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Angela Marquardt/André Brie
Zur Diskussion um die Leitkultur und zur Diskussion um die Rolle der
Nation in der linken Politik
Artikel für
die "Märkische Allgemeine Zeitung" vom 30. 11. 2000
Man mag
nicht glauben, dass ein kluger und gebildeter Mann wie der
CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Merz ernsthaft an die Notwendigkeit einer
„deutschen Leitkultur“ glaubt. Verordnete Kultur gibt es nur in
totalitären Systemen, und selbst dort war und ist Kultur nicht selten ein
subversiver Raum. Ansonsten ist der Wettstreit die Daseinsform der Kultur,
und existieren kann sie erstens nur im Plural, zweitens schon lange nur
noch kosmopolitisch (ihre spezifischen Prägungen, darunter nationale,
eingeschlossen). Wo sie auf eine nationale Seite eingeengt wurde, ging ihr
schneller oder langsamer noch immer die Luft aus. Nicht selten ließ sich
solcherart Kultur aber als wirksames Instrument benutzen, anderen Völkern
die Luft zum Atmen abzuschneiden.
Es
gibt einen prinzipiellen Unterschied zwischen den von Friedrich Merz und
Gabriele Zimmer geführten Diskussionen. Zimmers Devise ist die aus
Brechts Hymne: "Und nicht über und nicht unter/ Andern Völkern
wolln wir sein". Merz stellt einen Hegemonieanspruch für die
deutsche Kultur. Mit dem Bekenntnis zur "Liebe zu Deutschland"
wirft aber auch Gabriele Zimmer die Frage einer nationalen
Selbstdefinition auf. Hier entsteht trotz ihrer differenzierten und
kritischen Darlegungen ein unvermeidliches und gefährliches Problem: Für
die deutschen Nationalisten sind diese Begriffe von zentraler Bedeutung für
ihr braunes Geschäft.
Friedrich
Merz wird es nicht tatsächlich um die Verteidigung einer „deutschen
Leitkultur“ gegangen sein, von der niemand sagen kann, ob sie von Big
Brother, Hip- Hop, McDonald’s, Coca Cola, Döner, Bill Gates, dem Österreicher
Mozart, dem Weltbürger Thomas Mann oder der Ostdeutschen Stefanie Hertel
repräsentiert wird. Klar sein dürfte, dass ein großartiger Teil der
deutschen und anderen westeuropäischen Kulturen vor einem knappen
Jahrtausend arabischer Herkunft war. Unsere Zahlen erinnern daran bis
heute. Ohne die muslimischen Araber wären Kultur und Wissensstand der
Antike, auf deren Wurzel sich die "christlich-abendländische
Kultur" so gern beruft, in der Finsternis des europäischen
Mittelalters untergegangen.
Wenn die CDU
in ihren Positionen zur Einwanderung die „deutsche Leitkultur“ nun plötzlich
scheinbar nicht mehr national, sondern als Bekenntnis zu den Grundrechten
und –werten des Grundgesetzes bestimmt, so wird die ganze Fragwürdigkeit
dieses Begriffes offenbar. Niemandem muss man erzählen, dass das
Grundgesetz nicht nur unter dem massiven Einfluss der amerikanischen,
britischen und französischen Besatzungsmacht zustande kam, sondern –
und das ist einer seiner großen Vorzüge – in der Menschenrechts- und
Verfassungstradition des englischen Habeas Corpus Act von 1679 sowie der
amerikanischen und französischen Menschenrechtserklärungen vom Ende des
18. Jahrhunderts steht. Die universellen (!) politischen und sozialen
Menschenrechte – das eben wäre die moderne humanistische Grundlage
einer Bürgerrechtsgesellschaft.
Worum es
Merz jedoch ging, war ein völlig anderes, dennoch damit zusammenhängendes
Problem: Die CDU hat in den vergangenen Wochen eine radikale Kehrtwendung
gemacht und unter dem Druck der Wirtschaft die bisher massiv geleugnete
Tatsache anerkannt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und sein
muss. Damit dies erstens nicht zu Einbrüchen im nationalkonservativen
Teil ihrer Wählerschaft führt, soll diese mit nationalem Pathos versöhnt
werden. Zweitens wollen CDU und CSU das individuell einklagbare Asylrecht
beseitigen und die Einwanderung wirtschaftlichen „Nützlichkeitskriterien“
unterwerfen. Die Akzeptanz einer „deutschen Leitkultur“ scheint das
geeignete Mittel für eine derartige Auswahl der Geeigneten. Hier können
wir Zimmers Kritik nur zustimmen. Solche Erwägungen sind anachronistisch,
inhuman und Wasser auf die Mühlen nationalistischer Deutschtümelei.
Es
wäre im Interesse aller antirassistischen Kräfte, wenn die CDU sich
dieser Gefahr bewusst wäre und ihre Position schnell korrigiert. Wenn
Gabriele Zimmer in diesem Zusammenhang den Fraktionsvorsitzenden der Union
jedoch praktisch in eine faschistische Ecke stellt („Soll jetzt etwa am
deutschen Kulturwesen die Welt ‚genesen’?“), dann muss sie zum einen
daran erinnert werden, dass sie selbst sich gerade erst und völlig zu
Recht gegen den Vorwurf des „völkischen Antikapitalismus“ verteidigt
hat, zum anderen, dass diese – ziemlich deutsche – „Kultur“,
Auseinandersetzungen in derart undifferenzierter Weise zu führen, dem
Sachverhalt und dem Anliegen zuwider läuft. Sie wird unserer Meinung nach
auch dadurch nicht akzeptabel, dass der PDS Gleiches gar nicht so selten
von Seiten der CDU/CSU widerfährt.
