ANDRÉ BRIE    
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André Brie, 22. Oktober 2001, Beitrag für "Das offene Blatt"  

Berlin hat links gewählt  

Vertraust du dem, was du selbst erlebst, oder den Meinungsumfragen? Letztere gaben uns seit dem 11. September nur noch 14 oder 15 Prozent, in den letzten Tagen vor der Wahl 17, maximal 18 Prozent. Gemessen an unseren hoch gesteckten Zielen und meiner Überzeugung, dass Gregor Gysi, den ich liebe, bewundere (daher auch gern kritisiere) keinen Schaden nehmen durfte, war mir das bei weitem nicht genug. Natürlich erinnerte ich mich und die tollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im GysiWahlQuartier sowie die Medien (und nicht zuletzt den umfragesüchtigen Gregor) immer wieder daran, dass die PDS in Berlin noch immer über ihren demoskopischen Werten abgeschnitten hatte. Aber ich musste mich doch zu Zuversicht oder behaupteter Zuversicht zwingen, um öffentlich und in unseren internen Arbeitsberatungen an unseren "20 Prozent plus" festzuhalten. Vorsichtshalber verwies ich aber auch darauf, dass die 17,7 Prozent von 1999 in jenem "PDS-Herbst" zustande gekommen waren, als wir nicht zuletzt von der eklatanten Schwäche der SPD in ihrem ersten Regierungsjahr auf Bundesebene profitierten und eigentlich unser Potenzial voll ausgeschöpft hatten. Und nun sind es 22,6 Prozent geworden. In Ostberlin  unglaubliche 48, in Westberlin fast 7 Prozent! In keinem Westberliner Bezirk blieb die PDS unter 5 Prozent, in allen ist sie nun auch kommunal vertreten. Es sei daran erinnert. dass Wowereit vor vier Monaten mit den 22,4 Prozent der SPD von 1999 Regierender Bürgermeister geworden war. Die "Badische Zeitung" aus Freiburg machte auf ihrer Titelseite nach der Wahl mit der Schlagzeile auf: "CDU landet in Berlin knapp vor der PDS".

Ja, ich gebe zu, alle meine Erfahrungen haben seit dem 11. September nicht ausgereicht, an dieses Ausmaß unseres Erfolges zu glauben. Dabei hätten eigene Erlebnisse, Tatsachen aus den letzten Wahlkampfwochen mich viel optimistischer machen können. Der "Einheits(z)markt", den PR-Strategen im Parteivorstand zu einem Ereignis mit dem unvergleichlichen Namen "Einmischmarkt" beförderten, lockte Tausende Menschen an, viele junge darunter. Vor allem die Landesverbände von Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern boten offensichtlich ein attraktives Programm. Am Abend dann standen Zehntausend Jugendliche und warteten auf die "Brother Keepers" und jubelten Gregor Gysi zu, der das Konzert in einer großartigen Weise eröffnete. So gut hatte ich ihn sehr lange nicht mehr erlebt. Der Straßenwahlkampf und zahllose andere Veranstaltungen zeigten ebenfalls eine gewachsene Akzeptanz der PDS. Noch nie war ich an einem Wahlkampf beteiligt gewesen, bei dem wir so viele Terminwünsche von anderen Organisationen, Schulen, Unternehmern, Journalisten, Vereinen erfüllen mussten. Mit Gregor Gysi zumindest gab es einen extrem intensiven und extrem öffentlichen Wahlkampf. Wie Gregor dieses Pensum durchgestanden hat, weiß ich nicht. Ich hatte ihm auch in früheren Jahren viel zugemutet, so viel noch nie (aber vor allem er sich selbst). Die spürbare Zustimmung von jungen Menschen ließ mich immerhin am Donnerstag vor der Wahl an Gregor schreiben (auch er musste ja, wie wir alle, motiviert werden), dass wir Chancen hätten stärkste Partei bei den Jungwählerinnen und -wählern zu werden. Erreicht haben wir es tatsächlich: ein Drittel aller Erstwählerinnen und -wähler in Berlin hat am 21. Oktober 2001PDS gewählt.

Die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen bewegen sich jedoch nur in einem begrenzten gesellschaftlichen Segment. Kritische Vorsicht ist auch bei ihrer Einschätzung angebracht. Aber nicht zum erstenmal habe ich erlebt, dass ihnen letztlich doch mehr zu vertrauen ist als den Umfragen.

Wie soll, wie kann ich das Wahlergebnis erklären? Klar ist, die Berliner PDS hat seit Jahren einen realistischen, modernen, selbstkritischen, linken Reformkurs verfolgt. Sie hat mit Petra Pau, Harald Wolf, Carola Freundl oder den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern Bärbel Grygier, Uwe Klett, Wolfram Friedersdorf politische Persönlichkeiten, die sich berlinweit einen Namen gemacht haben. Die ursprünglich geradezu aggressive Ablehnung in Westberlin war in den vergangenen Jahren Neugier, Interesse oder Gleichgültigkeit gewichen (allerdings gab es diesmal auch wieder massive Versuche, den kalten Krieg aufzuwärmen). Die kommunalpolitische Akzeptanz der Berliner PDS ist ohnehin sehr hoch. Und das Engagement von vielen Genossinnen und Genossen, insbesondere auch aus M-V, Thüringen oder Sachsen (immer hören wir eben nicht auf Gregor), war toll. Danke von Herzen an sie! Ohne Zweifel hat Gregors Kandidatur eine sehr große zusätzliche Zustimmung, nicht zuletzt bei jungen Menschen, bewirkt. Und schließlich hat die Antikriegspolitik der PDS die Unterstützung vieler Menschen gefunden. Als nach dem 11. September die Umfragewerte für die PDS einbrachen, stand niemals eine Veränderung dieser Haltung zur Diskussion. Gregor sprach auf der Abschlusskundgebung davon, dass wir diese Position nicht zugunsten eventueller Wahlergebnisse revidieren würden, denn es ginge um unsere Überzeugung dabei und um mehr als Wahlen - um Zukunft. Seine Hoffnung, dass die Wählerinnen und Wähler aber vernünftiger seien als die etablierte Politik, hat sich erfüllt. Auch in dieser Hinsicht hat die PDS gerade junge Menschen ansprechen können.

Meine Schilderungen und Einschätzungen sind unvollständig. Als ich am Wahlabend Zweitausend Menschen, sehr viele Jugendliche, auf unserer Wahlparty sah, glücklich, euphorisch, so offensichtlich an der PDS und an Gregor interessiert, da dachte ich darüber nach, warum wir nicht an diesem Abend schon begannen, ihnen kontinuierliche Kontakte zur PDS zu bieten. Nach der Berliner Wahl ist vielleicht Manches mit Blick auf die Bundestagswahl 2002 leichter, unsere politische Verantwortung aber ist noch größer geworden. Und mit deklaratorischer Politik werden wir ihr nicht gerecht werden...  

 
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