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André
Brie, Beitrag für die Debattenseite des "Neuen Deutschland" am
27.9.2002
Ich
möchte Mut machen, nicht zuletzt mir selbst. Aber gerade deshalb war und
bin ich nicht bereit, unangenehme Wahrheiten zu ignorieren oder sie nur
hinter verschlossenen Türen zu verhandeln. Meiner Meinung nach hat
letzteres zu unserer Niederlage beigetragen. Unsere Erfahrungen mit der
Informationspolitik der SED sagen uns, dass man sich aller Möglichkeiten
zu verändern beraubt, wenn man Probleme und Fehler nicht konsequent und
öffentlich zur Kenntnis nimmt. Abgesehen davon, dass man sich schnell
auch in die eigene Tasche lügt (es lohnt sich, mal wieder die 1990 von
Peter Przybylki veröffentlichten Dokumente aus dem "Tatort Politbüro"
zu lesen), ist der Ausschluss der eigenen Mitglieder und der Wählerinnen
und Wähler von solchen Kenntnissen und Diskussionen töricht und
kontraproduktiv. Es wird keine kleine und noch so kluge Elite die
notwendigen und oft sehr komplizierten Antworten für die Menschen finden,
sondern nur mit ihnen gemeinsam.
Nach
dieser Niederlage ist endgültig klar, dass nur eine schonungslose Analyse
Veränderungsmöglichkeiten öffnen kann. Verantwortlichkeiten und Fehler
müssen eindeutig und konkret benannt werden, das aber in einer Weise, die
gegenüber den betreffenden Menschen und der Zukunft der PDS nicht
"schonungslos" ist. Es wäre im einen Fall unmenschlich, im
anderen politisch unverantwortlich, denn die PDS ist kein Selbstzweck,
sondern eine Partei, die für eine soziale Alternative zum herrschenden
Neoliberalismus unerlässlich ist. Und sie ist eine Partei, in die gerade
deshalb sehr viele Menschen Hoffnung setzen! Es kann aber auf keinen Fall
dabei bleiben, dass die Fehler unserer aktuellen Politik und des
Wahlkampfes sowie die Verantwortungen unbenannt bleiben. Es ist in dieser
Hinsicht für mich völlig unverständlich, dass - statutenwidrig - die
Diskussion des Parteivorstandes vom Montag nicht konkret (z.B. auf der Homepage
des PV) öffentlich gemacht wurde. Das gilt umso mehr, als inzwischen zu
erfahren ist, dass beispielsweise Hans Modrow und Sylvia-Yvonne Kaufmann
schon seit längerer Zeit die praktizierte politische Strategie intern kritisiert
haben sollen, ohne dass sie Gehör fanden.
1990
waren bekanntlich die Grünen aus dem Bundestag geflogen. Sie sind
inzwischen, wenngleich kaum noch grün, in der dritten Legislaturperiode
hintereinander wieder vertreten. Eine Analogie zur PDS ist jedoch nicht
ohne weiteres möglich. Die Grünen sind aus einer gesellschaftlichen
Aufbruchbewegung entstanden, die PDS aus einem gesellschaftlichen
Zusammenbruch. Die Anforderungen an uns selbst werden umso höher sein müssen.
Die PDS ist in einer Existenzkrise! Auch das sollte man meiner Meinung
nach nicht beschönigen. Aber es muss nicht mutlos machen. Ich will die
aus meiner Sicht wichtigsten Voraussetzungen und Möglichkeiten für ein
Comeback der PDS bereits bei den Europa- und Landtagswahlen 2004 und ihre
Etablierung als sozialistische Partei Deutschlands wenigstens aufzählen:
Die erwähnte schonungslose Analyse; die Wiederaufnahme eines Selbstveränderungsprozesses
hin zu einer modernen sozialistischen Partei (nicht weitere Verschiebung
aller wichtigen Auseinandersetzungen und Entscheidungen, sondern Lust auf
sie, Mut zu ihnen!); die Entwicklung eines klaren alternativen, und
kapitalismuskritischen Profils statt der Definition über eine
Regierungsbeteiligung (bevor es zu einem Mitte-Links-Bündnis kommen kann,
muss ein gesellschaftliches Unten-Mitte-Bündnis entwickelt werden); überzeugende
Erkennbarkeit der PDS entlang elementarer Bedürfnisse der Menschen, nicht
entlang selbstverliebter Konzeptemacherei; Öffnung der Diskussionen und
Entscheidungsprozesse des Parteivorstandes für die Basis bei
gleichzeitiger Wiedergewinnung einer kollektiven Führung der Partei;
Pflege und deutliche Erneuerung der sozialen Verankerung der PDS;
Wiedergewinnung ostdeutscher Kompetenz (ich bin überzeugt, dass dies
keine Frage von abnehmender Bedeutung ist, dass sich aber ihr Inhalt
derzeit deutlich wandelt); Offenheit und soziale Bescheidenheit der
Funktionäre und Abgeordneten der PDS.
Die
Niederlage ist in erster Linie hausgemacht. Sie ist bedrohlich, aber ihre
Ursachen können daher auch durch die PDS selbst überwunden werden. In
dieser Hinsicht kann sie sogar heilsam sein. Lange aufgeschobene und
gescheute Entscheidungen und Veränderungen müssen auf den Weg gebracht
werden. Es bleibt aber Tatsache, dass seit 1990 mindestens 7% aller Wählerinnen
und Wähler schon mindestens einmal PDS gewählt haben! Der Wegfall der
Bundestagsfraktion wird für die gesamte politische, organisatorische und
Öffentlichkeitsarbeit der PDS schwierige Konsequenzen haben. Intelligente
und effektive Lösungen und ein unausweichlich wesentlich höheres Niveau
an Professionalität sind erforderlich. Das Wichtigste allerdings ist
meiner Meinung nach, dass Millionen Wählerinnen und Wähler emotional und
rational von der PDS und ihren Politikerinnen und Politikern den
aufmerksamen und ehrlichen Ernst für die realen Probleme, Empörungen,
Hoffnungen und Freuden der Menschen erleben können.
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