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Manchmal gibt es keine zweite
Chance
Angesprochen
auf die gegenwärtige Situation der PDS, erzählte mir ein guter, der PDS
aber eher fernstehender Freund von seiner Tochter, die ein Jahr vor dem
Abitur zusammengebrochen war: Drogen, psychische Probleme, Flucht aus
aller Kommunikation. Während
der Entziehungskur rappelte sie sich auf, nahm neuen Anlauf zum Abitur,
hat wieder sehr gute Noten. "Ihr braucht die Krise vielleicht auch,
um zu euch zu finden", meinte mein Freund.
Ich
widersprach ihm. Zwar lässt sich zweifelsohne aus Krisen und Fehlern
lernen, und niemals sind Menschen lernbereiter als im bewussten Erleben
eigener Krisen und Fehler. Nur glaube ich, dass die PDS, richtiger gesagt:
ihre Vorgängerpartei, diese Krise 1989 hatte. Wenn wir damals nicht
begriffen haben sollten, welche grundsätzlichen Fehler wir gemacht
hatten, wenn wir damals nicht begonnen haben, einen unumkehrbaren
Lernprozess zu absolvieren, wenn wir weitere existenzielle Krisen benötigen
sollten, um zu lernen und uns und die Partei zu verändern, dann – es
tut mir leid – haben wir unsere Zukunft wohl verspielt. "Möglicherweise",
sagte ich meinem Freund, "könnte deine Tochter einen Rückfall überstehen,
eine dritte Chance ergreifen, die PDS nicht."
Mein
Vergleich muss kritisch befragt werden, insbesondere: Ist die PDS überhaupt
in einer Krise, oder jammern nur einige wehleidige Funktionäre, die den
Kontakt zur Basis verloren haben, über ihre Abstimmungsniederlage in Münster?
Ob in Hagenow, Borna oder Berlin-Köpenick – überall an der PDS-Basis
wurde mir gesagt, wir haben keine Krise, vielleicht habt "ihr
oben" eine Krise. Auch ich kann nur feststellen, dass die PDS vor Ort
stabil und weder von den angekündigten Rückzügen Lothar Biskys und
Gregor Gysis noch von der Abstimmungsniederlage des Parteivorstandes in Münster
ernsthaft betroffen ist. Letzlich sind das normale Geschehnisse im Leben
einer demokratischen Partei.
Ich
glaube aber, dass diese Stabilität nicht nur positive Seiten hat. Meiner
Meinung nach rührt sie auch aus der Tatsache her, dass einige elementare
Konsequenzen nicht ausreichend erfahren und berücksichtigt werden: Zum
einen hat die PDS seit Münster ein Drittel ihres Umfragepotenzials
verloren. Das ist nach meinen Erfahrungen in diesem Ausmaß und Tempo
nicht als eine der üblichen konjunkturellen Schwankungen zu verstehen. Zum
anderen hat sich das Bild der PDS in den Medien in einer Hinsicht außerordentlich
negativ verändert: Die PDS findet auf Bundesebene kaum noch mit Politik
und politischen Inhalten statt. Abgesehen davon, dass Medienschelte die
Situation nicht ändern würde, meine ich, dass dieses Bild durchaus
unserer derzeitigen Realität entspricht. Wer sich den Zusammenhang
zwischen Medienbild der PDS und Wahlresultaten 1998/99 ansieht (und dazu
gibt es aufschlussreiche Analysen), wird feststellen müssen, dass die
Verbesserung des Medienbildes und mehr noch die deutliche Verstärkung
politisch-inhaltlicher Darstellung der PDS in den Medien 1998/99 mit verstärkter
Akzeptanz der PDS in der Bevölkerung einhergegangen ist. Die weitgehende
Abwesenheit politischer Inhalte in der gegenwärtigen Berichterstattung
der großen Medien über die PDS kann durch eigene Anstrengungen nur ungenügend
wettgemacht werden und könnte eine strukturelle Erosion unseres Wählerpotenzials
auslösen. Schließlich müsste meiner Meinung nach auch Gysis angekündigter Rückzug
weniger gelassen gesehen werden. So weit ich das über zehn Jahre als
Wahlkampfleiter der PDS analysieren konnte, kommuniziert etwa ein Drittel
unserer Wählerinnen und Wähler über Gysi mit der PDS. Überproportional
handelt es sich dabei um sozial benachteiligte und gesellschaftlich
ausgegrenzte Menschen. Um nur ein Problem zu nennen: Viele von ihnen lesen
schon aus finanziellen Gründen keine Tageszeitung und interessieren sich
kaum für Parteienpolitik. Unabhängig davon, wie kritisch man Gysi sehen
mag, ich behaupte, dass die PDS in absehbarer Zeit keine vergleichbaren Möglichkeiten
haben wird, diese Menschen zu erreichen. Das wäre nicht nur ein
quantitatives Problem (Fünf-Prozent-Hürde), sondern mehr noch ein
politisch-strategisches, da eine linke Partei vor allem anderen eine
Partei für die sozial Benachteiligten sein muss.
