ANDRÉ BRIE    
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25.05.2005: Interview mit der Berliner Zeitung:

 "Es gibt ein Potenzial von zehn bis fünfzehn Prozent, das die SPD nicht mehr anspricht"

 

Herr Brie, Ihr Wunschteam für die Wahl war Lafontaine im Westen und Gysi im Osten. Der Ex-SPD-Chef will nun für ein Linksbündnis antreten. Wird es eine solche Liste geben? Nein, die kann es aus wahlrechtlichen Gründen praktisch nicht geben. Es gibt nur drei Möglichkeiten. Entweder die PDS-Leute treten auf der WASG-Liste an, oder die WASG-Leute auf der PDS-Liste, oder man gründet eine neue Partei, was ich allerdings für abenteuerlich halte.  

Wie ist die Ankündigung zu sehen? Ich denke, dass Lafontaine PDS und WASG zur Gemeinsamkeit zwingt, das finde ich außerordentlich positiv. Dass er vorprescht, wird beide Parteien in die Pflicht nehmen. WASG und PDS müssen ihren Egoismus überwinden. Die PDS muss ihre Listen öffnen für die WASG ebenso wie für Menschen aus sozialkritischen Bewegungen oder Gewerkschaften. Das muss deutlich über das Konzept von Gysis bunter Truppe von 1994 hinausgehen. Ich hielte es aber für falsch, wenn die Plattform für eine linke Kandidatur nicht die PDS wäre. Die PDS ist ein Markenname, sie hat die Finanzen, sie hat in Ostdeutschland ein sehr starkes Stammwählerpotenzial.  

Entspricht das Ihrer Vision einer vereinigten Linken? Ich will da noch vorsichtig sein, weil man mit Lafontaine auch unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat. Aber die Möglichkeit sehe ich zum ersten Mal so. Ich bin davon überzeugt, in Deutschland gibt es ein linkes Potenzial von 10 bis 15 Prozent, das die SPD nicht mehr erreicht, und das der PDS in Westdeutschland verschlossen ist. Mit einem solchen hochkarätigen Personenbündnis würden sich völlig neue Chancen bieten, diese Menschen zu erreichen. 

Laut PDS-Chef Bisky sind die Türen für WASG-Mitglieder offen. Aber nicht offen genug. Vor allem muss die PDS selbst auch durch die Türen gucken, statt nur zu warten, dass jemand hereinkommt. Meine Vorstellung ist es, nicht nur um fünf Prozent zu kämpfen, sondern das in Deutschland vorhandene linke Potenzial anzusprechen und den Kampf um einen politischen Richtungswechsel in den Mittelpunkt zu stellen. Das verlangt eine ganz andere Faszination eines linken Projektes als WASG oder PDS es ausstrahlen. Es geht nicht darum, nur eine Hand voll Leute auf unsere Liste zu lassen. Ich sage nicht, hier ist ein Angebot, ihr könnt es annehmen oder lassen. Die PDS müsste aktiver auf linke Kräfte vor allem im Westen zugehen.

Die WASG drängt nicht gerade nach einer Zusammenarbeit mit der PDS. Weder WASG noch PDS sind offensichtlich von dieser Idee begeistert. Aber wenn beide wirklich eine Alternative wollen, dann sind sie verpflichtet, über ihren Schatten zu springen. Konkurrenzkandidaturen sind für beide schädlich. NRW zeigt, dass PDS und WASG im Westen der Fünf-Prozent-Hürde nicht nahe kommen und schon gar nicht gegeneinander. Die WASG muss sich da auch ihrer Verantwortung für ein linkes Projekt klar werden. 

Aber wird Lafontaine auf einer offenen Liste der PDS kandidieren? Lafontaine hätte zum letzten Mal die Chance zu beweisen, dass er es doch ernst meint mit Politik und nicht nur kokettiert. Die PDS hat viele Defizite, sie ist vielen in Westdeutschland fremd. Aber dass kritische Intellektuelle in Westdeutschland die PDS als Schmuddelkind gesehen haben und nicht bereit waren, gemeinsam mit der PDS Verantwortung zu übernehmen, das ist nicht mehr akzeptabel. 

Das Gespräch führte Mira Gajevic. 

 
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