|
Offene
Rechnung
Nach
der Bundestagswahl war beinahe überall von einem historischen Wahlsieg
der SPD die Rede. Wenig später aber begann die SPD, mit sich von Wahl zu
Wahl beschleunigendem Tempo in ebenso historische Löcher zu fallen. Im
Oktober 1999 schienen sich alle Diskussionen zu erübrigen, ob die rot-grüne
Koalition mehr als eine vierjährige Episode sein könne. Doch nun sieht
wieder alles anders aus, zumal Schröders Medien-Coup bei Holzmann und vor
allem Eichels Steuerpaket – wie immer man dazu stehen mag – der SPD
auch selbstverdiente Akzeptanz verschafft haben. Natürlich mahnen die
sechzehn Monate seit der Bundestagswahl im September 1998 zur Vorsicht,
und Wählerinnen und Wähler sind hinsichtlich jeder Partei von großzügiger
Vergesslichkeit (nicht so allerdings hinsichtlich der politischen und
demokratischen Rolle der Parteien überhaupt, die im Meinungsbild der Bürgerinnen
und Bürger wohl nachhaltiger als die CDU Schaden zu nehmen droht).
Die
Regierungskoalition ist aus dem Tief und hat ihre Anfangsschwierigkeiten
hinter sich gelassen. Eine längere Periode sozialdemokratischer
Regierungsherrschaft ist doch noch/doch wieder möglich geworden. Die Unwägbarkeiten
sind groß, aber erörterbar. Letztlich wird sich die Frage stellen: Wer
ist Gerhard Schröder? Wer will er sein? Was will er? Ich vermute, dass
Schröder nicht oder kaum einer gesellschaftspolitischen Vision folgt. Die
„neue Mitte“ ist eine solche nicht. Doch muss er Rücksicht nehmen auf
seine Partei, die Gewerkschaften, andere auf die SPD orientierten
gesellschaftlichen Kräfte. Selbst die plötzliche reale Konkurrenz der
PDS kann von ihm nicht einfach ignoriert werden. Schröders Agieren in den
letzten Jahren und Monaten zeigt einen durch und durch pragmatischen,
machtpolitisch geprägten Kurs. Sein Pragmatismus richtet sich auf das
Momentane, das aktuell und kurzfristig Realisierbare, den schnellen Erfolg
und den Medienerfolg. Aber das macht ihn auch für politische
Konstellationen und ihre Veränderung empfänglich, wie sich im
geschickten Eingehen auf die eigene Partei und ihr sozialdemokratisches
Erbe auf dem jüngsten Parteitag der SPD gezeigt hat. Die Konsequenz
seines Pragmatismus ist zudem die gewollte strategische Defensive gegenüber
all jenen Akteuren die eine längere Zeitperspektive für ihre Politiken
haben – Arbeitgeberverbände, Banken, auch Gewerkschaften. Ich sehe vor
allem zwei Herausforderungen, die über Schröders weitere Politik
entscheiden werden.
Erstens
bedeutet die Schwäche der CDU ganz und gar keine Garantie für die
Wiederholung des 98er Wahlergebnisses von SPD und Grünen. Zum einen
profitiert der kleine Koalitionspartner zumindest bisher nicht vom
Aufschwung und dürfte angesichts tieferliegender Probleme auch 2002 ein
Unsicherheitsfaktor sein. Zum anderen ist zwar der Skandal vergleichbar
mit jenem der Italiens Parteiensystem in den 90er Jahren umgestürzt und
die italienischen Christdemokraten hinweg gefegt hat, die Folgen für die
CDU werden jedoch weniger dramatisch sein. Bis zu den Bundestagswahlen
wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Stammwählerschaft wieder
mobilisieren können. Das 98er Wahlergebnis hatte ohnehin
Ausnahmecharakter und täuschte über die Tatsache hinweg, dass es in
Deutschland bisher keine kulturelle Mehrheit jenseits der „bürgerlichen
Parteien“ gibt. Die langfristigen Faktoren sprechen daher alle dafür,
dass bei der nächsten Bundestagswahl der Mehrheitsblock jenseits von CDU,
CSU und FDP nur mit der PDS zu haben sein wird. Das Verhältnis zu ihr ist
bisher jedoch weder bei der SPD noch bei Bündnis 90/Die Grünen in einer
Weise geklärt, die eine wie auch immer geartete
Mitte-Links-Zusammenarbeit möglich
machen würde. Die PDS wiederum hat ebenfalls noch keinen wirklichen,
umfassenden Prozess eingeleitet, um ihre Haltung zu dieser Option, so oder
so, aber transparent, öffentlich und im Gespräch mit der eigenen
Mitgliedschaft und Wählerbasis zu entscheiden. Auch die Vorbehalte gegenüber
der PDS in der (westdeutschen) Bevölkerung sind zwar geringer geworden,
zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch noch ein von allen möglichen
Beteiligten sehr ernst zu nehmendes Hindernis. Wer daher – in der SPD,
bei den Grünen oder der PDS – glaubt, solche Debatten erst 2002
beginnen zu müssen, verbaut zumindest die positive Entscheidung. Die SPD
freilich ist in einer regierungspolitisch komfortablen Situation:
Entsprechende Wahlergebnisse vorausgesetzt, kann sie als einzige Partei
mit allen im Bundestag vertretenen Parteien koalieren. Eine mittelfristig
geschwächte, aber koalitionsbereite CDU käme Schröder für den Kurs der
„neuen Mitte“ wahrscheinlich mehr recht als jede andere Konstellation.
