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Liebe
Mädchen und Jungen,
liebe
Eltern, Großeltern, liebe Verwandte, Freunde, Lehrerinnen und Lehrer,
für Sie alle ist heute ein besonderer Tag. Sie, liebe Mädchen und
Jungen, freuen sich auf die Feier und – wer wollte das leugnen – auf
die Geschenke. Ich hoffe, Sie werden mit beidem zufrieden sein.
Aber sicher fragen Sie sich auch, was dieser Tag bedeuten soll, was sich
mit diesem Tag für Sie ändert.
Auf die Anrede „Sie“, die Ihnen nun zusteht, legen die meisten nach
meiner Erfahrung nicht allzu viel Wert. Aber dass wir Sie von heute an
fragen müssen, ob wir Sie weiter duzen dürfen, ist ja bei weitem nicht
das einzige, was sich in Ihrem Leben ändert.
Letztlich, das wissen Sie, soll dieser Tag Ihnen sagen, dass die Kindheit
hinter Ihnen liegt und das Erwachsensein beginnt. Gott sei Dank, werden
Sie vielleicht sagen. Kindsein ist ziemlich uncool.
Jetzt geht’s für Sie richtig los. Immer weniger entscheiden Ihre
Eltern, immer mehr Sie selbst. Verliebt waren oder sind Sie längst
gewesen, mancher nicht zum erstenmal. Zungenküsse braucht Ihnen niemand
zu erklären, alles andere auch nicht. Über Musik wissen Sie ohnehin
besser Bescheid als Ihre Eltern, die bestenfalls die Toten Hosen oder Grönemeyer
hören, aber nichts mit `N Sync, der Band ohne Namen oder der Dritten
Generation anfangen können. Aber darüber sind Sie selbst ja auch nicht
einig. Und das ist gut so. Jede und jeder von Ihnen ist anders. Jede und
jeder von Ihnen hat eigene Stärken und natürlich auch Schwächen. Das
ist etwas Tolles. Anders kann man gar nicht Mensch sein. Wenn ich überhaupt
einen Wunsch an Sie richten dürfte, wäre es der: Achten Sie dieses
Anderssein. Lassen Sie sich nicht einreden, Sie müssten sein wie jemand
anders, und verlangen Sie von Niemandem, sie oder er solle sein wie Sie
oder wie sonst jemand. Manchmal ist man mit sich selbst unzufrieden. Man möchte
größer sein, oder stärker, schöner natürlich, schneller, klüger und
so weiter. Viel, viel wichtiger aber ist, dass jede und jeder von uns nur
einmal da ist, unverwechselbar, einmalig.
Ich
will damit nicht zum Egoismus auffordern. Menschen, die nur an sich selbst
denken, sind mir zuwider. Wir leben mit Anderen zusammen, wir haben
Freundinnen und Freunde, Verwandte, Familie, wir lernen oder arbeiten
gemeinsam, es gibt so etwas Komisches wie Lehrerinnen und Lehrer oder gar
Chefs und so etwas Uninteressantes und Fernes wie eine Gesellschaft, in
der man angeblich oder tatsächlich sogar mit Millionen Anderen zusammen
lebt. Ganz zu schweigen von der Europäischen Union und der Welt.
Jetzt
soll es also um das Erwachsenwerden gehen. Erwachsensein, na ja, da werden
Sie auch schon eine Meinung haben, ist aber auch nicht immer geil. Sie
kennen die Probleme, die Ihre Eltern haben. Man braucht eine Arbeit, mit
der man Geld verdienen kann, die Arbeit im Haushalt dagegen braucht man
nicht unbedingt, doch die fragt danach nicht. Sich in einen anderen
Menschen zu verlieben, ist eine so krasse Sache, dass man sogar Gedichte
schreibt oder Verse von Goethe oder Heinrich Heine rauskramt, obwohl das
alles so mega out ist wie nur was. Der Alltag miteinander und in einer
Familie, auch das haben Sie oft genug selbst erlebt, ist dagegen nicht
immer das Gelbe vom Ei. Man hat Rechte, aber leider auch genug Pflichten.
Ich will Ihnen keinen Vortrag darüber halten, dass auch Pflichten etwas
Gutes sein können.
