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André
Brie, Rede zum Politischen Aschermittwoch in Rostock, 14. Februar 2002
Aschermittwoch
ist alles vorbei. Nie. Aber immer öfter
Aschermittwoch
soll ja alles vorbei sein. Selbst das närrische Treiben, so hörte ich
heute in den Rundfunknachrichten, soll vorbei sein.
Kann
das wirklich stimmen?
Ist
die Bundesregierung zurückgetreten? Hat sich der Bundestag selbst aufgelöst?
Ist der Bundesgeschäftsführer der PDS im Urlaub? Na ja, man weiß ja
nicht. Man soll nie Nie sagen. Hat der PDS-Bundesgeschäftsführer mir und
anderen am Rosenmontag per „Neues Deutschland“ zum wiederholten Male
mitgeteilt.
Vielleicht
sollte man auch nie fordern, nie Nie zu sagen?
Ich
will dem Genossen Bartsch nicht seinen Lieblingssatz madig machen. Aber
ich frage mich doch, warum er ihn alle zwei Wochen wiederholt. Vielleicht
ist diese Feststellung doch nicht so überzeugend, wie er glaubt?
Vielleicht ist sie sogar ziemlich dünn und muss mehrfach aneinander
gereiht werden, um eine Schlagzeile füllen zu können?
Und
was will er unsereinem und der Öffentlichkeit damit sagen? Natürlich
haben auch die Dümmsten inzwischen mitbekommen, dass er ihnen, also uns,
damit sagen will, man solle eine SPD-PDS-Bundesregierung nach dem 22.
September 2002 nicht ausschließen. So weit verstehe ich ihn. Wenn Müntefering
und Bartsch genauso schnell verhandeln wie Wowereit und Gysi könnte die
Koalition sogar pünktlich am 11.11. um 11 Uhr 11 vereidigt werden.
Ich
sehe sogar ein, dass man als Linker sich nicht Stoiber wünschen kann.
Persönlich bin ich mir mit Stoiber jedoch einig, wenn der sich heute
Mittag auf dem Politischen Aschermittwoch der CSU gegen eine
unkontrollierte Zuwanderung gewandt hat. Ich bin auch gegen die rechte
bayerische Zuwanderung ins Bundeskanzleramt. Allerdings kommt mir Stoiber
in vielen Fragen auch nur wie die Fortsetzung Schröders mit bayerischem
Dialekt vor. Und der Unterschied zwischen Schill und Schily beschränkt
sich auch auf zwei Buchstaben und darauf, dass Schill bei weitem nicht so
fleißig ist wie sein Bundesinnenkollege. Mir ist ein fauler Minister beim
Abbau von Freiheitsrechten aber manchmal sogar lieber als ein fleißiger.
Was
wird die PDS dann in der Bundesregierung machen?
Nun
gut, wenn man nie Nie sagt, dann wird die PDS möglicherweise doch ja
sagen zu Schröders Militär- und Außenpolitik. Vielleicht stellt die PDS
sogar den Verteidigungsminister. Dann kriegt Deutschland endlich wieder
eine richtige Armee, nicht so einen verwöhnten Pauschaltourismus, der
drei Wochen braucht, bis er in Afghanistan endlich Patrouille läuft. Und
jeder zweite General wird ein Ossi sein! Die Forderung nach Streikrecht für
Beamte muss die PDS aber fallen lassen. Gestreikt wird nicht, wenn die
Amerikaner rufen!
Wenn
man nie Nie sagt, dann kann man natürlich auch mal Ja sagen zu Schröders
Wirtschaftspolitik. Im Gegenzug bekommt die PDS die Einheit von
Wirtschafts- und Sozialpolitik zurück. Ich verstehe gar nicht, warum die
CDU/CSU so scharf darauf ist, Schröder abzulösen. So rabiat und zugleich
so ohne gewerkschaftlichen Widerstand hat noch nie ein Bundeskanzler die
Kassen der großen Konzerne und Banken gefüllt.
Nun
ja, Schröder hatte 1998 nicht verkündet, man solle ihn an den
Steuererleichterungen für Großunternehmen messen, sondern daran, dass er
die Arbeitslosigkeit bis 2002 auf 3,5 Millionen gesenkt haben werde.
Erreicht hat er dank der statistischen Bundesvergewaltigung 4,3 Millionen.
Aber was sind denn 800 000 gegen Milliarden und Abermilliarden?!
