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Dr. André Brie,
Beitrag für „Neues Deutschland“, 13./14. November 2004
Die Mauer
210 km der Mauer
sind fertig gestellt, gab die israelische Regierung vergangene Woche
bekannt. 622 km soll sie einmal umfassen. Den Vergleich mit der DDR-Mauer
lehnt Sharon ab. Für die Palästinenser, aber auch für israelische Kritiker
und die meisten Besucher liegt er jedoch auf der Hand. Ohnehin ermöglicht
der Vergleich auch, die Unterschiede deutlich zu machen. So trennt sie
beispielsweise nicht Ost- und Westjerusalem. Im Gegenteil, die Mauer, die
dort bis 1967 stand, ist verschwunden. Aber sie trennt Jerusalem von den
Westbanks, sie trennt die Palästinenser in Abou Dis, Bethlehem oder
Ramallah von ihren Verwandten, von den Krankenhäusern und Schulen in
Ostjerusalem. Die israelische Mauer sperrt nicht wie die DDR-Mauer das
eigene Volk ein, soll nicht dessen Flucht verhindern. Eine ihrer Aufgaben
ist sehr ernst zu nehmen: die Verhinderung von Selbstmordanschlägen. Deren
Zahl ist tatsächlich zurückgegangen. Auch wenn Mauern sicherlich keine
dauerhafte Lösung sind, angesichts des blutigen Terrorismus gegen
israelische Zivilisten ließe sich wenig gegen die Mauern, elektronischen
Zäune und anderen Hindernisse sagen, wenn sie nur diesen Zweck hätten und
an der „grünen Linie“ zwischen Israel und den besetzten Gebieten verliefe.
Doch die Mauer
verläuft fast ausschließlich auf palästinensischem Gebiet und zu 85
Prozent nicht entlang der Grenze von 1967. An einigen Stellen – wie in
Qalqilya - ist sie neun Meter hoch und wird durch zwei Stacheldrahtverhaue
und Bewegungsmelder ergänzt, ein fünfzig bis dreihundert Meter breiter
Streifen. Das Land gehörte palästinensischen Bauern und wurde enteignet.
Vor allem aber zerstückelt die Mauer ganz Palästina. Weite Gebiete wurden
längst nach Jerusalem „eingemeindet“, für riesige jüdische Siedlungen tief
in den besetzten Gebieten, für „Bypass Roads“ zwischen Israel und den
Siedlungen oder eben für die Mauer konfisziert.
Vegard Pettersen,
der Chef des Un-Büros für Humanitäre Koordinierung und Hilfe in Jerusalem
spricht von einer humanitären Krise, die die Mauer (er nennt sie „barrier“)
und die Blockaden in Palästina verursachen. Nach seinen Angaben gibt es
inzwischen 703 unterschiedlichen Sperren, die die Bewegungsmöglichkeiten
der Palästinenser in ihrem eigenen Land und den Wirtschaftsverkehr
ersticken: 60 Checkpoints, von denen oft genug nicht bekannt ist, wann und
ob sie überhaupt geöffnet sind, 6 „partial checkpoints“, 45 „road gates“,
90 Betonblockaden, mit den die Passage von Straßen unmöglich gemacht wird,
350 Erdwälle und Gräben, die die Straßen für Autos unpassierbar machen,
Straßen, deren Benutzung durch Palästinenser verboten ist.
Abou Dis war einmal
ein Vorort Jerusalems. Heute ist es für Palästinenserinnen und
Palästinenser fast unmöglich dorthin zu gelangen. Das Haus der
palästinensischen Lehrerin Terry Boullatas Haus liegt jenseits der Mauer,
in Ostjerusalem, und noch gibt es eine schmale Stelle, an der man über
einen Erdwall, Müll und Betonschutt zu ihm gelangen kann. Terrys Mann
jedoch, der keine Genehmigung für Ostjerusalem hat, darf legal nicht im
eigenen Haus übernachten.
Elf palästinensische
Städte und Dörfer (auch Qalqilya) sind rundum von der Mauer umgeben,
76.900 Menschen sind dort faktisch eingesperrt, weitere 16.300 in zwölf „closed
areas“ zwischen der Grenze zu Israel und der östlich verlaufenden Mauer
und 40.000 durch den neu gebauten Highway 442. So ist die Sperranlage
eben nur zum Teil Schutz für Israel und ganz maßgeblich Instrument der
Annexion großer Teile Palästinas und der Zerstückelung (Bantustanisierung)
des Restes. Die palästinensische Wirtschaft ist praktisch
zusammengebrochen. Die Arbeitslosigkeit ist in den letzten vier Jahren von
10 auf 40 Prozent gestiegen, in einigen Regionen auf 80 Prozent, die Zahl
der Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, nahm von 22 auf 50 Prozent
zu. Die Nahrungsmittelhilfe musste verfünffacht werden. Vegard Pettersen
rechnet vor, dass die palästinensische Bevölkerung gegenwärtig jährlich
eine Milliarde Dollar Hilfe erhält, die höchste pro Kopf in der Welt. Wenn
man sie verdoppelte, würde die Armut um 8 Prozent, beseitigte Israel
dagegen die Hindernisse in Palästina würde sie um 15 Prozent verringert.
„Die Mauer muss
weg!“ kann man auch auf dem Beton in Abou Dis lesen. |
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