|
Interview mit
faz-net am
15. August 2001
In
Berlin schafft die PDS den Durchbruch
Für
die PDS entscheidet sich bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am
21. Oktober, ob sie sich auch in den alten Bundesländern etablieren kann.
Mit André Brie hat sich PDS-Spitzenkandidat Gregor Gysi einen erfahrenen
und erfolgreichen Strategen in sein Team geholt.
Seit
1990 organisiert Brie die Wahlkämpfe der PDS, die bei der Bundestagswahl
1998 zum ersten Mal knapp über fünf Prozent kam. Brie, der seit 1999 für
die PDS im Europäischen Parlament sitzt, gilt als Vor- und Querdenker,
der sich mit seinen schonungslosen Analysen manchmal unbeliebt in der
Partei gemacht hat. FAZ.NET sprach mit dem 51-Jährigen über den Berliner
Wahlkampf und seine Strategie für die PDS und ihren Spitzenkandidaten.
Herr
Brie, die Berliner PDS startet spät in den Wahlkampf. Ein Nachteil?
Die
anderen Parteien haben die Eröffnung ihres Wahlkampfes schon hinter sich.
Das stimmt. Aber im Straßenwahlkampf sind wir tatsächlich die Ersten.
Und
das mitten in der Sommerpause. Ein Vorteil?
Das
ist Kern der Idee. Wir wollen den Charme des Berliner Sommers, seine
Leichtigkeit nutzen. Polit-Kitsch, den alle haben, wollen wir mit ein
bisschen mehr Witz bringen. Kondome natürlich - unser Marken-Artikel,
Kugelschreiber, auf denen steht „It is so Gysi to fall in love“, mit
Feuerzeugen, auf denen gedruckt ist „Kleen, aber voll Feuer“. Wir
werden mit 50 Ständen täglich in ganz Berlin vertreten sein.
Aber
auf Polit-Kitsch allein verlassen Sie sich doch nicht. Sie haben angekündigt,
einen Wahlkampf neuen Stils führen. Was wird anders sein?
Wir
stehen vor einer doppelten Aufgabe: Wir müssen sehr selbstkritisch mit
unserer Vergangenheit umgehen, wir müssen aber auch die Barriere gegen
uns, die aus dieser Geschichte stammt, überwinden. Da hilft uns die
Leichtigkeit eines Kandidaten wie Gregor Gysi. Bei ihm ist es nun wirklich
so, dass er mit seinem Witz Ansatzpunkte bietet, die wir unbedingt nutzen
müssen.
Anders
als der SPD, die für ihren Kandidaten mit dem Wowereit-Zitat „Und das
ist auch gut so“ wirbt, fehlt der Berliner PDS noch der griffige Slogan,
mit dem die Wähler das „Produkt Gysi“ identifizieren könnten. Haben
Sie schon eine Idee?
Wir
bieten zur Zeit an „Take it Gysi“. Wir müssen natürlich hart daran
arbeiten, um der Konzeption anderer Parteien, zum Teil auch der Medien zu
widerstehen, Gregor Gysi nur als den Show-Master darzustellen. Er selbst
und wir werden seine Inhalte wirkungsvoll in die Öffentlichkeit bringen müssen.
Unsere Strategie besteht darin, die PDS und Gysi als Anwälte der sozialen
Gerechtigkeit zu zeigen. Gerade angesichts der bevorstehenden harten
Einsparungen in Berlin, die wir mittragen müssen.
Und
zu diesem Zweck schicken Sie den PDS-Spitzenkandidaten in das Berliner
Kaufhaus des Westens, damit er dort Bücher signiert? Zu DDR-Zeiten galt
das KaDeWe immerhin als Inbegriff westlicher Dekadenz.
Das
ist mehr Zufall. Gregor Gysi hat ja im Frühjahr ein neues Buch heraus
gebracht, und viele Termine, die er jetzt im Herbst hat, stammen aus der
Lesetour, die der Verlag für ihn organisiert hat. Dazu zählt übrigens
auch die Veranstaltung mit Oskar Lafontaine im September.
Aber
das passt Ihnen ganz gut ins Konzept oder?
Wir
werden in West-Berlin erstmals einen Durchbruch erreichen. Da bin ich ganz
sicher. Dazu gehört natürlich auch, mit Gregor Gysi dort zu sein, wo
Symbole West-Berliner Lebens sind. Das war das KaDeWe natürlich.
Trägt
ein solcher Ort etwa auch zur Ost-West-Verständigung bei? Fühlt sich der
„Brückenbauer“ Gysi im KaDeWe am richtigen Platz?
