| André Brie, 1. Oktober 2002:
Interview für die Märkische Allgemeine
Zeitung
Die
PDS hat große Teile der Ostdeutschen nach der Wende mit auf den Weg in
die Bundesrepublik genommen. Nurn wurde sie faktisch aus dem Bundestag gewählt.
Ist damit ihre „ historische Mission“ erfüllt und beendet?
Brie:
Ich glaube nicht. Sie muss ihre „Mission“, ihren Gebrauchswert in
dieser Gesellschaft aber gründlich erneuern nachweisen. Die
Wahlergebnisse waren ja vor kurzem – zum Beispiel in Berlin im
Oktober 2001 – noch sehr viel besser als heute. Die Niederlage
ist hausgemacht, und ich bin davon überzeugt, dass mit wesentlichen
Korrekturen innerhalb der PDS ein Neustart möglich ist.
Inwiefern
ist die Krise hausgemacht?
Brie:
Wir haben eine falsche Strategie gehabt. Wir haben uns arithmetisch über
die SPD und unsere Stellung zu ihr definiert.
Wir haben zweitens Unernst nachgewiesen hinsichtlich der realen
Probleme der Menschen, die uns gerade im Osten wählen sollen. Und
drittens haben wir einen ziemlich biederen Wahlkampf gemacht.
Sie
haben mit Gregor Gysi zusammen einen Brief an Oskar Lafontaine
geschrieben. War das nicht auch ein Versuch, die PDS über die SPD zu
definieren?
Brie:
Wir haben an Lafontaine geschrieben, dass wir einen inhaltlichen Diskurs
innerhalb der Linken brauchen und haben unsere Differenzen zum Schröder-Kurs
eindeutig herausgestellt. Es geht natürlich darum, dass die PDS
strategisch ohne die SPD nichts bewegen kann. Aber damit das möglich ist,
braucht sie zuerst inhaltliche Kompetenz und zweitens Eigenständigkeit,
sonst wird sie für die SPD uninteressant sein.
Gregor
Gysi schreibt, die PDS sei auch für jene Ostdeutschen unverzichtbar, die
sie nicht gewählt hätten. Das klingt ein wenig nach der „führenden
Rolle“...
Brie:
Man sollte das nicht übertreiben. Die PDS hat immer nur für einen Teil
der Ostdeutschen gesprochen, dort aber eine authentische Stimme erhoben.
Das ist zur Zeit etwas eingeschränkt, muss aber nicht so bleiben. Ich bin
überzeugt, dass die kulturellen Unterschiede zwischen Ost und West
bleiben werden, sich zum Teil sogar erneuern. Die Ostdeutschen sind aber
größtenteils viel selbstbewusster als früher, es sind nicht in erster
Linie Verlustgefühle, sondern man artikuliert couragiert die
Unterschiede. Die rot-grüne Bundesregierung wird auch ihre neuen
Versprechen hinsichtlich des Ostens nicht einhalten können, so dass eine
deutliche Interessenvertretung der Ostdeutschen ganz schnell wieder
aktuell wird.
Worin
sehen Sie die dauerhaften „kulturellen Unterschiede“ zwischen West und
Ost?
Brie:
Alle Umfragen zeigen, dass es diese Unterschiede gibt. Da ist
beispielsweise die stärkere soziale Orientierung der Ostdeutschen, auf
soziale Gerechtigkeit und Gleichheit. All das wird aber nicht mehr
wehleidig vertreten, sondern als Zukunftspotenzial der Ostdeutschen.
Dieses Selbstbewusstsein muss auch die PDS zurückgewinnen und sich von rückwärtsgewandten
Debatten verabschieden.
Sehen
Sie eine zwangsläufige Verbindung zwischen einer ostdeutschen
Interessenvertretung und einer sozialistischen Partei?
Brie:
Nein. Die gibt es nicht. Aber die PDS hat ihr Standbein ausdrücklich
in Ostdeutschland. Hier kann sie nachweisen, dass sie eine moderne
sozialistische Partei sein kann. Sie muss die ostdeutschen Interessen aber
eindeutig von links vertreten; nicht beliebig und nicht als
Regionalpartei.
Warum
gerade von links? Warum ist dieser Ansatz so untrennbar mit dem Osten
verbunden?
Brie:
Dieser Ansatz ist nicht mit dem Osten, sondern mit der PDS verbunden. Sie
definiert sich selbst als demokratisch-sozialistische Partei, deshalb darf
sie das ostdeutsche Potenzial auch nur von links her ansprechen. Sonst
wird sie beliebig und wird die Brücke zur Gesamtgesellschaft nicht
schlagen können.
Ist
nicht eines der größten Probleme, dass bis heute noc niemand den Begriff
„demokratischer Sozialismus“ wirklich definieren kann?