Das
zweite Problem ist wesentlicher und hängt eben mit Schröders Weg in die
„neue Mitte“ und mit deren gesellschaftspolitischen Konsequenzen
zusammen. „Der Tagesspiegel“ zitierte am 17. Januar das Editorial des
„Handelsblatts“: „Zu Recht behaupten deutsche Arbeitgeber, dass nur
bessere Rahmenbedingungen für die Unternehmen den Wohlstand erhöhen,
eine größere Auswahl an Arbeitsplätzen und damit erfülltere Leben
schaffen können.“ Der Gestus der Selbstverständlichkeit solcher Einschätzungen
ist charakteristisch für nahezu die gesamte wirtschafts- und
sozialpolitische Diskussion. Der von Waigel, Kinkel und Blüm so
strapazierte Spruch „Es gibt keine Alternative.“ gehört auch in der
rot-grünen Regierung ohne jede Nuance zum Standard-Repertoire der
Ministerinnen und Minster. Alternativen welcher Art auch immer scheinen
illusionär, weltfremd, abenteuerlich, reaktionär, überflüssig. Allein
die Frage, ob starke, sozial orientierte, Politik und eine intelligente
Re-Regulierung nicht doch modern und vor allem dringend erforderlich wären,
versetzt ihren Autor in die hoffnungslose politische Isolation. Das ist
ernst zu nehmen. Politik ist in hermetischen Nischen nicht möglich.
Nichts
scheint Schröder daher zu einem Kurswechsel zu zwingen. Doch dieser
Schein trügt. Denn erstens sind der „dritte Weg“ und andere Formen
des Neoliberalismus nicht ohne tiefste, bisher seitens der Regierung
uneingestandene, Schnitte in das soziale Netz und die gesellschaftliche
Rolle des Staates möglich. Nicht nur die Verlierer der Modernisierung,
sondern auch jene, die Gesellschaft ohne soziale Solidarität für
undenkbar halten, werden Gegenkräfte mobilisieren. Die gegenwärtige
sozialdemokratische Harmonie wird daher kaum eine längerfristige
Erscheinung sein. Zweitens befinden sich Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur,
Europäische Union, ökonomische, finanzielle, soziale und politische
Weltbeziehungen in unterschiedlichen, aber in jedem Fall geradezu
revolutionären Umwälzungen, denen gegenüber die gegenwärtigen
Varianten der einen oder anderen Kontinuität töricht wirken. Das derzeit
allmächtige laissez faire kann sich relativ rasch als lediglich temporäre
Konjunktur erweisen. Drittens hat sich in den vergangenen Jahren (und
Wahlen) gezeigt, dass Werte der sozialen Gerechtigkeit und Sicherheit
angesichts der dynamischen und kaum überschaubaren Veränderungen eine
neue, aktuelle und hohe Bedeutung in der Bevölkerung erlangt haben.
Vielleicht mit Ausnahme der FDP wird sich keine Partei dieser
Massenstimmung entziehen können. Es erweist sich wohl bereits, dass
sozial eben doch nicht unmodern ist. Ohnehin riskiert die SPD mit der
Aufgabe ihres sozialdemokratischen Charakters ihre Seele. Ungestraft hat
das noch nie eine große Kulturbewegung tun können.
Schröder
will zweifelsohne den Weg in die „neue Mitte“. Aber, ob er ihn gehen
wird oder gehen kann, ist angesichts der Unwägbarkeiten und möglichen
Widerstände offen. Wer Schröder und die SPD auf anderen Positionen sehen
will, hat durchaus Möglichkeiten. Da Schröders Vision und Triebkraft
wohl am ehesten die Kanzlerschaft ist, wird viel davon abhängen, unter
welchen Bedingungen er glaubt, sie am besten realisieren zu können. Das könnte
nicht ihn selbst, aber durchaus seine Politik auch wieder nach links führen.
|
|