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André Brie, 29. September 2004,
Gastkolumne für "Neues Deutschland", 2./3. Oktober 2004:
Die
USA verlieren den Irakkrieg, das irakische Volk den Frieden
"Narren reden tyrannisch", meinte der weise Salomo (Sprüche 14,3). Die
US-amerikanische Irak-Politik ist kaltes machtpolitisches und ökonomisches
Kalkül. Doch die Arroganz der Macht steigert sich in der Arroganz der
Supermacht. Nur: Närrische Supermacht-Politiker reden nicht nur, sie
handeln auch tyrannisch. Gewiss ist es komplizierter. In der
Bush-Administration sitzen nicht wenige kluge, hoch gebildete Menschen
(ich rede nicht von ihrem Chef), und es geht um imperiale Herrschaft und
Öl.
Bei einem UNO-Besuch kurz vor dem Angriff auf den Irak, fragte ich den
stellvertretenden Leiter der USA-Vertretung in New York, Botschafter
Cunningham, ob sich unsere Differenzen nicht auch daraus erklärten, dass
ich auch über die Folgen einer Aggression gegen den Irak nachdächte. Seine
Antwort war lapidar: "Das Problem sind nicht die Folgen, das Problem ist
Saddam Hussein." In mein Reisetagebuch trug ich damals ein: "Für die
irakische Bevölkerung wird es ein weiteres Mal entsetzlich werden, die
langfristigen Auswirkungen auf weltweite und regionale Sicherheit,
Stabilität, Frieden, Eindämmung des Terrorismus, Rolle der UNO und des
internationalen Rechts ebenso." Das zu wissen, musste man kein intimer
Kenner irakischer Realitäten sein. Es reichte, offenkundige, wohl bekannte
Tatsachen nicht zu ignorieren.
Ihren Angriffskrieg haben die USA rasch gewonnen. Nun scheint es, dass die
amerikanisch-britischen Truppen den Okkupationskrieg verlieren. Und wieder
verlieren vor allem irakische Frauen, Männer, Kinder, aber auch der Kampf
gegen den Terrorismus. Ich habe furchtbar gebangt um das Schicksal der
beiden italienischen Geiseln. Aber ich bin empört, dass es in den Medien
kaum eine Rolle spielt, wie ein ganzes Volk zur Geisel amerikanischer
Vorherrschaftspolitik gemacht wird. Wenige Tage war ich im Sommer im Irak,
an wenigen Orten. Zu sehen waren das von US-Panzern eingekesselte
Falludscha, eine von einer Bombe am Vormittag zerstörte Straße im Norden
Bagdads, zu hören Explosionen nicht weit von der verbunkerten "Grünen
Zone" und bei der Fahrt an Bakuba vorbei. Auf dem Rückweg war die Autobahn
von US-Soldaten gesperrt, weil zwei Bomben am Straßenrand gefunden worden
waren. Das waren meine blassen Erlebnisse. Das ist der grelle Alltag für
Millionen Irakerinnen und Iraker. Und ich erzähle noch nicht einmal vom
Leben irakischer Frauen und Mädchen im Süden, wo islamistische
Fundamentalisten unter den Augen der britischen Besatzungsmacht längst
eine frauenfeindliche Ordnung durchgesetzt haben.
2368 Angriffe errechnete die "New York Times" am 29. September für den
letzten Monat. Die zahllosen der Besatzungsmächte unterschlug sie
allerdings. Zu feige und unfähig, in die dicht besiedelten Wohngebiete
einzudringen, jagen sie Verdächtige mit Bombern, Raketen, Panzern und
töten Hunderte Unschuldige, sehr oft Kinder. Saddam Hussein war ein
widerlicher Diktator, aber erst mit der von den USA geführten Besetzung
ist der Irak zu einem weltweit bedrohlichen Aufmarschplatz des
internationalen Terrorismus geworden. Hilfsorganisationen, Journalisten,
Unternehmen ziehen ab, die UN ist nur mit einer Notbesetzung vor Ort und
nicht in der Lage, die von Bush vollmundig angekündigten Wahlen
vorzubereiten. Die irakische Bevölkerung muss bleiben - dem Terror von
Extremisten, Aufständischen und Besatzungstruppen ausgesetzt. Die Auswege
sind mit dem Überfall am 20. März 2003 und danach ebenso zerbombt worden
wie die ohnehin widerspruchsvolle irakische Gesellschaft. Ein ranghoher
US-Militär sagte jetzt der "New York Times": "Wir haben keine taktischen
Verluste zu verzeichnen; wir haben eine Schlacht verloren." Nein, die USA
haben wohl den Krieg, die Irakerinnen und Iraker ganz sicher den Frieden
verloren. Für dieses durch Saddam Hussein, das jahrzehntelange Embargo und
die beiden Kriege der USA schrecklich betroffene Volk darf man nicht
mutlos sein. Aber Lösungen werden unsagbar schwierig. Und sie können nur
von den Irakerinnen und Irakern selbst kommen und ohne die
US-Streitkräfte.
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