Es
ist ein Schritt in Richtung Normalität und ein Symbol dafür, dass die
PDS an allen wichtigen Punkten in dieser Stadt ein Partner ist, der sich
sehen lassen kann.
Auch
ein Zeichen von Tabulosigkeit?
Prinzipienlose
Tabulosigkeit wird es nicht geben. Eine geographische schon.
Wo
würden Sie Gregor Gysi auf keinen Fall auftreten lassen?
Da
gibt es schon einige Dinge, die ich verhindert habe. Inhaltslose
Nachtveranstaltungen, die wird es zum Beispiel nicht geben.
Sie
meinen Diskotheken?
Varietees
und so etwas.
Und
das Berliner „Chamäleon“?
Das
wäre schon schön. Wir gehen aber auch an viele Kultstätten in
West-Berlin allerdings mit dem Versuch der sozialen und kulturellen
Genauigkeit.
Sie
haben die richtige Stadt, Sie haben den richtigen Kandidaten. Was kann
Ihrem Wahlkampf jetzt noch gefährlich werden?
Selbstgerechtigkeit,
Unfähigkeit auf beiden Seiten, dass PDS und Gysi nicht zusammenkommen.
Ein weiteres Problem ist für mich der Dresdner Parteitag. Ich hätte gewünscht,
dass der nach dem Berliner Wahlgang ist.
Dort
soll über zwei Programmentwürfe abgestimmt werden. Der eine stammt maßgeblich
aus Ihrer Feder, der andere von Teilen der Parteilinken um Sahra
Wagenknecht und Winfried Wolf. Was wären die Folgen, sollten sich die
Vertreter des Marxistischen Forums und der Kommunistischen Plattform
durchsetzen?
Das
wäre ein sehr negatives Signal für den Berliner Wahlkampf. Ich denke,
dass wir damit fertig würden, aber es würde uns das Leben deutlich
schwerer machen. Gerade in West-Berlin.
Herr
Brie, wird die PDS nach der Berliner Wahl eine andere Partei sein?
Wenn
es zu einer Koalition zwischen SPD und PDS in Berlin kommt, wird die PDS
verändert sein. Sie wird nicht nur ihr Profil links von der SPD schärfen
können, sondern auch Kompetenz in umfassender Hinsicht erwerben. Ich
glaube aber auch, dass die Bundesrepublik verändert sein wird.
Sie
haben von einer „freundlichen Oktoberrevolution“ gesprochen. Wie wird
das für Berlin ausgehen?
Wenn
das Wahlergebnis so kommt, wie ich es annehme, nämlich PDS über 20
Prozent und SPD bei 30 Prozent, so dass diese beiden Parteien alleine
regieren können, wäre das ein ganz tiefer Einschnitt für diese Stadt,
und ich glaube für das ganze Land. Meiner Meinung nach mit unumkehrbaren
Folgen. Hier würde etwas nachgeholt, was vielleicht seit 1990 schwer war
aber zum Teil auch versäumt wurde, nämlich die Überwindung der
Vorurteile, der Aversionen gegeneinander. Menschen in Ost und West würden
endlich zusammengebracht. In dieser Hinsicht meine ich, dass es eine
kleine aber freundliche Revolution sein kann.
Sie
haben zuletzt den Bundestagswahlkampf der PDS koordiniert. Dabei kam die
Partei auf 5,1 Prozent und erreichte zum ersten Mal Fraktionsstatus. Was
ist Ihr Erfolgsrezept?
Zunächst
konsequenter Realismus. Ich habe unter anderem auch deshalb viel Ärger in
der PDS bekommen, weil ich auch die negativsten Ergebnisse von
Meinungsumfragen öffentlich gemacht habe. Ich zwinge andere, sich damit
auseinander zu setzen, beispielsweise wenn eine Umfrage 1998 ergab, dass
52 Prozent der PDS-Wähler eine Losung der Republikaner „Arbeitsplätze
nur für Deutsche“ sehr gut oder gut finden. Ich glaube, dass wir mit
dieser Strategie gut gefahren sind. Das Zweite: Man muss sehr
Unterschiedliches zusammenbringen, von Organisation und Strategie bis hin
zum Einfühlungsvermögen für Stimmungen in der Bevölkerung, eine Fähigkeit
zu wissen, was ganz einfache, der PDS fern stehende Wähler denken. Für
mich war beispielsweise die Kneipe, dort wo ich wohne, immer wichtiger als
Umfragen, um über Massenstimmungen etwas zu lernen.
Sie
tun es den beiden großen Parteien gleich, die ihren Wahlkampf jenseits
der Parteizentralen führen. Was stört Sie eigentlich am
Karl-Liebknecht-Haus?
