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André Brie, 20. April
2006, Kolumne für das "Neue Deutschland"
Unerklärter erklärter Krieg
Der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe. Das
hat der Anschlag vom Ostermontag auf blutige Weise bestätigt. Auch die
Reaktionen aus Israel und Palästina auf den Terrorakt folgten dem seit
Jahren bekannten Muster: Jede Seite leugnet die – über die unmittelbare
Tat hinausgehende – Verantwortung.
Eines ist klar: Für den Anschlag vom vergangenen Montag in Tel Aviv gibt
ebenso wenig eine Rechtfertigung wie für vorangegangene Terrorakte, die
vor allem Unbeteiligte treffen und an den politischen Gegebenheiten nichts
ändern. Aber es gibt auch keine »Entschuldigung« für die brutalen
israelischen Angriffe auf den Gazastreifen. Ich will keineswegs das
Blutbad von Tel Aviv oder die Terrorbereitschaft einzelner
palästinensischer Gruppen bagatellisieren. Wenn aber die israelische
Außenministerin davon spricht, dass ihrem Land der Krieg erklärt worden
sei, ist dies nicht nur unverantwortlich, sondern widerspricht den
Tatsachen. Denn gegen wen tatsächlich Krieg geführt wird, ist eindeutig:
gegen das palästinensischen Volk, dessen Land okkupiert ist, dem die
elementarsten Menschenrechte vorenthalten werden, das in Mauern gesperrt
und enteignet wird. Und das man nun auch noch aushungern will. Bekanntlich
ist dieser Krieg nie erklärt worden. Trotzdem wird er seit Jahren von
Israel, den USA und der EU Schulter an Schulter geführt.
Statt sich mit den wirklichen Ursachen der Gewalt zu beschäftigen, will
der Westen nur Symptome behandeln – und ausschließlich die
palästinensischen. Aber die von der EU und den USA vollzogene Aussetzung
der Finanzhilfe für die Autonomiebehörde ist nichts anderes als eine
kollektive Bestrafung der Palästinensern. Sie ist inhuman, weil sie
unterschiedslos alle Menschen trifft. Sie ist kontraproduktiv, weil sich
mit den Sanktionen nichts an der Position extremistischer Kräfte ändern
und diese wohl eher stärken wird. Und sie delegitimiert die auch nach
Ansicht internationaler Beobachter demokratisch und fair verlaufenen
Wahlen in Palästina.
Noch kurz vor dem jüngsten Anschlag habe ich mir ein Bild von der Lage in
den palästinensischen Gebieten machen können. Ich habe dort entsetzliche
Not erlebt, die sich nach den Beschlüssen in Washington und Brüssel noch
dramatisch verstärken wird. Bereits jetzt sind die Lebensmittelpreise im
Gazastreifen drastisch gestiegen, Brot wird zum Teil rationiert. Die
internationalen Hilfstransporte können die Grenze oft nicht passieren.
Kürzlich ließ Israel an einem Tag lediglich einen Lastkraftwagen mit
Kartoffelchips passieren. Nun werden bald auch die Gehälter für die
Angestellten, Lehrer, Ärzte, Verwaltungsmitarbeiter, Polizisten in den
Autonomiegebieten nicht mehr gezahlt werden können. Mit ihren
Familienangehörigen werden fast anderthalb Millionen Menschen in einem
ohnehin kaum noch lebensfähigen Land davon betroffen sein. Es braucht
nicht viel Vorstellungskraft, dass diese Entwicklung dem wirtschaftlichen
und sozialen Chaos das politische hinzufügen wird wird. Der Bürgerkrieg
der nicht mehr entlohnten, noch von der Fatah dominierten
palästinensischen Sicherheitskräfte gegen die Hamas-Regierung und ihre
Milizen steht bevor. Dann werden Israel und der Westen argumentieren, man
habe immer gewusst, dass die Palästinenser demokratieunfähig seien.
Meiner Meinung nach werden die berechtigten Forderungen an die Hamas nur
dann wirkungsvoll sein, wenn es ähnliche Forderungen auch an Israel und
die internationale Gemeinschaft gibt. Am 10. April trafen sich in der
palästinensischen Kleinstadt Anata Soldaten und Offiziere der israelischen
Armee und Kämpfer der Palästinenser zu einer neuen Friedensinitiative. Der
Ort war symbolisch: der Hof einer palästinensischen Schule, über den die
dort acht Meter hohe Betonmauer der israelischen Sperranlage gezogen
wurde. Man redete von den furchtbaren Erfahrungen, die man miteinander
gemacht hatte, aber man rechtfertigte damit nicht die Fortsetzung von
Gewalt und Feindschaft, sondern die Notwendigkeit aus dieser Spirale, in
der Aktion und Reaktion nicht mehr unterscheidbar sind, herauszukommen und
sich einer Logik zu verweigern, die nur das verursacht, was man angeblich
oder tatsächlich verhindern will. Ausbrechen aus der seit Jahrzehnten
verfahrenen und in den Abgrund führenden Logik des Rechthabens - diese
Haltung bei den politisch Verantwortlichen in Israel und Palästina, in der
EU und den USA ist meiner Meinung nach der einzige Ausweg. So viel Mut
müssten doch auch Menschen haben, die dafür nicht, wie israelische und
palästinensische Soldaten, mit zum Teil gravierenden persönlichen
Konsequenzen bis hin zu Gefängnisstrafen bezahlen müssen. |
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