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Zehn Jahre
PDS Mecklenburg-Vorpommern. Na und?
Die
PDS ist doch gar nicht wichtig, und die in Mecklenburg-Vorpommern auch
nicht. Wichtig ist zum Beispiel Horst. Er ist fanatischer Hansa-Fan und
lebt in einem kleinen Dorf bei Goldberg, anderthalb Kilometer von jener
noch kleineren Siedlung entfernt, in der ich seit fast 15 Jahren ein
Zuhause habe. Horst ist erst 1990 oder 1991 aus Salzwedel zugezogen, aber
die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind nicht so stur gegenüber
Fremden wie ihnen nachgesagt wird. Horst gehört längst zu ihnen. Als die
Konsum-Kneipe wie jede Gaststätte und jeder Laden in den umliegenden Dörfern
marktgerecht schloss, und der Anglerverein sie übernahm, schenkte er
jeden Freitag Abend und Sonntag Vormittag das Bier aus, fegte die
Gaststube, wusch die Gläser ab, heizte im Winter, rechnete jeden Pfennig
penibel genau ab. Er selbst bekam keinen. Eine stille Sympathie mir gegenüber
habe ich bei ihm in den ersten zwei, drei Jahren bemerkt. Über Politik,
über diese merkwürdige Partei des Demokratischen Sozialismus und die
eigenartige Arbeit, die ich machte, wurde in der Kneipe nicht geredet,
zumindest nicht in meiner Gegenwart.
An einem heißen Sonntag im Frühsommer
1994, die PDS hatte bei den Kommunal- und den Europawahlen bundesweit und
besonders in Mecklenburg-Vorpommern enorm zugelegt, betrat ich die Kneipe.
Ich hatte die Tür kaum geöffnet, als Horst laut durch den Gastraum brüllte:
„Na, André, haben wir das nicht gut gemacht?!“ Es war klar, er meinte
das Wahlergebnis der PDS, und er empfand es als seinen Sieg und
offensichtlich bezog er nicht nur mich, sondern den ganzen Stammtisch in
das „Wir“ ein. Die Scheu, öffentlich über Politik und über die PDS
zu reden, ist an jenem Vormittag verflogen. Alle am Stammtisch
analysierten mit mir die Wahl. Das heißt, ich selbst kam kaum noch zu
Wort. Horst gab sogar eine Runde Bier „Auf die PDS!“ aus.
Seit jenem Sommer gibt es – nach
den Angelerfolgen und –misserfolgen – kein anderes Thema, das in der
Kneipe so oft und so leidenschaftlich diskutiert wird, wie die PDS und
ihre Politik. Sie haben keine Ruhe gelassen, bis ich Gregor mitbrachte
(und nicht nur einmal). Da waren die Tische weiß gedeckt. Nie zuvor, nie
danach habe ich das gesehen. Der Bundeswehrangehörige, der Schlosser, der
Bauer, die Kindergärtnerin, die Angestellte des Amtes M., der
Unternehmer, der Zahnarzt – sie erwarten inzwischen, dass Gregor
mindestens einmal jährlich kommt. J., der 1990 wohl noch Republikaner gewählt
hatte, ist inzwischen Wähler der PDS. H. tritt möglicherweise in den nächsten
Monaten ein, Der Forstarbeiter M., der zu DDR-Zeiten nicht bereit war, zu
99prozentiger Wahlbeteiligung beizutragen, hat seine Abneigung vor
Wahllokalen 1999 überwunden, weil er die PDS im Europäischen Parlament
sehen wollte.
Ich müsste von vielen anderen und
viel anschaulicher erzählen. Sie sind wichtig, nicht die Partei. Und
gnade uns Gott, wenn wir nicht bei ihnen sind, wenn wir nicht ihre Nöte
und Hoffnungen, ihre realen Probleme und Erfahrungen ansprechen (und zwar
in ihrer Sprache). Von links. Klar. Aber bei ihnen oder gar nicht. Horst
ist wichtig, Jürgen, der „Baron“, Erwin, Birger, Hartwig, Simone,
Sigrid, Christian, Michael, der es einem derzeit so schwer macht, Manne,
mein Freund Uwe, seine Frau Elvira, ihre Enkel Mike, Steffen, Jamie... Sie
alle haben viel größere und realere Probleme, aber irgendwie ist ihnen
diese PDS ein klein wenig wichtig geworden. Dass es so geblieben ist, würde
ich gern in zehn Jahren wieder schreiben wollen.
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