Das
Karl-Liebknecht-Haus sieht zur Zeit wie eine Festung aus, sieht
unordentlich und spießig aus. Man sieht nicht einmal, dass Wahlkampf in
Berlin ist. Aber das ist ein aktuelles Problem, das leicht zu ändern wäre.
Wichtiger ist: Wahlkämpfe müssen auf das Professionellste, Straffste
geleitet werden. Meinen ersten Wahlkampf für die PDS habe ich 1990 noch
aus dem alten ZK-Gebäude gemacht. Aber mit aller Freiheit. Die Unabhängigkeit
von damals, demonstrieren wir hier heute auch örtlich, setzten das fort,
was faktisch seit 1990 bei der PDS Praxis war.
Und
dann müssen Sie natürlich junge Wähler gewinnen. Die hat die PDS bitter
nötig. Ist das der Grund, warum Sie sich die Ost-Berliner Kultmeile, die
Karl-Marx-Allee, zum Standort gewählt haben?
Das
hat eine ganz zentrale Rolle gespielt. Unsere Wahlkampfstrategie - erst
recht dort, wo sie auf den Kandidaten Gregor Gysi zugeschnitten ist -
richtet sich natürlich ganz stark an junge Leute. Das war eines der
wichtigsten Argumente für uns hierher zu gehen, dass die noch aus
DDR-Zeiten stammende Mokka-Milch-Eisbar ein Kulttreff für junge Leute aus
Ost und West geworden ist. Auch wenn sie heute anders heißt.
Herr
Brie, Sie gelten als Querdenker in der PDS, haben sich durch Ihre
kritisch-provokanten Äußerungen nicht nur Freunde in der Partei gemacht.
Was würde ein Erfolg der PDS bei der Berlin-Wahl für Ihre politische
Biografie bedeuten?
Für
meine eigene wird das nichts bedeuten. Ich glaube aber, dass Dinge
erreicht werden können, die mir persönlich sehr wichtig sind.
Beispielsweise eine Normalisierung in Deutschland, indem die PDS auch im
Westen akzeptiert wird; natürlich ein Schritt zur inneren Einheit dieses
Landes, die zehn, elf Jahre nach dem Mauerfall dramatisch aussteht. Und
ich glaube, dass hier dauerhafte Chancen eröffnet werden für eine
grundlegend erneuerte linke Politik.
Sie
streben keine Parteiämter an?
Nein.
Natürlich hängt es immer davon ab, wohin ich gerufen werde. Den
Wahlkampf für Gregor Gysi zu leiten, ist für mich das politisch
Reizvollste, was ich je zu verantworten hatte. Alles, was ich an Freizeit
und an Spielräumen habe, werde ich für diesen Wahlkampf nutzen. Aber ich
bin nicht prinzipienlos. Es gibt einen schönen Brief von Engels an
Kautsky mit der Warnung, Kautsky solle sich nicht von der Partei abhängig
machen. Das hing auch mal in Gregor Gysis Arbeitszimmer.
Sehen
Sie sich als Intellektueller, der über der Partei schwebt?
Nein,
dazu bin ich viel zu engagiert und tue die Dinge mit Emotionalität - aber
natürlich als Intellektueller. Ich nehme es schon sehr ernst, dass
Intellektuelle Kritiker sein müssen; dass sie unzufrieden sein müssen,
dass sie voraus oder quer denken müssen. Täten sie das nicht hörten sie
auf, Intellektuelle zu sein. Das macht es anderen mit mir schwer, das
macht es mir manchmal schwer.
Ein
intellektueller Parteipolitiker also. Das ist einigermaßen paradox.
Oder,
wie „Die Zeit“ mal geschrieben hat, „der sanfte Provokateur“. Das
ist schon widersprüchlich, ja.
Was
Parteisprecher und Wahlkampforganisator Michael Donnermeyer für die SPD
ist, sind Sie für die PDS - oder sollte man lieber sagen: für Gregor
Gysi?
Also
in diesem Fall bin ich das für Gregor Gysi, aber bis Ende 1999 war ich es
tatsächlich für die PDS.
Könnten
Sie sich vorstellen, den Wahlkampf einer anderen Partei - etwa den der Grünen
- zu leiten?
Ja,
aber dann intellektuell und nicht mit Leidenschaft.
Über
20 Prozent für die PDS, ein rot-roter Senat, eine veränderte Republik -
nur André Brie bleibt ganz der Alte?
Ich
verändere mich täglich und finde, das Schönste, was Bertolt Brecht in
seinen Keuner-Geschichten geschrieben hat, ist dieses Treffen mit Herrn K.
Jemand sagt zu ihm: „Du hast dich gar nicht verändert.“ „Oh“,
antwortete Herr K. und erbleichte.
|