Natürlich
wäre es Unsinn, den Zusammenbruch der SED mit der jetzigen Situation der
PDS gleichzusetzen. Allerdings sollte uns mit aller Konsequenz klar sein,
dass die Fünf-Prozent-Hürde für die PDS durchaus existenzielle
Bedeutung haben kann. Die
Stabilität der PDS vor Ort oder in den ostdeutschen Ländern darf meiner
Meinung nach nicht darüber hinweg täuschen, dass die Perspektive der
gesamten Partei maßgeblich vom Wiedereinzug in den Bundestag 2002 und von
ihrer gesellschaftspolitischen (ihrer bundesweiten) Rolle abhängen (die
erneute Diskussion über einen Rückzug der PDS auf den Osten ist für
mich zum einen auch ein Krisensymptom, zum anderen ein illusionäres und
gefährliches Konzept, dass den gesellschaftspolitischen Anspruch der PDS
zu gunsten eines regionalpolitischen in Frage stellt). Sollte der
Wiedereinzug in den Bundestag nicht gelingen, wären wohl auch schnell die
Rolle und die politischen Wirkungsmöglichkeiten in Ostdeutschland gefährdet,
wo wir zur Zeit so unangefochten scheinen. (Am Rande möchte ich darauf
hinweisen, dass mit der Verkleinerung des Bundestages und der Vergrößerung
und Veränderung der Bundestagswahlkreise 2002 der Gewinn von drei
Direktmandaten noch wesentlich schwieriger
als 1994 oder 1998 wird.)
Es
gibt aber ein viel prinzipielleres Problem. Um es zu erörtern, muss ich
erwähnen, dass ich weder die Position des Parteivorstandes noch jene von
Sylvia-Yvonne Kaufmann und ihren Unterstützerinnen und Unterstützern
geteilt und verstanden habe. Ich hätte mir auf beiden Seiten ein völlig
anderes Herangehen gewünscht. Solche programmatischen und ideologischen
Grundsätze sind für Linke unerlässlich. Ob man dabei allzu oft
gemeinsame Positionen haben wird oder beschließen kann, bezweifle ich.
