ANDRÉ BRIE    
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Liebe Mädchen und Jungen,

liebe Eltern, Großeltern, liebe Verwandte, Freunde, Lehrerinnen und Lehrer,

für Sie alle ist heute ein besonderer Tag. Sie, liebe Mädchen und Jungen, freuen sich auf die Feier und – wer wollte das leugnen – auf die Geschenke. Ich hoffe, Sie werden mit beidem zufrieden sein.

Aber sicher fragen Sie sich auch, was dieser Tag bedeuten soll, was sich mit diesem Tag für Sie ändert.

Auf die Anrede „Sie“, die Ihnen nun zusteht, legen die meisten nach meiner Erfahrung nicht allzu viel Wert. Aber dass wir Sie von heute an fragen müssen, ob wir Sie weiter duzen dürfen, ist ja bei weitem nicht das einzige, was sich in Ihrem Leben ändert.

Letztlich, das wissen Sie, soll dieser Tag Ihnen sagen, dass die Kindheit hinter Ihnen liegt und das Erwachsensein beginnt. Gott sei Dank, werden Sie vielleicht sagen. Kindsein ist ziemlich uncool.

Jetzt geht’s für Sie richtig los. Immer weniger entscheiden Ihre Eltern, immer mehr Sie selbst. Verliebt waren oder sind Sie längst gewesen, mancher nicht zum erstenmal. Zungenküsse braucht Ihnen niemand zu erklären, alles andere auch nicht. Über Musik wissen Sie ohnehin besser Bescheid als Ihre Eltern, die bestenfalls die Toten Hosen oder Grönemeyer hören, aber nichts mit `N Sync, der Band ohne Namen oder der Dritten Generation anfangen können. Aber darüber sind Sie selbst ja auch nicht einig. Und das ist gut so. Jede und jeder von Ihnen ist anders. Jede und jeder von Ihnen hat eigene Stärken und natürlich auch Schwächen. Das ist etwas Tolles. Anders kann man gar nicht Mensch sein. Wenn ich überhaupt einen Wunsch an Sie richten dürfte, wäre es der: Achten Sie dieses Anderssein. Lassen Sie sich nicht einreden, Sie müssten sein wie jemand anders, und verlangen Sie von Niemandem, sie oder er solle sein wie Sie oder wie sonst jemand. Manchmal ist man mit sich selbst unzufrieden. Man möchte größer sein, oder stärker, schöner natürlich, schneller, klüger und so weiter. Viel, viel wichtiger aber ist, dass jede und jeder von uns nur einmal da ist, unverwechselbar, einmalig.

Ich will damit nicht zum Egoismus auffordern. Menschen, die nur an sich selbst denken, sind mir zuwider. Wir leben mit Anderen zusammen, wir haben Freundinnen und Freunde, Verwandte, Familie, wir lernen oder arbeiten gemeinsam, es gibt so etwas Komisches wie Lehrerinnen und Lehrer oder gar Chefs und so etwas Uninteressantes und Fernes wie eine Gesellschaft, in der man angeblich oder tatsächlich sogar mit Millionen Anderen zusammen lebt. Ganz zu schweigen von der Europäischen Union und der Welt.


Jetzt soll es also um das Erwachsenwerden gehen. Erwachsensein, na ja, da werden Sie auch schon eine Meinung haben, ist aber auch nicht immer geil. Sie kennen die Probleme, die Ihre Eltern haben. Man braucht eine Arbeit, mit der man Geld verdienen kann, die Arbeit im Haushalt dagegen braucht man nicht unbedingt, doch die fragt danach nicht. Sich in einen anderen Menschen zu verlieben, ist eine so krasse Sache, dass man sogar Gedichte schreibt oder Verse von Goethe oder Heinrich Heine rauskramt, obwohl das alles so mega out ist wie nur was. Der Alltag miteinander und in einer Familie, auch das haben Sie oft genug selbst erlebt, ist dagegen nicht immer das Gelbe vom Ei. Man hat Rechte, aber leider auch genug Pflichten.

Ich will Ihnen keinen Vortrag darüber halten, dass auch Pflichten etwas Gutes sein können.

