdeutschen, c) Wählerinnen und Wähler aus ehemals
sozialdemokratischen, aber der SPD schon seit den 80er Jahren verloren
gegangenen Milieus in Regionen mit großen sozialen Problemen. Nur dieses
dritte Wählerpotential verspricht für die nächsten Jahre zusätzliche Möglichkeiten
für die PDS. Es in stärkerem Maße ansprechen zu können, würde erstens
verlangen, diese – gesellschaftlich zum Teil bereits ausgegrenzten –
Menschen kulturell erreichen zu können. Zweitens wäre es erforderlich,
eine intensivere und kontinuierlichere Kommunikation mit ihnen zu
organisieren, in deren Mittelpunkt ihre Interessen stehen müssten, ohne
dabei den libertären sozialistischen Anspruch der PDS zurücknehmen zu dürfen.
Wer sich erinnert, dass diese Gruppen in der Vergangenheit teilweise von
der SPD zu den Republikanern gegangen sind, wird die Schwierigkeit
ermessen können. Drittens müsste sich die PDS mit jenem Teil der
westdeutschen Intellektuellen und mit Gewinnern der
Modernisierungsprozesse verbinden, die modernste soziale Kompetenz mit der
Aufrechterhaltung eines solidarischen Anspruchs an die Gesellschaft verknüpfen.
Der Konjunktiv bleibt dem Projekt PDS angemessen, aber das muss nicht
negativ sein.
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