DaimlerChrysler, Telekom und BMW haben sich praktisch als Steuerzahler in
Deutschland verabschiedet. Steuerberater brauchen die nur noch, um
berechnen zu lassen, welche Zuschüsse ihnen in Deutschland zustehen.
Noch
nie in seiner Geschichte war Deutschland so reich wie heute. Dass die
Kommunen und Länder, alleinerziehende Frauen oder Sozialhilfeempfänger
das Gegenteil behaupten, ist doch kein Argument. Die denken ja nur an
sich. Schröder und Eichel dagegen denken an die Allianz und die Münchner
Rück und an die Deutsche Bank und die Commerzbank. Und liebe Freunde von
der PDS, werft ihnen das nicht vor! Gysi denkt ja auch Tag und Nacht an
die Berliner Bankgesellschaft!
Nein,
wirklich: Man soll nie Nie sagen.
Aber
klar; ich gebe zu: Ich habe den Genossen Bartsch bewusst missverstanden.
Auch er will ja eine rot-rote und keine blassrosa-hellrosa Koalition. Was
er meint, ich erkläre euch das jetzt mal, ist doch, dass die SPD
schockiert und geläutert gleichermaßen durch das Bundestagswahlergebnis
der PDS von 6 Prozent am 22. September am Morgen danach die Bundeswehr aus
Afghanistan, dem Kosovo und dem Roten Meer zurückruft, DaimlerChrysler
einen dicken Steuerbescheid schickt, die Steuer auf fette Vermögen wieder
einführt, in Rostock mit einem sozialdemokratischen Subbotnik ein
Airbuswerk und in Schwerin eine BMW-Fabrik erreichtet. Na, und eine so märchenhafte
SPD kann die PDS doch dann nur unterstützen. Oder?
Aber
bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit. Und so lange können wir uns noch
mit der realen SPD beschäftigen.
Der
SPD-Abgeordnete des sehr deutschen Bundestages Frankenberg meinte
vorgestern, die V-Männer, die im NPD-Verbotsverfahren aufgeflogen sind,
seien keine V-Männer des Verfassungsschutzes, sondern sie seien
„NPD-V-Männer“. Das ist zweifelsohne sehr interessant. Darüber muss
ich etwas länger nachdenken. Also, offensichtlich will uns Herr
Frankenberg sagen, dass nicht der Verfassungsschutz die NPD unterwandert
hat, sondern die NPD den Verfassungsschutz. Bezahlt hat das aber der
Verfassungsschutz. Doch daran sieht man auch nur, wie sehr er bereits
unterwandert ist.
Ich
frage mich im übrigen, ob es auch NPD-Mitglieder gibt, die nicht beim
Verfassungsschutz angestellt sind. Und ich bin auch nicht einverstanden
mit der CDU/CSU, der FDP und der PDS, die den Verbotsantrag des
Bundestages nicht mehr unterstützen. Man muss ihn sogar erweitern.
Angesichts dieser weitreichenden Personalunion muss man ihn auf den
Verfassungsschutz ausdehnen!
Aber
um unsere Verfassung habe ich trotzdem keine Angst. Ich glaube, die ist
beim Verfassungsschutz in guten Händen. Besser gesagt, der
Verfassungsschutz geht so sorgfältig mit der Verfassung um wie meine Großmutter
mit ihren Meißner Kaffeetassen: Niemand aus der Familie hatte auch nur
die Spur einer Chance, sie jemals zu benutzen.
Doch
ich will nicht allzu sehr kalauern. Ich weiß natürlich, dass der
Verfassungsschutz in Wirklichkeit gar nicht die Verfassung schützt,
sondern sich selbst. Eigentlich müsste er Verfassungsschutz-Schutz heißen.
Denn seine Hauptaufgabe besteht ohne Zweifel darin, nachzuweisen, dass der
Verfassungsschutz eine Aufgabe hat. Von diesem Nachweis hängen immerhin
einige Tausend dicke Posten ab, und nicht nur in der NPD-Spitze!
Wie
wichtig der Verfassungsschutz ist, beweist er ja auch mit seiner
Beobachtung der Kommunistischen Plattform. Ich glaube, die Jungs haben
Recht, wenn sie die KPF für so gefährlich halten. Es gibt in Deutschland
einfach keine politische Organisation, die so unendlich brav ist wie die
Kommunistische Plattform. Und brav sein, ist wirklich eine Gefahr für die
Existenz der Gesellschaft!