Stellt man jedoch nicht die Frage, wer Recht hat, sondern welche aktuelle
Politik wir machen wollen und können, so würde nicht nur ein großer
Vorrat an Gemeinsamkeiten deutlich, sondern vor allem die Chance
wahrgenommen werden können, real politisch einzugreifen und Erfahrungen
und Interessen vieler Menschen zu artikulieren. Konkreter: Ich glaube,
dass unseren UNO-Streit außerhalb politisch extrem stark interessierter
Kreise nur wenige Menschen nachvollziehen können (und wollen). Sie haben
andere, nicht selten wirklich drückende, vor allem soziale Nöte, die
sowieso im Zentrum unserer Politik stehen müssten. Natürlich ist es
daher ohnehin äußerst kompliziert, eine wirksame öffentliche
antimilitaristische Debatte und Bewegung zu organisieren. Ich will aber
keiner opportunistischen Passivität das Wort reden. Ich stelle mir die
Frage, warum wir nicht primär und über alle unsere Meinungsunterschiede
hinweg, den schwierigen Widerstand gegen die von den Regierungen
vorangepeitschte Militarisierung der Europäischen Union, gegen die
geradezu perverse Ausgestaltung der Militärstrategie der NATO oder gegen
die interventionistische Umrüstung der Bundeswehr organisieren. Alle
diese Entwicklungen haben dramatisches Ausmaß. Die Gefahren sind enorm
und offensichtlich. Aber es existieren kaum öffentliche
Auseinandersetzungen, nicht einmal eine parlamentarischeDebatte findet
statt, kein wirkungsvoller Widerstand. Selbst in der PDS schaffen wir es
kaum, die konkreten Informationen dazu zu verbreiten. Warum konzentrieren
wir nicht unsere begrenzten finanziellen, organisatorischen und alle
unsere geistigen und politischen Kräfte darauf, Öffentlichkeit für die
europäischen Militärplanungen herzustellen und Widerstand gegen sie zu
organisieren. Schon in zweieinhalb Jahren will die Europäische Union über
eine Interventionsstreitmacht verfügen, die unabhängig und zusätzlich
zur NATO anderthalb (!) Kosovo-Kriege führen können soll – so die
offizielle Planung.
Darauf
will ich auf diesem Gebiet und jedem anderen aktueller Politik hinaus: Wir
sind nicht für uns selbst da. Wir sind dafür da, Politik zu machen, natürlich
linke Politik, aber eben Politik! Unsere vielen Papiere und Beschlüsse
sind oft aller Ehren Wert, was aber zählt ist unsere Fähigkeit oder Unfähigkeit,
sie in wirkliche Politik umzusetzen. Auf die Gefahr hin, in dem einen oder
anderen Fall ungerecht zu sein, möchte ich fest- und zur Diskussion
stellen, dass unser Manko nicht mangelnde Prinzipienfestigkeit oder der
Mangel des einen oder anderen richtigen Beschlusses ist. Was uns fehlt,
was den Menschen fehlt, die uns gewählt haben, die Hoffnung in eine
starke sozialistische Partei setzen, was dieser blockierten und gelähmten
Gesellschaft fehlt, ist das wirksame Eingreifen einer sozialstischen
Partei in die reale und aktuelle Politik dieses Landes. Und wir hatten
1989 gelernt und beschlossen, dass wir unsere Politik nicht
avantgardistisch und elitär, sondern mit den Menschen machen wollten. Übrigens
auch nicht mit Wunschmenschen, nicht nur mit Menschen, die alle unsere Überzeugungen,
womöglich bis in ihre ideologischen Verästelungen teilen. Die
gelegentlich zu hörende Forderung, die PDS müsste ihre
"falschen" Wählerinnen und Wähler verlieren, damit sie die
richtigen gewinnen könne, ist ebenso abenteuerlich wie arrogant. Nicht
unsere Glaubensgrundsätze, sondern die realen Probleme, Sorgen,
Interessen, Erfahrungen von Millionen Menschen, insbesondere der sozial
Benachteiligten, sollten Ausgangspunkt und Gegenstand unserer Politik
sein, nicht beliebig, sondern demokratisch links, nicht unkritisch, aber
achtungsvoll, nicht populistisch, sondern verknüpft mit der Verantwortung
für eine lebenswerte Zukunft. Glaubenskriege sind die spannendsten
Auseinandersetzungen überhaupt – für die Beteiligten, und die
langweiligsten, sinnlosesten für alle anderen. Um die aber geht es in der
Politik. "Bürgerinteressen vor Parteiinteressen" – das haben
wir im Volkskammerwahlkampf 1990 verkündet, und: "Von der Hochmut
der Macht (ich füge hinzu: auch des Wahrheitsmonopols) zur Demut der
Demokratie." Fast alles können wir in der PDS, wenn es denn gewünscht
wird, immer wieder von vorn diskutieren, das, glaube ich, nicht. Ich plädiere
daher dafür, alle unsere Streitigkeiten fortzusetzen. Mit zehn Prozent
unserer Kraft. Und mit neunzig Prozent – oder, um das mathematische Bild
zu sprengen, mit hundertzehn Prozent – sollten wir Politik machen.
Politik. Politik. Politik.
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