|
Dr. André Brie, Beitrag
für “Freitag”, 25.10.2005
Gefährliches Provisorium
Es ist die gleiche Entwicklung:
Afghanistan hat einen Präsidenten und unter mehr oder minder offenen Druck
aus Washington eine Verfassung bekommen. Das war um die Jahreswende
2003/2004. Ruhe und Stabilität sind in das Land am Hindukusch nicht
eingekehrt.
Auch in Bagdad sind Präsident und
Regierung installiert. Die Konstitution, mit mehrfachen
Fristverlängerungen fertig gestellt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit und
offensichtlichen massiven Abstimmungsmanipulationen angenommen worden. Das
war vor zwei Wochen. Ein Ende der Gewalt ist damit nicht verbunden, im
Gegenteil. Und im Gegenteil bedeutet nicht nur die gemeldeten Anschläge
und Kämpfe und die fortgesetzten Angriffe der US-Streitkräfte, sondern vor
allem auch die mit den Defiziten der Verfassung verbundene um sich
greifende Gewalt gegen Frauen. Tausende Morde, Vergewaltigungen und
Folterungen für die "Ehre" der männlichen Familienoberhäupter gehören
inzwischen zum irakischen Alltag (in Afghanistan sind sie nie
verschwunden). Aber die internationalen Medien schweigen dazu. Zu sehr
wird damit insbesondere im schiitischen Süden des Landes, auf den sich die
Besatzungsmächte stützen, der wirkliche Charakter der gesellschaftlichen
Entwicklung nach der Invasion deutlich.
In beiden Staaten sind die USA mit
ihren Vorstellungen einer von außen aufgedrückten “Demokratisierung”
gescheitert (die ohnehin nur das zynische Vehikel ihrer
Vorherrschaftspolitik ist). Während Afghanistan inzwischen aus den
Schlagzeilen verschwunden ist und von der westlichen Gemeinschaft
weitgehend abgeschrieben wurde, geht es im Irak um eine Beispielwirkung
für die ganze Region. Das fortschrittlichste Land in Sachen Bürger- und
Menschenrechte, so tönte das Weiße Haus, sollte im Mittleren Osten
entstehen. Nur: Mit der vorliegenden Verfassung ist dies nicht zu machen.
Sie ist ohne Beteiligung der Bevölkerung und unter weitgehendem Ausschluss
der zahlreichen vorhandenen zivilgesellschaftlichen und demokratischen
Organisationen, ganz besonders der Frauenvereinigungen, entstanden, sie
schreibt die nach dem offiziellen Kriegsende forcierte Spaltung der
Bevölkerung fort und ist unter Besatzungsstiefeln angenommen worden. Dass
es die US-Außenministerin Rice war, die bereits einem Tag nach dem
Referendum im Irak die Annahme des Grundgesetzes verkündete, ist
bezeichnend.
Dabei lief die Auszählung der Stimmen
keineswegs nach demokratischen Spielregeln ab. In einigen Regionen soll es
mehr Ja-Voten als Wahlberechtigte gegeben haben. Die irakische
Wahlkommission sprach angesichts der Ungereimtheiten beschönigend von
“widersprüchlichen Resultaten” und bat sich Zeit aus. Die Furcht, die
Verfassung könnte durchfallen – das wäre der Fall, wenn sie in drei oder
mehr Provinzen gescheitert wäre –, war nur allzu berechtigt. Denn
insbesondere die sunnitische Minderheit sah und sieht ihre Rechte in dem
Verfassungstext verletzt. “Zu groß war die Versuchung für Schiiten und
Kurden, ihre zahlenmäßige Überlegenheit im Übergangsparlament auszuspielen
und die Ausgangslage für eine künftige Sezession zu verbessern”,
kommentierte selbst die “Neue Zürcher Zeitung”.
Tatsächlich gibt die Konstitution den
Regionalregierungen umfangreiche Kompetenzen auf legislativem, exekutivem
und judikativem Gebiet. Das betrifft auch die Verfügung über die
Bodenschätze, insbesondere das Erdöl: Verwaltet werden sie von der
Zentralregierung “in Zusammenarbeit mit den produzierenden Regionen und
Provinzen”; der Gewinn aus ihrer Erschließung und Vermarktung soll
entsprechend der Bevölkerungsdichte verteilt werden, aber alle konkreten
Regelungen dafür fehlen. Die Sorge in den an natürlichen Ressourcen armen
Provinzen mit mehrheitlich sunnitischer Bevölkerung, künftig das fünfte
Rad am Wagen zu sein, scheint nicht unbegründet. Zumal die Verfassung
ausdrücklich die Möglichkeit einer späteren Änderung vorsieht. Das im
Dezember zu wählende Parlament kann nochmals den Rotstift am Text
ansetzen. Es ist in der Geschichte wohl ein ungewöhnlicher Fall, ein
Grundgesetz zur Abstimmung zu stellen und es gleichzeitig zum Provisorium
zu erklären.
Für die Besatzungsmächte geht es in
erster Linie darum, endlich einen “Erfolg” im Irak vorzuweisen - auch,
wenn sie selbst kaum noch Illusionen haben, dass Krieg und Bürgerkrieg im
Irak sich ausdehnen werden. Die Irakerinnen und Iraker werden auf Frieden
und tatsächliche Demokratie weiter warten müssen – trotz Verfassung. So
kompliziert jede Lösung sein wird: Ohne Beendigung der Okkupation wird es
keine geben. |
|