ANDRÉ BRIE    
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Interview mit dem mdr am 08.11.2000

 

Frage: Eigentlich, so denkt man, ist ja eine Identifikation mit dem Land oder mit der Kultur, aus der man kommt, etwas Selbstverständliches. Trotzdem gibt es aber sehr empörte Stimmen bei Ihnen und blankes Unverständnis über die Vorsitzende. Welche Position vertreten Sie zu Deutschland?

A.B.: Ich denke, dass es natürlich richtig ist, Realitäten anzunehmen. Dazu gehört auch, dass die Nationalstaaten nach wie vor die primären politischen Objekte oder Subjekte sind. Auf der anderen Seite muss ich ganz ehrlich sagen, dass mir Gedanken wie Liebe in Bezug auf solche abstrakten Erscheinungen sehr fremd sind, dass ich sie sogar falsch finde, kontraproduktiv.

 

Frage: Trotzdem bleibt ja die Frage, warum ist die Aufregung so groß, dass zum Beispiel Frau Marquardt schon gesagt hat, Gabi Zimmer ist nicht mehr meine Vorsitzende.

A.B.: Sie hat genau gesagt, mit diesen Äußerungen. Ich hänge, gerade wenn man über Kultur, und das ist ja in diesem Fall auch ein Stück Kultur, sehr an sprachlicher Genauigkeit. Ich glaube auch, dass Angela Marquardt es auf keinen Fall weitergehend gemeint hat. Das hat natürlich schon damit zu tun, dass die Linke ein sehr widersprüchliches Verhältnis zur Nation seit eh und je in Deutschland hat. Das hat mit der Nationenbildung in Deutschland zu tun, die ja einherging mit dem Sozialistengesetz bei Bismarck, also auch gegen die Linke, mit Krieg, mit der Unterdrückung der Pariser Kommune. Das hat natürlich damit zu tun, dass Auschwitz kein polnischer Ort ist, sondern es ist ein Ort deutscher Geschichte, deutscher Kultur, und das wird auch so bleiben, wie für viele andere Begriffe, die man in diesem Zusammenhang nennen müsste. Ich kann es mir nicht anders vorstellen, als dass man mit Genauigkeit hier herangehen muss, mit der notwendigen Differenziertheit. Ich halte solche Sprüche, die es in der Linken auch gibt, aber das ist Angela Marquardt fremd, „Deutschlands halt’s Maul!“ oder „Nie wieder Deutschland!“ für Unsinn, für dumm. Damit stößt man Menschen vor den Kopf, damit stößt man sie zur Rechten. Aber auf der anderen Seite müssen wir alle dazu beitragen, und ich denke, dass das von den Konservativen bis zu den Linken gelten muss, dass diese Differenziertheit, diese Gebrochenheit von uns angenommen wird, Schreckliches und Faszinierendes gleichzeitig.

 

Frage: Was fängt denn nun die Linke an mit dieser Bundesrepublik, wo sie ein Teil davon ist, wo man aber auf der anderen Seite immer den Eindruck hat, es gibt so einen Antireflex auf dieses Land, dem man sich eigentlich nicht zugehörig fühlt, um das man einen Bogen macht im Kopf.

A.B.: Die Linke ist diesem Land zugehörig, und in dem Sinne muss sie es annehmen. Sie muss in diesem Land, das ist mein Bild, ankommen, es als den politischen Raum betrachten, in dem sie wirken kann, den Raum, der auch sie kulturell geprägt hat. Vor allen Dingen ist aber wichtig für mich, zu begreifen, dass das der politische Raum ist, in dem man lebt, wo man politisch seine Dinge umsetzen kann mit den Menschen, wie sie hier sind, die sich zum Teil national definieren. Das muss die Linke in dieser Genauigkeit natürlich auch lernen. Und sie muss vor allen Dingen begreifen, mit einer Verweigerungshaltung und einer Missachtung von Realitäten – zu den Realitäten gehört, dass trotz Europäischer Union die Nationalstaaten nach wie vor die wichtigsten politischen Subjekte auf diesem Erdball sind – wird sie keinen Schritt vorankommen.

 

Frage: Was sollte denn nun die Parteiführung der PDS tun mit dieser einmal losgetretenen Debatte?

A.B.: Ich denke, sie beenden. Wir sollten ein Verhältnis haben zu diesem Land, das eben in dieser Differenziertheit besteht, die Schrecknisse und das Gute benennen können, dazu beitragen, dass auch die wirklich entsetzlichen Dinge niemals verdrängt werden. Wenn man diesem Land etwas Gutes antun will, dann muss es lernen, dass Auschwitz niemals zurückgelassen werden kann. Aber wenn ich wirklich strategisch für die PDS etwas sagen sollte, wäre das viel, viel Wichtigere, sich den sozialen und politischen Problemen in diesem Land zuzuwenden, die heute brennen, den Problemen, die auch mit der Europäischen Union zu tun haben, mit einer Europäisierung dieser Gesellschaft und ihrer Kultur und dabei immer bei den Menschen zu sein. Ich glaube, das ist das meiste, was man an Heimatgefühl realisieren kann.     

 
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