03.11.2004:
Interview der „jungen welt“ mit dem MdEP Dr. André Brie
George W. Bush
wird offensichtlich weitere vier Jahre Präsident der USA sein. Haben Sie
bei Ihrem Nahost-Besuch Hinweise darauf gefunden, welche politischen
Konsequenzen die Wiederwahl haben könnte?
Sowohl bei den
kritischen, friedensorientierten Israelis als auch in Palästina gibt es
trotz der Wahl von Bush Hoffnung, daß er in der zweiten Amtsperiode Druck
auf Israel ausüben wird. Ich persönlich bin da aber sehr, sehr skeptisch.
Was erwarten
speziell die Palästinenser von vier weiteren Bush-Jahren?
Sie hoffen, er könne
nach dem erfolgreichen Wahlkampf kritischere Töne gegenüber Israel
anschlagen. Ich erwarte das allerdings nicht. Scharons Politik gegenüber
Palästina wird wohl endgültig alle Möglichkeiten zerstören. Es ist eine
Bantustanisierung der palästinensischen Gebiete im Gange, die in Europa
und in USA fast nicht zur Kenntnis genommen wird. Das alles ist eine
unglaubliche Demütigung der Palästinenser. Ich habe in Abou Dis, Ramallah,
Qualqiya und im Gaza-Streifen hautnah erleben können, was der Bau der
Mauer dort anrichtet. Das ist Apartheidpolitik und Enteignung, die nichts
mit der Sicherheit Israels zu tun hat. Die Mauer trennt auch nicht, wie
behauptet wird, die Palästinenser von den Israelis. Sie trennt vielmehr
die Palästinenser voneinander, von ihrem Eigentum, ihren Feldern, ihren
Nachbardörfern, ihren Verwandten.
Gibt es denn
überhaupt Reaktionen in Israel auf die weltweit geübte Kritik am Bau der
Mauer?
Das Gros der
israelischen Gesellschaft nimmt dazu eine selbstgerechte Abwehrhaltung
ein. Es gibt aber auch Ermutigendes: Ich habe viele Kontakte zu
israelischen Frauenorganisationen oder zu Militärdienstverweigerern
gehabt. Auch zu den “Family Circles”, das sind palästinensische und
israelische Familien, die Angehörige jeweils durch den gegenseitigen
Terror verloren haben. Oder zu einzelnen Knesset-Abgeordneten. 60 bis 70
Prozent der Israelis wollen Frieden, aber sie viele sind noch nicht
bereit, die Konsequenzen, vor allem die Beendigung der Okkupation zu
fordern und stimmen auch der Mauer mehrheitlich zu.
Es sieht so aus,
daß sich der Gesundheitszustand von Arafat stabilisiert hat. Dennoch wird
immer häufiger darüber spekuliert, wie die Entwicklung nach seinem Tode
verlaufen kann.
Fast alle
Palästinenser sagen, es gehe jetzt darum, endlich wieder zu wählen. Das
Haupthindernis ist die Politik der israelischen Regierung, die z. B. die
Registrierung der palästinensischen Wähler in Ostjerusalem verboten hat.
Und die Besetzung Palästinas macht es zusätzlich sehr schwer, Wahlen
anzusetzen. Umgekehrt gibt es aber auch unter den Palästinensern selbst
Probleme mit Wahlen, manche lehnen sie sogar ab, da sie um ihre Pfründe
fürchten.
Andererseits sagen
sehr viele Menschen, auch Abgeordnete des palästinensischen Parlaments,
daß Demokratisierung und Gewaltenteilung notwendig sind. Das ist
jedenfalls eine positive Entwicklung – egal ab Arafat aus Paris
zurückkehrt oder nicht. Seitdem Arafat weg ist, hat sich die Position von
Abu Mazen und Abu Ala verbessert, auch andere Kräfte sind stärker
hervorgetreten. Das ist durchaus eine positive Entwicklung für die
Palästinenser.
In der
israelischen Presse findet sich immer häufiger Kritik an der Irakpolitik,
der USA. Diese Politik führe zur Polarisierung und mache viele andere
Länder unnötigerweise zu Feinden. Israels Interessen wäre mit einem
weiseren Vorgehen besser gedient. Reflektiert sich diese Kritik auch in
der israelischen Politik?
Überhaupt nicht, im
Gegenteil. Zwischen dem, was zwischen Israel und Palästina und dem, was im
Irak passiert, gibt es direkte und indirekte Verbindungen. Der
Nahost-Konflikt schürt terroristische und fundamentalistische Strömungen
in der islamischen Welt. Umgekehrt hat das, was die USA im Irak machen,
dazu geführt, daß dieses Land zum idealen Aufmarschgebiet für
fundamentalistische und auch extremistische islamische Kräfte geworden
ist. Über diesen Zusammenhang wird in Israel durchaus diskutiert.
Kritische Israelis weisen immer wieder darauf hin, daß Terrorismus nur
beseitigt werden kann, wenn der Nahost-Konflikt gelöst wird und die
Palästinenser endlich ihre Rechte erhalten.
Interview: Peter Wolter