|
André
Brie, 26. März 2002, Beitrag für den Pressedienst der PDS:
Die
Situation der PDS vor den Bundestagswahlen 2002
Es
ist doch keine Frage, dass wir mit großer Zuversicht in den
Bundestagswahlkampf 2002 gehen können. Durch ihr konsequentes
bundesweites Engagement gegen Kriege und für soziale Gerechtigkeit sowie
ihre ostdeutsche Kompetenz hat die PDS weiter an Akzeptanz gewonnen – in
Ost und in West. Nach wie vor ist auch die soziale Verankerung der PDS in
Ostdeutschland höher als die anderer Parteien (aber im übrigen durch die
Alterstruktur der Partei rückläufig). Die Erfolge bei Kommunalwahlen und
insbesondere bei den Wahlen in Berlin, die Regierungsbeteiligung in der
Hauptstadt und die Rolle der PDS in wichtigen Bundesratsentscheidungen
(wie immer man auch zu ihnen stehen mag) haben für Millionen Menschen die
gewachsene politische Rolle der Partei des Demokratischen Sozialismus
verdeutlicht. Die Positionen der PDS, ihr Profil und ihre politischen
Wirkungsmöglichkeiten sind wesentlich bekannter als vor vier Jahren.
Es ist aber auch keine Frage, dass es keine Garantien für
Wahlergebnisse gibt. Im Gegenteil, Wahlverhalten unterliegt komplizierten,
vielfältigen und teilweise unwägbaren Einflüssen, die von den Parteien
im allgemeinen, den kleineren unter ihnen im besonderen nur in gewissem Maße
bestimmt werden. Außerdem wären Selbstzufriedenheit und
Selbstgerechtigkeit gerade für mögliche Wählerinnen und Wähler der PDS
abstoßende, demotivierende und demobilisierende Momente. Voraussetzung für
Optimismus sind immer noch die eigene Leidenschaft, die eigene Aktivität,
eine professionelle Organisation, überzeugende politische Inhalte und
Personen und ein Wahlkampf, der die Menschen millionenfach und intensiv
erreicht.
Wer die aktiven Mitglieder der PDS, die Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer,
in den Ländern, Kreisen, Gemeinden kennt, weiß, dass es in dieser
Hinsicht aber wohl kaum Probleme geben wird. Die liegen möglicherweise
auf einem anderen Gebiet.
Die Menschen müssen insbesondere spüren können, dass das
Oppositionsversprechen der PDS auf ihrem Rostocker Parteitag nicht den
Verzicht der PDS auf Mitsprache und Mitgestaltung dringender
gesellschaftlicher und politischer Entscheidungen bedeutet (ehrlich
gesagt, ist mir die Gegenüberstellung von Opposition einserseits und
Verantwortung/Mitwirkung andererseits, wie sie Helmut Holters scharfer und
beinahe täglicher Kritik am Rostocker Beschluss zugrunde liegt, rätselhaft,
denn diese Geringschätzung und Fehldeutung parlamentarischer Opposition
hat die PDS lange hinter sich gelassen). Die PDS darf nicht und sie muss
nicht als isolierte politische Kraft in Erscheinung treten. Dass sie
jedoch die einzige Bundestagspartei ist, die die Umverteilung von unten
nach oben und den Privatisierungsfundamentalismus von "Rot-Grün"
und "Schwarz-Gelb" attackiert, dem auch die sozialen
Sicherungssysteme immer stärker unterworfen werden, oder dass sie die
einzige Kriegsdienstverweigererin unter den Bundestagsparteien ist – das
sind alles andere als Zeichen gesellschaftlicher Isolierung, sondern
politische Zukunftspotenziale, Lebensinteressen, die heute schon von
Mehrheiten oder zumindest sehr großen Minderheiten außerhalb der
Parlamente vertreten werden. Konsequent realistisch zu sein, auch kleine
Schritte der Veränderung nicht geringzuschätzen, Kompromisse nicht nur
als notwendiges Übel, sondern als demokratische Chance zu sehen,
innerhalb dieser Gesellschaft wirken zu wollen, sind grundlegende
Voraussetzungen für eine Politik mit den Menschen und mitten unter ihnen.
Aber das heißt in keiner Weise, den Weg der Grünen zu gehen, die eigenen
Wurzeln zu kappen, die Überzeugungen dem Mitmachen und Mitregieren zu
opfern, grundsätzliche Ziele preis zu geben. Selbst, wenn es Stimmen
kostete, könnte und dürfte die PDS diese Positionen nicht aufgeben. Aber
es kostet keine Stimmen. Es gibt, lieber Helmut, sehr, sehr viele Menschen
in Deutschland, die nicht nach einer Regierungsbeteiligung der PDS,
sondern nach einem realistischen, aber unmissverständlichen Nein zur
Militärpolitik von Schröder und Fischer, nach einem klaren Nein zur
"uneingeschränkten Unterstützung" der verantwortungslosen und
zerstörerischen Politik der USA dürsten. Und ich bin auch überzeugt,
dass es den Wählerinnen und Wähler der PDS nicht reicht, wenn sie auf
eine Partei treffen, die lediglich das Tempo mindern möchte, mit dem die
Regierenden den gesellschaftlichen Reichtum von den Lohnabhängigen und
sozial Benachteiligten in die Taschen der Reichsten der Reichen, von den
öffentlichen Haushalten in die Privatbanken, von der Realwirtschaft zu
den internationalen Devisenspekiulationen schaufeln oder zumindest solche
Prozesse aktiv fördern. Nein, ich möchte nicht ideologischen
Fundamentalismus, nicht verbalen Radikalismus, aber angesichts der
schreienden Finanznot der Kommunen, angesichts dramatischer Sparzwänge in
den Ländern, angesichts der Notlage deutscher Bildungs- und
Kulturpolitik, angesichts mehr als vier Millionen Menschen ohne Job,
angesichts ausgegrenzter Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten,
angesichts von Armut als Folge von Kinderreichtum, will ich eine Partei,
die nicht nur ein gleich guter Verwalter.
|
|