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André Brie, 22. Februar 2006, Rezension
für das "Neue Deutschland" des Buches von Harald Greib: "Berlin, mit Bitte
um Weisung"
Schwierigkeiten der Satire, die Realität
zu übertreffen
"Berlin, mit Bitte um Weisung" ist ein
satirischer Roman auf die Realität und die Nomenklatura der Europäischen
Union, geschrieben von einem Mann, der sich auskennt. Harald Greib hat
selbst zehn Jahre für den Europäischen Rat, das mächtige Gremium der
nationalen Regierungen, in Brüssel gearbeitet. Der Ich-Erzähler Thomas
Menzel ist ein deutscher Diplomat; gut möglich, dass eine Menge seines
Erfinders in ihm steckt, der seinen Dienst am Staate inzwischen quittiert
hat und heute in einem kleinen französischen Dorf lebt. Auf jeden Fall ist
es ein Buch, das sehr nahe an der bürokratischen Brüsseler und deutschen
Realität angesiedelt ist. Ganz nebenbei ist es auch eine kompakte
Einführung in die Geschichte und Gegenwart europäischer Institutionen und
der Diskussion über die weitere europäische Integration. Wer sich nicht
die Mühe machen will, trockene Fachbücher darüber zu lesen - hier lernt
man sie ebenso genau, aber auf unterhaltsame Weise kennen.
Es macht gewiss nicht nur den
Eingeweihten Spaß, dieses Buch zu lesen. Europa ist ohnehin zu wichtig,
als es der Bürokratie, ihrem Sinn und immer größeren Unsinn, zu
überlassen, von der Greib nicht zu Unrecht meint: "Die allgemeine
Brüsseler Attitüde erinnert mich an sozialistische Systeme; eine kleine
Elite bestimmt das Allgemeininteresse und setzt es zum Wohle aller um -
der Bürger würde diesen geordneten Ablauf der Dinge nur mit Fragen und
eigenen Vorstellungen stören und verzögern." Am satirischsten (falls es
einen solchen Superlativ gibt) ist das Buch dort, wo es wohl am
authentischsten ist, so, wenn der Ich-Erzähler von seinem Chef
aufgefordert wird, eine kurze Notiz in formgerechtes Beamtendeutsch zu
bringen und den Leser, die Leserin teilhaben lässt an der Entstehung eines
Schriftstückes zwischen deutschen Behörden. Das ist vielleicht auch die
Schwierigkeit für den Satiriker: Viele europäische Dokumente und Vorgänge
müssen oder können kaum satirisch übertroffen werden. Greibs Fabel, aus
einem Aprilscherz entwickelt sich im Selbstlauf der Brüsseler
Institutionen eine weitere europäische Behörde, obwohl eigentlich niemand
sie will und braucht, ist nicht so weit hergeholt, und umgekehrt, entsteht
aus mancher dringend erforderlichen europäischen Einrichtung in der
Wirklichkeit der widerstreitenden europäischen und nationalen Interessen
eher ein Aprilscherz.
Der Dramaturgie des Buches hätte ich
gewünscht, dass die anfängliche Konstellation eines Ich-Erzählers, der ein
leidenschaftlicher Befürworter der europäischen Vereinigung ist, und
seines Gegenspielers und Freundes Jean (ein Journalist, der vor allem über
Filz und Korruption in Brüssel schreibt), länger als nur über die ersten
Seiten durchgehalten worden wäre. Aber auch das ist europäische Realität:
Die große Idee ist, wenn überhaupt, allenfalls noch das machtpolitische
Instrument, nicht mehr das tatsächliche Ziel der Politik. So naiv, daran
noch zu glauben, wollte Greib seinen Ich-Erzähler offensichtlich nur im
Rückblick auf dessen Dienstbeginn erscheinen lassen. Dem Verlag hätte ich
gewünscht, das Manuskript wenigstens von den zahlreichen Schreibfehlern zu
befreien, aber wo die Bürokratie sich aufbläht, da bleibt kaum noch Geld
und Personal für die Literatur und ihre Verleger. Dennoch: Ich empfehle
ein sehr aktuelles Buch, und wem Europa noch wichtig ist, dem wird, wie
der Verlag verspricht, das Lachen im Halse stecken bleiben. Meins war
gelegentlich dennoch stärker. Und wer sein europaskeptisches Urteil
bestätigt haben will, mag auch etwas weniger besorgt lachen. Stoff dafür
bietet das Buch, nicht die europäische Realität.
Harald Greib: Berlin, mit Bitte um
Weisung, Mitteldeutscher Verlag, 271 S.,
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