Noch
gefährlicher sein sollen ja nur die Schläfer. Früher hat man gesagt,
der Feind schläft nicht. Heute ist das Schlafen sogar sein
Erkennungsmerkmal.
Ich
jedenfalls versuche neuerdings ausgesprochen unausgeschlafen zu wirken.
Vor Jahren hatte mir ein CDU-Politiker mal gesagt, ich sei ein
ausgeschlafenes Bürschchen. Ich fordere ihn hiermit auf, diese Bemerkung
unverzüglich zurückzunehmen!
Eigentlich
dürfte ich gar nicht in eine öffentliche Versammlung wie hier kommen.
Vor wenigen Tagen haben die US-Streitkräfte in Afghanistan eine Rakete
auf drei Männer im Gebirge abgeschossen, weil einer davon
„hochgewachsen“ war, so ja auch die Beschreibung Bin Ladens. Mit
meinen Einmeterneunundachtzig fürchte ich inzwischen nicht nur um mein
Leben, sondern um das aller, die sich zufällig in meiner Nähe aufhalten.
Sie sollten sich in dieser Rostocker Gaststätte nicht zu sicher fühlen.
„Die ganze Welt ist unser Schlachtfeld“, hat Bush junior erklärt. Als
er vor einem Jahr zum erstenmal Lateinamerika besuchte, bedauerte er in
seiner Begrüßungsrede, nicht die Landessprache zu sprechen, da er in der
Schule leider nicht Latein gelernt habe. Aber in diesem jüngsten Fall
glaube ich, dass er gewusst hat, was er sagt. Ich jedenfalls habe sogar
die Beziehung mit meiner Freundin riskiert, weil ich nicht mehr mit ihr
schlafe.
Also,
ich warne Sie! Schlafen Sie bei meinem Vortrag nicht ein! Ich selbst kann
mich dagegen sicherlich nicht wehren, aber je schläfriger Sie werden,
desto wachsamer wird der anwesende Genosse vom Verfassungsschutz sein. Hat
die PDS eigentlich auch genügend V-Leute abbekommen? Der
Bundesschatzmeister müsste das mal überprüfen lassen. Die PDS hat
meiner Meinung nach rechtlich zumindest entsprechend ihrem Wähleranteil
auch Anspruch auf die entsprechende Anzahl
Mitgliedsbeitrag zahlender V-Leute.
Eigentlich
ist der Verfassungsschutz auch ein exzellentes Beispiel dafür, dass das
PDS-Konzept eines öffentlich geförderten Beschäftigungssektors mit
tariflichen und existenzsichernden Arbeitsplätzen hervorragend
funktionieren kann. Helmut Holter sollte sich das mal für seine Projekte
in M-V ansehen.
Immerhin
wird die PDS sogar mit einer V-Spitze in den Bundestagswahlkampf gehen.
Mit einer Vierer-Spitze. Haben wir das eigentlich von der KP Chinas
gelernt oder von den DDR-Sportreportern? Zu DDR-Zeiten haben die mich
begeistert, wenn sie – und das taten sie gern –
von einer breiten Spitze redeten. Wenn meine Axt eine breite Spitze
bekommt, bin ich allerdings nicht so froh, sondern mach sie wieder
schmaler. Schärfen nennt man das. Die restlichen 15 Mitglieder des
Parteivorstandes haben von der Viererspitze aus den Medien erfahren.
Vielleicht wird der Vorstand oder gar ein Parteitag sie ja nachträglich
noch beschließen. Man soll bekanntlich nie Nie sagen in der PDS.
Aber
eine Viererspitze hat bestimmt auch Vorteile. Wenn die eine Spitze das
Ziel nicht trifft, gibt es immer noch drei weitere Chancen. Warum hat man
eigentlich nicht auch die beiden anderen stellvertretenden
Bundesvorsitzenden der PDS in die Spitze einbezogen. Ich könnte mir das
wie einen Sechser im Lotto vorstellen. Allerdings würde eine
Sechserspitze wohl auch die Fettnäpfchen noch schneller treffen. Aber über
die Verstaatlichung von BMW rede ich ein anderes Mal.
Und
eins verspreche ich: Nie wieder werde ich mich darüber lustig machen,
dass man nie Nie sagen soll.
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