Die
von Gabriele Zimmer in der PDS initiierte Diskussion ist nach unserer Überzeugung
keine ausreichende Alternative zur Merz’schen Position. Nach eigenem
Bekunden geht es ihr um ein unverkrampftes und nicht mehr gespaltenes Verhältnis
der Linken zu diesem Land. Das ist in einer bestimmten Hinsicht eine äußerst
wichtige Aufgabe, wirft aber unbeantwortete Fragen auf. Wir stimmen Zimmer
zu, dass beim Nachdenken über Deutschland Orte wie Auschwitz, Treblinka,
Oradur, Lidice, Kiew, Odessa, Riga und Warschau selbstverständlich
mitgedacht werden müssen. Es sind geografisch Orte außerhalb
Deutschlands, doch geschichtlich und kulturell liegen sie in seinem
Herzen. Sollte nicht gerade aus diesem Grunde unser Verhältnis zu
Deutschland eben widerspruchsvoll und somit zugleich realistisch sein (übrigens
nicht nur seitens der Linken)? Der Jazz-Musiker und „Ghetto-Swinger“
Coco Schumann, ein deutscher Linker, der Deutschland als jüdischer
Deutscher u.a. auch in Theresienstadt, Auschwitz und Dachau erlebt hat
(erleben musste), schreibt in seinen Erinnerungen, dass dieses Land
„inzwischen wieder nicht mehr das meine ist“, jedoch auch: „Aber bei
allem, was ich erlebt habe und heute empfinde, gehöre ich dennoch
hierhin.“
Wäre es
nicht gut, ja notwendig für uns alle gemeinsam, wenn wir, auch die
nachgeborenen Generationen, auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach der
Shoah und dem Zweiten Weltkrieg, in unserem Verhältnis zur „deutschen
Kultur“ und zu Deutschland immer diese Geschichte mitdenken? Was einmal
möglich war, wird nicht mehr als (deutsche) Unmöglichkeit gesehen werden
können. Und gebietet nicht auch die deutsche Realität widerspruchsvolle
Einschätzungen? Johannes Rau sprach auf der Berliner Kundgebung am 9.
November von der liebenswerten Vision eines Deutschland, in dem wir alle
verschieden sein können, aber sowohl Friedrich Merz als auch Gabriele
Zimmer werden zustimmen, dass wir davon in Deutschland gegenwärtig weit
entfernt sind.
Wir möchten
Gabriele Zimmers offensichtliche Absicht so verstehen, dass die PDS und
die mit ihr verbundenen Menschen sich nicht in eine ostdeutsche Nische
oder rückwärtsgewandte Nostalgie zurückziehen, sondern sich in der
modernen gesellschaftlichen Realität der Bundesrepublik engagieren, diese
Gesellschaft also annehmen sollen, weil man sie anders gar nicht kritisch
ändern kann. Aber kann das über die nationale statt über die politische
Grundfrage dieser Gesellschaft geschehen? Das ist doch das uralte,
wahrlich deutsche Dilemma der hiesigen Diskussion. Definierte Rousseau das
Verhältnis zwischen den Individuen und ihrem Gemeinwesen politisch (der
Gesellschaftsvertrag), so antwortete die deutsche Romantik mit tragischer
und bis heute nachwirkender Konsequenz kulturell und national, gar völkisch.
Angesichts einer europäischen Integration, die die gesellschaftliche
Realität längst radikal, nicht unproblematisch, aber auch chancenreich
verändert, angesichts neuer Qualitäten der Internationalisierung vieler
Lebensbereiche, ist der Bezug auf die Nation bei Vielen gefragter aber
auch noch fragwürdiger geworden. Beides ist eine Herausforderung. Wer in
einem Gemeinwesen Verantwortung tragen will, muss zu ihm gehören wollen,
aber auf politische, nicht auf nationale Art. Das Grundgesetz der
Bundesrepublik Deutschland (ein Teil unseres faktischen
Gesellschaftsvertrages) ist eine der wirklich großen fortschrittlichen
Errungenschaften deutscher Geschichte. Im Verhältnis zu ihm, in einer
politischen Beziehung zur deutschen Gesellschaft, könnte die ostdeutsche
Linke ihre weiteren Klärungsprozesse produktiv vorantreiben. Natürlich würden
die Kritik an seinen Unzulänglichkeiten und an der Kluft zwischen
Verfassungsanspruch und Verfassungsrealität und der demokratische Streit
für seine Weiterentwicklung dazugehören müssen. Eine wesentliche
Differenz zu Merz würde dabei deutlich werden: Die Linke will den Staat
nicht aus seiner sozialen und wirtschaftlichen Verantwortung entlassen,
sondern diese zukunftsfähig erneuern, und zwar für alle in Deutschland
lebenden Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft und Kultur. Vielleicht würde
auf diesem Weg nicht nur eine moderne Linke vorankommen, sondern auch ein
modernes europäisches Land, zu dem wohl wie in Frankreich, Schweden, Dänemark
oder Italien auch die gesellschaftliche Akzeptanz einer sozialistischen
Linken gehört.
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