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Interview mit
des Nachrichtensenders n-tv mit André Brie, September 2002
n-tv.de:
Der Rücktritt Gregor Gysis könnte der Partei gerade in Berlin viele
Stimmen kosten. Was passiert mit der PDS, wenn sie dieses Mal den Sprung
ins Parlament verpasst?
André
Brie: Daran will ich gar nicht denken. Ich meine, dass sie es schafft.
Aber es ist auch ganz klar: wenn dies nicht gelingen sollte, würde in
Deutschland ein sozialistisches Korrektiv fehlen. Zudem würde es
innerhalb der PDS möglicherweise zu einem Hauen und Stechen kommen. Dies
könnte die Wirkungsfähigkeit der PDS auf längere Zeit paralysieren.
n-tv.de:
Mit Gregor Gysi geht eine der letzten großen Führungspersönlichkeiten
der Partei. Die Nachfolgegeneration mit Dietmar Bartsch und Roland Claus
scheint nicht das Charisma und Format ihrer Vorgänger zu haben. Hat die
PDS ein Führungsproblem?
André
Brie: Nein, die PDS hat eigentlich kein Führungsproblem. Sie sollte
sich aber deutlich davor hüten, Politik ohne Gysi machen zu wollen. Sie
sollte im Gegenteil auch jetzt weiter um Gysi kämpfen, denn er ist nicht
ohne weiteres zu ersetzen. Die PDS hat einen großen Vorzug gegenüber
1998 oder 1996: Es sind sehr viele Politiker aus einer neuen Generation
gerade auf Landesebene hervorgetreten. Aber die Partei hat viel zu wenig
dafür getan, diese Menschen und Persönlichkeiten aufzubauen. Dies ist
ein Defizit, dass sich jetzt bitter rächt.
n-tv.de:
Herr Brie, warum haben sie sich aus der PDS-Spitze zurückgezogen? Bräuchte
sie die Partei denn jetzt nicht dringender denn je?
André
Brie: Ich zerreiße mich nach wie vor für die PDS. Ich habe im europäischen
Parlament eine faszinierende Aufgabe gefunden, die mir und auch der PDS
sehr viele Erfolgserlebnisse bringt. Ich selbst war 1998/99 innerhalb des
Karl-Liebknecht-Hauses ziemlich ausgebrannt. Ich musste raus und bin
dankbar, dass ich die Chance hatte, völlig neue Erfahrungen machen zu können.
n-tv.de:
Die Landesverbände unter anderem in Bayern und Hamburg haben wiederholt
negativ auf sich aufmerksam gemacht. Ist die Westausdehnung der PDS
gescheitert?
André
Brie: Wir werden bei den Wahlen am 22.September mit größter
Sicherheit einen Anstieg der Stimmen in Westdeutschland haben, aber natürlich
auf niedrigem Niveau. Die PDS ist in Westdeutschland weiterhin isoliert.
Gescheitert könnte man nur sagen, wenn man diesbezüglich Illusionen
hatte. Die Etablierung der Partei im Westen Deutschlands kann zwangsläufig
nur ein sehr, sehr langsamer Prozess sein. Er wird sicherlich nicht
dadurch gefördert, dass es in einigen Landesverbänden eine Dominanz von
ausgesprochen sektiererischen, rein ideologisch gerichteten Kräften gibt.
n-tv.de:
Die SPD rückt immer mehr in die Mitte des Parteienspektrums und ermöglicht
so der PDS, die von ihr aufgegebenen Positionen zu besetzen. Liegt die
Zukunft der PDS darin, eine neue und bessere SPD zu werden?
André
Brie: Nein, es wäre sehr gefährlich, wenn die PDS in die Mitte, auch
in die linke Mitte des Parteienspektrums rückte. Sie muss eine Partei
mitten in der Gesellschaft werden. In dem Sinne auch eine Volkspartei, was
sie in Ostdeutschland ist. In Westdeutschland wird dies sicherlich nur
eingeschränkt möglich sein, aber auch in Westdeutschland muss sie die
Heterogenität von kulturellen und zum Teil auch politischen Kräften
ansprechen. Sie muss dabei eine linkssozialistische Partei sein und
gleichzeitig eine konsequent realistische Partei. Das mag im Einzelfall
ein Spagat sein aber genau dort liegt meiner Meinung nach die Chance und
Verantwortung der PDS.
n-tv.de:
Alte DDR-Milieus verschwinden allmählich und die PDS ist deutlich überaltert.
Wie will die Partei neue, junge Bevölkerungsschichten an sich binden?