Es wäre super, wenn Ihre eigenen Wünsche in Erfüllung gingen. Es ist
wichtig, das eigene Leben zu leben. Aber Sie wissen auch, dass es für
viele nicht leicht ist, überhaupt einen Ausbildungsplatz und später eine
Arbeit zu finden, vom Traumjob ganz zu schweigen. Und in den Beziehungen
zu Freundinnen und Freunden, zu den Eltern, sogar zu den eigenen Kindern
gibt es viele, viele schöne Stunden, aber gelegentlich auch handfesten
Zoff. Dagegen gibt es keine Rezepte, aber Zuhören hilft, miteinander
reden, den anderen genauso achten, wie man selbst geachtet sein will.
Ich möchte Ihnen eben beides sagen: Sie sollen leben, wie Sie wollen, Sie
sollen sein, wie Sie sind, aber Sie sollen auch wissen, dass das nur schön
ist mit anderen Menschen gemeinsam und wenn andere es auch können.
Von den Ostdeutschen sagen Wissenschaftler, dass sie viel mehr Beziehungen
zu anderen Menschen haben, mehr miteinander kommunizieren, wie es in der
schwerfälligen Sprache der Experten heißt. Man kann es viel besser ausdrücken:
Sie quatschen mehr miteinander. Das muss ja nicht unbedingt im Unterricht
sein. Sie treffen sich öfter auch in der Freizeit. Sie helfen sich. Man
sagt sogar – und dieser Fachausdruck gefällt mir ausnahmsweise – sie
hätten eine besonders große Chaosqualifikation. Also, in schwierigen
Situationen wissen wir uns zu helfen. Und das Schwierigste sind immer die
Beziehungen mit anderen Menschen. Aber auch das Wunderbarste, oder verständlicher
gesagt: einfach das Geilste.
Ich weiß nicht, ob diese Wissenschaftler Recht haben, aber wir könnten
ja immerhin versuchen, Ihnen Recht zu geben.
Liebe Mädchen und Jungen,
das
ist heute Ihr Tag. Aber ein Wort muss auch Ihren Eltern gehören. Die
erleben diese Feierstunde ganz anders als Sie. Das darf man eben auch nie
vergessen. Das gleiche Wort, das gleiche Ereignis bedeutet für den einen
etwas Anderes als für den anderen. Ich vermute, dass sich Ihre Eltern
heute daran erinnern, wie schnell aus ihren eben noch kleinen Kindern
junge Erwachsene geworden sind. Für Sie, liebe Jugendliche, waren es
lange, lange vierzehn Jahre, für Ihre Eltern eine rasend vergangene Zeit.
Hören Sie nicht auf, auch mal auf Ihre Eltern zu hören, und Sie, liebe
Eltern und Lehrer, hören Sie auf diese jungen Menschen. Sie denken
anders, sie leben schon anders, dass sie andere Musik haben, das hatten
wir bereits, sie wollen um 20.15 Uhr womöglich Big Brother sehen, wenn
Sie, liebe Eltern, auf einen ganz anderen Kanal zappen wollen. Sie können
liebevoll miteinander darüber streiten, aber respektieren Sie dieses
Anderssein.
Liebe
Mädchen und Jungen, Ihre Eltern, Verwandten und Freunde werden Ihnen
heute Vieles wünschen. Ich weiß gar nicht, ob man sich an solche Wünsche
später erinnert und ob man guten Ratschlägen überhaupt folgen kann. Ich
weiß nicht einmal, ob ich ein Recht habe, Ihnen auch etwas dazu zu sagen.
Natürlich wünsche ich Ihnen alles Gute. Aber solche Wünsche ändern ja
nicht die Welt. Vieles hängt nicht von Ihren Eltern ab, auch nicht von
Ihnen. Sie werden es nicht immer leicht haben. Aber das wissen Sie selbst.
Da Ihre Eltern heute besonders freundlich sein werden, auch die ernstesten
Wünsche liebevoll ausdrücken werden, will ich es zum Schluss übernehmen,
einen Wunsch etwas drastischer zu formulieren: Versuchen Sie, keinen großen
Mist zu machen in Ihrem Leben. Es gibt ganz Blödes, Unwürdiges, Vieles,
das hinterher nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Passen Sie auf
sich auf! Ihre Eltern und Ihre Freunde werden immer für Sie da sein. Aber
letztlich entscheiden oft nur Sie. Das ist das Problem des Erwachsenseins.
Aber auch eine Chance.
Vergessen Sie nie, es gibt nichts Besseres auf dieser Welt als Sie, aber
auch nichts Schlechteres als Menschen, die vergessen, dass dies für alle
Menschen gilt.
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