Brie:
Das ist in der Tat ein Problem. Ich finde es bedauerlich und
unverantwortlich, dass die PDS seit vielen Jahren ihre notwendigen Klärungsprozesse
hinauszögert und dass jetzt schon wieder aus dem Vorstand zu hören ist,
dass diese Frage in Verbindung mit dem neuen Grundsatzprogramm noch weiter
verschleppt werden soll.
Thomas
Falkner, der dieser Tage frustriert die PDS-Grundsatzabteilung verlassen
hat, sieht Tendenzen des „Neokommunismus“ und der
„Re-Ideologisierung“. Sehen Sie diese Tendenzen auch?
Brie:
Nein. Diese Kräfte sind in der PDS wirklich nur sehr schwach. Die Gefahr,
die ich sehe, ist, dass die PDS entweder beliebig wird oder sich wieder flüchtet
in eine Verweigerungshaltung gegenüber der Realität in dieser
Gesellschaft. Eine Dominanz von kommunistischen Kräften ist in der PDS völlig
ausgeschlossen.
Hat
die Flut-Katastrophe nicht doch bewiesen, dass Ost und West
zusammenwachsen?
Brie:
Es gibt eindeutig in der Bundesrepuplik Annäherungsprozesse. Das
bedeutet aber nicht, dass die Unterschiede verschwinden. Selbst bei jungen
Leuten in Ostdeutschland gibt es eine Reproduktion eines ostdeutschen
Wir-Gefühls. Das ist aber kein Minderwertigkeitsgefühl mehr.
Ist
diese Ost-West-Differenz also gewissermaßen die Lebensgrundlage der PDS?
Sie können doch im Grunde kein Interesse daran haben, dass sie
verschwindet.
Brie:
Die PDS muss dazu beitragen, dass diese Gesellschaft zusammenwächse. Ich
sage das von einem linken Anspruch her, schon wegen der sozialen
Gerechtigkeit. Die kulturelle Differenz halte ich aber für ein Zeichen
gesellschaftlichen Reichtums, den man nicht nivellieren sollte.
Gregor
Gysi verweist oft darauf, dass Parteien links von der Sozialdemokratie überall
in Europa etabliert seien. Deshalb brauche Deutschland auch die PDS.
Reicht dieser Verweis auf das Ausland zum Nachweis einer
Existenzberechtigung der PDS?
Brie:
Gysi zeichnet da ein Bild der Vergangenheit. Die meisten Linksparteien mit
Ausnahme der skandinavischen befinden sich derzeit in der Krise und sind
eher ein Indiz dafür, dass eine Neudefinition linker Politik dringend
erforderlich ist.
Ist
nicht durch den Wegfall der Eigentumsfrage das grundsätzliche
Unterscheidungsmerkmal zur Sozialdemokratie weggefallen?
Brie:
Wenn man diese Eigentumsfrage primitiv wie die SED definiert, dann ja.
Wenn man es aber modern angeht, nämlich auch als Verteilungsfrage in der
Gesellschaft, Realisierung von demokratischem politischem Einfluss auf das
Eigentum, dann ist das nach wie vor die entscheidende Frage. Das
beginnt bei der Tobin-Steuer, das betrifft die
aktuell diskutierte Erbschafts- und Vermögenssteuer, das betrifft
ganz generell den Einfluss von Politik auf die Wirtschaft. Die
Globalisierung wirft diese Probleme mit ganz neuer Komplexität wieder
auf.
All
diese Fragen, die Sie genannt haben, werden aber nicht originär von der
PDS besetzt.
Brie:
Richtig. Die PDS hat hier Rückstände, die mit ihrer programmatischen
Diskussion zu tun haben. Aber diese Fragen spielen bei der Sozialdemokratie und den Grünen kaum noch eine Rolle, eher
schon bei Gruppen wie Attac. Als Partei hätte die PDS auf diesen Feld
durchaus eine Chance – und eine Verantwortung.
Wer
soll diese Debatten in der PDS führen? Wer kommt denn hinter der jetzigen
Führung? Wird die Personaldecke der PDS mittlerweile dünn?
Brie:
Die Personaldecke ist auf Landesebene durchaus größer geworden. Auf
Bundesebene ist aber nichts unternommen worden, hoffnungsvolle Genossen
bekanntzumachen. Das rächt sich im Augenblick bitter.
Können
Sie sich vorstellen, in die Bundespolitik zurückzukehren?
Brie:
Nicht in den Bundesvorstand. Ich habe mich entschlossen, mich stärker in
Mecklenburg-Vorpommern zu engagieren. Und ich habe natürlich bei
meiner Arbeit hier im Europäischen Parlament eine bundespolitische
Aufgabe.
Das
Interview führte Ralf Schuler
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