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André Brie, Beitrag für
den "Tagesspiegel" vom 4. Oktober 2002
Die
PDS muss sich neu erfinden!
Totgesagt
wurde die PDS seit 1990 oftmals. Patrick Moreau prophezeite 1991 ihr endgültiges
Aus in einer Studie für die Konrad-Adenauer-Stiftung bereits für die
Kommunalwahl 1992 in Berlin. Die jedoch leitete spektakulär einen bis zur
Berliner Abgeordnetenhauswahl im Oktober 2001 anhaltenden Aufschwung der
PDS ein.
Aus heutiger Sicht kann nicht bezweifelt werden, dass die PDS eine
reale Bedeutung, einen wirklichen Gebrauchswert, für eine lange Zeit
wachsende Zahl von Menschen hatte: Erstens trug sie offensichtlich
wesentlich dazu bei, dass die "Funktionärselite" der DDR in der
Bundesrepublik ankommen konnte. Diese Aufgabe - durchaus auch ein Erfolg
der PDS - hat sich inzwischen offenkundig erschöpft. Zweitens war die PDS
eine authentische Interessenvertretung und in bestimmtem Maße auch
kulturelle Stimme des Ostens. Diese Funktion wird der PDS inzwischen von
SPD und CDU bestritten - für mich Ausdruck der PDS-Fähigkeit, Politik
und geistiges Klima in Deutschland wirksam zu beeinflussen. Ich sehe
Angleichungsprozesse zwischen Ost und West, aber zum einen sind die
wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Ostdeutschland weiter so
gravierend, teilweise skandalös anders, dass bei weitem noch nicht vom
Ende der urdemokratischen Aufgabe gesprochen werden kann, die spezifischen
Interessen der neuen Bundesländer zur Geltung zu bringen. Zum anderen
reproduzieren sich kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West, die kein
Hindernis für die Einheit, sondern Teil ihres Reichtums sein können.
Drittens schließlich sprach die PDS auch eine bestimmte Wählerschicht in
Ost und West an, die wie auch immer geartete gesellschaftliche
Alternativen zum Kapitalismus für erforderlich hielt. In dieser Funktion,
so weit sie nicht fundamentalistisch und orthodox, sondern offen,
demokratisch und differenziert verstanden wird, sah der sg. Reformflügel
der PDS die eigentliche Zukunft der Partei im politischen System. Die
Verankerung in der ostdeutschen Teilgesellschaft sollte in eine solche
Perspektive eingebracht werden.
Das Bundestagswahlergebnis zeigt nun jedoch unmissverständlich,
dass die PDS in beiden relevanten Funktionen geschwächt ist. Wer aber
nicht konjunkturell diskutiert, wird sich daran erinnern, dass noch vor
gar nicht langer Zeit auch die Perspektiven der FDP oder der Grünen in
Frage gestellt worden waren, während die PDS vor 11 Monaten in Berlin
nicht nur ihren größten Wahlerfolg erzielte, sondern die mit Abstand jüngste
Wählerpartei war, neue Wählerschichten erschlossen und auch in Ostberlin
weiter zugelegt hatte. Man sollte also vorsichtig mit Urteilen sein, die
ostdeutschen Grundlagen der PDS erodierten und unaufhaltsam, die Überalterung
der Mitgliedschaft müsse zwangsläufig auf die Wählerschaft
durchschlagen oder die PDS sei von vornherein unfähig, neue Potenziale zu
gewinnen. Dennoch ist die PDS ohne Zweifel in eine Krise gestürzt, die
existenzielles Ausmaß haben kann, denn die Rückkehr in den Bundestag
wird durch das Fehlen einer Bundestagsfraktion, deutlich verringerten
Zugang zu den überregionalen Medien, geringere Ressourcen und
Infrastruktur dramatisch erschwert werden.
Die Fehler der PDS selbst (nicht nur im Wahlkampf) waren in den
vergangenen Jahren jedoch so eindeutig, dass die Partei daraus auch
Optimismus schöpfen könnte, wenn sie sie erstens radikal überwinden würde,
zweitens endlich wieder Mut zu Entscheidungen und Klärungsprozessen hätte,
drittens eine professionelle und intelligente Öffentlichkeitsarbeit,
innerparteiliche Kommunikation und Organisation realisierte, viertens und
das vor allem sich weniger um sich selbst als um die Wählerinnen und Wähler
kümmerte, und zwar nicht um Wähler, wie man sie sich in
marxistisch-leninistischen Gedankenstuben ausmalt, sondern wie sie real
sind. Die dürften aber auch nach dem 22.9. bislang kaum den Eindruck
bekommen haben, dass die PDS ihre Probleme, Hoffnungen, Erfahrungen zum
entscheidenden Kriterium der eigenen linken Politik macht.
Dabei wird der politische Gebrauchswert der PDS nicht in einer
Rolle als Mehrheitsbeschafferin für die SPD zu finden sein (die PDS wird
auf der Grundlage und mit der Voraussetzung eigenständiger Positionen
aber strategisch mit der Sozialdemokratie zusammenarbeiten müssen),
sondern in einem erneuerten, selbstbewussten und modernen ostdeutschen
Projekt, für das die PDS nicht regionalpolitische, sondern linke
Antworten geben muss. Zweitens gibt es in dieser Gesellschaft einen großen
freien linken Platz für dringende soziale Alternativen zum
Neoliberalismus, der in den anderen Parteien – mit wichtigen Nuancen –
dominiert. Eine sozialistische Partei, die kein DDR-Revival-Verein ist,
die Lust darauf hat, sich der realen Gesellschaft zu öffnen, die einer
demokratischen, realistischen und zukunftsfähigen Globalisierungs- und
Kapitalismuskritik Faszination verleiht, hätte in der Bundesrepublik sehr
wohl eine Chance. Ob die PDS beides kann, noch oder überhaupt, ist
allerdings völlig offen. Die rot-grüne Bundesregierung wird wohl in der
Beschäftigungspolitik, der Gesundheitsreform, der Politik in
Ostdeutschland und wahrscheinlich auch hinsichtlich des Irakkrieges rasch
ihren linken Wahlkampf vergessen machen. Verantwortung und Chancen für
eine linke bundesweite Partei wird es mehr als genug geben.
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