Es wäre super, wenn Ihre eigenen Wünsche in Erfüllung gingen. Es ist wichtig, das eigene Leben zu leben. Aber Sie wissen auch, dass es für viele nicht leicht ist, überhaupt einen Ausbildungsplatz und später eine Arbeit zu finden, vom Traumjob ganz zu schweigen. Und in den Beziehungen zu Freundinnen und Freunden, zu den Eltern, sogar zu den eigenen Kindern gibt es viele, viele schöne Stunden, aber gelegentlich auch handfesten Zoff. Dagegen gibt es keine Rezepte, aber Zuhören hilft, miteinander reden, den anderen genauso achten, wie man selbst geachtet sein will.

Ich möchte Ihnen eben beides sagen: Sie sollen leben, wie Sie wollen, Sie sollen sein, wie Sie sind, aber Sie sollen auch wissen, dass das nur schön ist mit anderen Menschen gemeinsam und wenn andere es auch können.

Von den Ostdeutschen sagen Wissenschaftler, dass sie viel mehr Beziehungen zu anderen Menschen haben, mehr miteinander kommunizieren, wie es in der schwerfälligen Sprache der Experten heißt. Man kann es viel besser ausdrücken: Sie quatschen mehr miteinander. Das muss ja nicht unbedingt im Unterricht sein. Sie treffen sich öfter auch in der Freizeit. Sie helfen sich. Man sagt sogar – und dieser Fachausdruck gefällt mir ausnahmsweise – sie hätten eine besonders große Chaosqualifikation. Also, in schwierigen Situationen wissen wir uns zu helfen. Und das Schwierigste sind immer die Beziehungen mit anderen Menschen. Aber auch das Wunderbarste, oder verständlicher gesagt: einfach das Geilste.

Ich weiß nicht, ob diese Wissenschaftler Recht haben, aber wir könnten ja immerhin versuchen, Ihnen Recht zu geben.

Liebe Mädchen und Jungen,

das ist heute Ihr Tag. Aber ein Wort muss auch Ihren Eltern gehören. Die erleben diese Feierstunde ganz anders als Sie. Das darf man eben auch nie vergessen. Das gleiche Wort, das gleiche Ereignis bedeutet für den einen etwas Anderes als für den anderen. Ich vermute, dass sich Ihre Eltern heute daran erinnern, wie schnell aus ihren eben noch kleinen Kindern junge Erwachsene geworden sind. Für Sie, liebe Jugendliche, waren es lange, lange vierzehn Jahre, für Ihre Eltern eine rasend vergangene Zeit. Hören Sie nicht auf, auch mal auf Ihre Eltern zu hören, und Sie, liebe Eltern und Lehrer, hören Sie auf diese jungen Menschen. Sie denken anders, sie leben schon anders, dass sie andere Musik haben, das hatten wir bereits, sie wollen um 20.15 Uhr womöglich Big Brother sehen, wenn Sie, liebe Eltern, auf einen ganz anderen Kanal zappen wollen. Sie können liebevoll miteinander darüber streiten, aber respektieren Sie dieses Anderssein.

Liebe Mädchen und Jungen, Ihre Eltern, Verwandten und Freunde werden Ihnen heute Vieles wünschen. Ich weiß gar nicht, ob man sich an solche Wünsche später erinnert und ob man guten Ratschlägen überhaupt folgen kann. Ich weiß nicht einmal, ob ich ein Recht habe, Ihnen auch etwas dazu zu sagen. Natürlich wünsche ich Ihnen alles Gute. Aber solche Wünsche ändern ja nicht die Welt. Vieles hängt nicht von Ihren Eltern ab, auch nicht von Ihnen. Sie werden es nicht immer leicht haben. Aber das wissen Sie selbst. Da Ihre Eltern heute besonders freundlich sein werden, auch die ernstesten Wünsche liebevoll ausdrücken werden, will ich es zum Schluss übernehmen, einen Wunsch etwas drastischer zu formulieren: Versuchen Sie, keinen großen Mist zu machen in Ihrem Leben. Es gibt ganz Blödes, Unwürdiges, Vieles, das hinterher nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Passen Sie auf sich auf! Ihre Eltern und Ihre Freunde werden immer für Sie da sein. Aber letztlich entscheiden oft nur Sie. Das ist das Problem des Erwachsenseins. Aber auch eine Chance.

Vergessen Sie nie, es gibt nichts Besseres auf dieser Welt als Sie, aber auch nichts Schlechteres als Menschen, die vergessen, dass dies für alle Menschen gilt.
 

 
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