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Interview mit dem
mdr am 08.11.2000
Frage:
Eigentlich, so denkt man, ist ja eine Identifikation mit dem Land oder mit
der Kultur, aus der man kommt, etwas Selbstverständliches. Trotzdem gibt
es aber sehr empörte Stimmen bei Ihnen und blankes Unverständnis über
die Vorsitzende. Welche Position vertreten Sie zu Deutschland?
A.B.:
Ich denke, dass es natürlich richtig ist, Realitäten anzunehmen. Dazu
gehört auch, dass die Nationalstaaten nach wie vor die primären
politischen Objekte oder Subjekte sind. Auf der anderen Seite muss ich
ganz ehrlich sagen, dass mir Gedanken wie Liebe in Bezug auf solche
abstrakten Erscheinungen sehr fremd sind, dass ich sie sogar falsch finde,
kontraproduktiv.
Frage:
Trotzdem bleibt ja die Frage, warum ist die Aufregung so groß, dass zum
Beispiel Frau Marquardt schon gesagt hat, Gabi Zimmer ist nicht mehr meine
Vorsitzende.
A.B.:
Sie hat genau gesagt, mit diesen Äußerungen. Ich hänge, gerade
wenn man über Kultur, und das ist ja in diesem Fall auch ein Stück
Kultur, sehr an sprachlicher Genauigkeit. Ich glaube auch, dass Angela
Marquardt es auf keinen Fall weitergehend gemeint hat. Das hat natürlich
schon damit zu tun, dass die Linke ein sehr widersprüchliches Verhältnis
zur Nation seit eh und je in Deutschland hat. Das hat mit der
Nationenbildung in Deutschland zu tun, die ja einherging mit dem
Sozialistengesetz bei Bismarck, also auch gegen die Linke, mit Krieg, mit
der Unterdrückung der Pariser Kommune. Das hat natürlich damit zu tun,
dass Auschwitz kein polnischer Ort ist, sondern es ist ein Ort deutscher
Geschichte, deutscher Kultur, und das wird auch so bleiben, wie für viele
andere Begriffe, die man in diesem Zusammenhang nennen müsste. Ich kann
es mir nicht anders vorstellen, als dass man mit Genauigkeit hier herangehen
muss, mit der notwendigen Differenziertheit. Ich halte solche Sprüche,
die es in der Linken auch gibt, aber das ist Angela Marquardt fremd,
„Deutschlands halt’s Maul!“ oder „Nie wieder Deutschland!“ für
Unsinn, für dumm. Damit stößt man Menschen vor den Kopf, damit stößt
man sie zur Rechten. Aber auf der anderen Seite müssen wir alle dazu
beitragen, und ich denke, dass das von den Konservativen bis zu den Linken
gelten muss, dass diese Differenziertheit, diese Gebrochenheit von uns
angenommen wird, Schreckliches und Faszinierendes gleichzeitig.
Frage:
Was fängt denn nun die Linke an mit dieser Bundesrepublik, wo sie ein
Teil davon ist, wo man aber auf der anderen Seite immer den Eindruck hat,
es gibt so einen Antireflex auf dieses Land, dem man sich eigentlich nicht
zugehörig fühlt, um das man einen Bogen macht im Kopf.
A.B.:
Die Linke ist diesem Land zugehörig, und in dem Sinne muss sie es
annehmen. Sie muss in diesem Land, das ist mein Bild, ankommen, es als den
politischen Raum betrachten, in dem sie wirken kann, den Raum, der auch
sie kulturell geprägt hat. Vor allen Dingen ist aber wichtig für mich,
zu begreifen, dass das der politische Raum ist, in dem man lebt, wo
man politisch seine Dinge umsetzen kann mit den Menschen, wie sie
hier sind, die sich zum Teil national definieren. Das muss die Linke in
dieser Genauigkeit natürlich auch lernen. Und sie muss vor allen Dingen
begreifen, mit einer Verweigerungshaltung und einer Missachtung von Realitäten
– zu den Realitäten gehört, dass trotz Europäischer Union die
Nationalstaaten nach wie vor die wichtigsten politischen Subjekte auf
diesem Erdball sind – wird sie keinen Schritt vorankommen.
Frage:
Was sollte denn nun die Parteiführung der PDS tun mit dieser einmal
losgetretenen Debatte?
A.B.:
Ich denke, sie beenden. Wir sollten ein Verhältnis haben zu diesem Land,
das eben in dieser Differenziertheit besteht, die Schrecknisse und das
Gute benennen können, dazu beitragen, dass auch die wirklich
entsetzlichen Dinge niemals verdrängt werden. Wenn man diesem Land etwas
Gutes antun will, dann muss es lernen, dass Auschwitz niemals zurückgelassen
werden kann. Aber wenn ich wirklich strategisch für die PDS etwas sagen
sollte, wäre das viel, viel Wichtigere, sich den sozialen und politischen
Problemen in diesem Land zuzuwenden, die heute brennen, den Problemen, die
auch mit der Europäischen Union zu tun haben, mit einer Europäisierung
dieser Gesellschaft und ihrer Kultur und dabei immer bei den Menschen zu
sein. Ich glaube, das ist das meiste, was man an Heimatgefühl realisieren
kann.
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