Brie: Die PDS hat in den letzten Jahren eine sehr junge Wählerschaft
gehabt. In Berlin war sie beispielsweise im Jahr 2001 die Partei mit den
mit Abstand jüngsten Wählern. Sie ist aber bisher kaum in der Lage
gewesen, diese jungen Wähler als Mitglieder zu gewinnen. Dazu muss sich
die Partei ändern. Sie muss sich öffnen, sie muss alle Tendenzen von
Avantgardismus überwinden und sie muss ihre Organisations- und Öffentlichkeitsarbeit
viel professioneller machen.
n-tv.de:
Es scheint so, dass die PDS auf Landesebene im Osten schon zu einem großen
Teil akzeptiert ist, während sie auf Bundesebene weiterhin isoliert wird.
Warum ist das so und was kann die Partei tun, um diesen Gegensatz zu überwinden?
André
Brie: Meiner Meinung nach ist der Gegensatz durch den tief verankerten
Anti-Kommunismus in Westdeutschland erklärbar. Auch wenn die PDS keine
kommunistische Partei mehr ist, dominiert dort dieses Bild von uns. Darüber
hinaus haben wir in Deutschland immer noch zwei unterschiedliche
Teilgesellschaften. Für viele Westdeutsche, selbst für jene die
inhaltlich mit der PDS übereinstimmen, ist die PDS eine kulturell fremde
Partei. Ich glaube, dass die Überwindung dieses Gegensatzes zum einen die
weitere Stärkung der Partei in Ostdeutschland verlangt. So paradox das
klingen mag, doch dies sichert uns die Rolle als politischer Machtfaktor
und bundesweite Aufmerksamkeit sowie die Fähigkeit gesellschaftspolitisch
aktiv zu werden. Zum anderen brauchen wir eine sehr sensible und
selbstkritische Politik der PDS hinsichtlich ihrer eigenen Kultur,
Geschichte und Ideologie. Die Partei muss die anderen Erfahrungen und
Interessen, die in Westdeutschland existieren, viel ernster nehmen.
n-tv.de:
Im letzten Teil des Interviews möchte ich noch auf die Demokratiefähigkeit
der PDS näher zu sprechen kommen. Ist die PDS ihrer Meinung nach eine
Anti-System-Partei?
André
Brie: Die PDS ist aus der SED hervorgegangen, welche fundamental die bürgerliche
Gesellschaft und den Kapitalismus abgelehnt hat. Die PDS ist aber
inzwischen eine Partei, die sich ehrlich zum Grundgesetz bekennt. Sie ist
fähig, die Vorzüge einer bürgerlich-demokratischen Gesellschaft zu
erkennen. Dennoch bleibt sie eine kapitalismuskritische Partei.
n-tv.de:
Die Vergangenheit wird in der PDS unter starken ideologischen Vorbehalten
geführt. Einige Gruppen innerhalb der Partei wollen sich nicht vom
Stalinismus lösen. Die PDS will sich wiederum nicht von den orthodoxen
Gruppen lösen, da dies Stimmenverluste bedeuten könnte. Macht dies die
Partei nicht unglaubwürdig?
André
Brie: Es gibt Teile in der PDS, die wirklich überzeugt sind, dass die
DDR eine bessere Gesellschaftsordnung als die Bundesrepublik war. Ich
halte das für grundlegend falsch und gefährlich. Es ist ein großes
Hindernis für die Fähigkeit der PDS, sich als eine moderne linke Partei
in der Bundesrepublik zu etablieren. Es ist aber inzwischen so, dass eine
deutliche Mehrheit der PDS solche rückwärtsgewandten Positionen ablehnt.
n-tv.de:
Nach der Wende zeigten sich große demokratische Defizite innerhalb der
PDS. Beim Programmstreit im Jahr 2000 mit dem Münsteraner Parteitag wurde
dies erneut deutlich. Hat sich die Partei in dieser Hinsicht
weiterentwickelt oder nicht?
André
Brie: Ich denke schon, dass sie sich weiterentwickelt hat. Aber es war
ein großes Problem, dass nach dem Scheitern der DDR neue Fragen wie
Demokratie, Feminismus oder Ökologie schnell und ohne kritische Nachfrage
aufgegriffen worden sind. Der Prozess, sich diese Themen real anzueignen,
begann viel später und dauert bis heute an. Die meisten Parteitage haben
gezeigt, dass es eine Mehrheit für den Reformkurs der Partei gibt.
n-tv.de:
Wenn sie sich etwas wünschen könnten, wie würde die PDS in zehn Jahren
aussehen?
André Brie: Erstens viel jünger
und lebendiger und zweitens eine Partei mit einer libertären
sozialistischen Richtung.
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