ANDRÉ BRIE    
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Zehn Jahre PDS Mecklenburg-Vorpommern. Na und?

 

Die PDS ist doch gar nicht wichtig, und die in Mecklenburg-Vorpommern auch nicht. Wichtig ist zum Beispiel Horst. Er ist fanatischer Hansa-Fan und lebt in einem kleinen Dorf bei Goldberg, anderthalb Kilometer von jener noch kleineren Siedlung entfernt, in der ich seit fast 15 Jahren ein Zuhause habe. Horst ist erst 1990 oder 1991 aus Salzwedel zugezogen, aber die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind nicht so stur gegenüber Fremden wie ihnen nachgesagt wird. Horst gehört längst zu ihnen. Als die Konsum-Kneipe wie jede Gaststätte und jeder Laden in den umliegenden Dörfern marktgerecht schloss, und der Anglerverein sie übernahm, schenkte er jeden Freitag Abend und Sonntag Vormittag das Bier aus, fegte die Gaststube, wusch die Gläser ab, heizte im Winter, rechnete jeden Pfennig penibel genau ab. Er selbst bekam keinen. Eine stille Sympathie mir gegenüber habe ich bei ihm in den ersten zwei, drei Jahren bemerkt. Über Politik, über diese merkwürdige Partei des Demokratischen Sozialismus und die eigenartige Arbeit, die ich machte, wurde in der Kneipe nicht geredet, zumindest nicht in meiner Gegenwart.

An einem heißen Sonntag im Frühsommer 1994, die PDS hatte bei den Kommunal- und den Europawahlen bundesweit und besonders in Mecklenburg-Vorpommern enorm zugelegt, betrat ich die Kneipe. Ich hatte die Tür kaum geöffnet, als Horst laut durch den Gastraum brüllte: „Na, André, haben wir das nicht gut gemacht?!“ Es war klar, er meinte das Wahlergebnis der PDS, und er empfand es als seinen Sieg und offensichtlich bezog er nicht nur mich, sondern den ganzen Stammtisch in das „Wir“ ein. Die Scheu, öffentlich über Politik und über die PDS zu reden, ist an jenem Vormittag verflogen. Alle am Stammtisch analysierten mit mir die Wahl. Das heißt, ich selbst kam kaum noch zu Wort. Horst gab sogar eine Runde Bier „Auf die PDS!“ aus.

Seit jenem Sommer gibt es – nach den Angelerfolgen und –misserfolgen – kein anderes Thema, das in der Kneipe so oft und so leidenschaftlich diskutiert wird, wie die PDS und ihre Politik. Sie haben keine Ruhe gelassen, bis ich Gregor mitbrachte (und nicht nur einmal). Da waren die Tische weiß gedeckt. Nie zuvor, nie danach habe ich das gesehen. Der Bundeswehrangehörige, der Schlosser, der Bauer, die Kindergärtnerin, die Angestellte des Amtes M., der Unternehmer, der Zahnarzt – sie erwarten inzwischen, dass Gregor mindestens einmal jährlich kommt. J., der 1990 wohl noch Republikaner gewählt hatte, ist inzwischen Wähler der PDS. H. tritt möglicherweise in den nächsten Monaten ein, Der Forstarbeiter M., der zu DDR-Zeiten nicht bereit war, zu 99prozentiger Wahlbeteiligung beizutragen, hat seine Abneigung vor Wahllokalen 1999 überwunden, weil er die PDS im Europäischen Parlament sehen wollte.

Ich müsste von vielen anderen und viel anschaulicher erzählen. Sie sind wichtig, nicht die Partei. Und gnade uns Gott, wenn wir nicht bei ihnen sind, wenn wir nicht ihre Nöte und Hoffnungen, ihre realen Probleme und Erfahrungen ansprechen (und zwar in ihrer Sprache). Von links. Klar. Aber bei ihnen oder gar nicht. Horst ist wichtig, Jürgen, der „Baron“, Erwin, Birger, Hartwig, Simone, Sigrid, Christian, Michael, der es einem derzeit so schwer macht, Manne, mein Freund Uwe, seine Frau Elvira, ihre Enkel Mike, Steffen, Jamie... Sie alle haben viel größere und realere Probleme, aber irgendwie ist ihnen diese PDS ein klein wenig wichtig geworden. Dass es so geblieben ist, würde ich gern in zehn Jahren wieder schreiben wollen.      

 
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