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André Brie, Beitrag
für den "Freitag" vom 1. Juli 2005
Nomen est omen
oder Schall und Rauch?
Nun also: "Die
Linkspartei." Eben noch, gleich nach der
Schröder-Müntefering-Entscheidung, vor gezogene Bundestagswahlen
herbeizuführen, war die Diskussion über ein wie auch immer geartetes
Zusammengehen als "akademisch" denunziert und beendet worden (so aus dem
Parteivorstand der PDS), obwohl sie nie geführt worden war. Doch dann
setzte Oskar Lafontaines Entscheidung und breite öffentliche Reaktionen
die beiden Parteiführungen unter Druck. Die Kehrtwende folgte prompt,
damit auch eine Inflation von Namensvorschlägen und Einsprüchen, dann
sollte es eine Demokratische Linke mit Zusätzen und Weglassungen sein,
jetzt endgültig Linkspartei mit bestimmtem Artikel und Punkt. Wer Namen
und Sprache ernst nimmt, sie gar als einen Ausdruck von Analyse und
Strategie versteht, könnte hier den Stoff für eine handfeste Satire
finden. Antiintellektualismus ("akademische Diskussion") wird einer
Namensfindung allerdings keine besondere Bedeutung schenken. Der Punkt mag
modern sein, auch wenn ein Doppelpunkt anerkanntermaßen
Dialogorientierung, der Punkt dagegen den Abschluss, das Fertige
suggerieren soll. "Die Linkspartei Deutschlands" wäre eine gewisse
Einschränkung, doch ebenso wie das nun Gewählte auch eine (Dis)Qualifizierung
anderer sich selbst links definierender Parteien in diesem Land. Aber das
ist im Wettbewerb legitim. Der Verzicht auf den Landeszusatz bei
gleichzeitiger Verwendung des bestimmten Artikels allerdings ist
problematisch, denn in Schweden gibt eine Linkspartei, die älter ist als
PDS und WASG zusammen.
Aber seien wir
nicht marxistischer als Marx. Es geht nach meiner Überzeugung ohnehin um
viel, viel Wichtigeres. Das Antreten von Lafontaine und Maurer und anderer
WASG-Mitglieder auf offenen Listen der PDS (dann: Die Linkspartei.) und
die mittelfristige Bildung einer bundesweiten, neuen linken Partei kann,
wie die politischen Diskussionen und die Umfragen zeigen, die politische
Tektonik in Deutschland erschüttern und nachhaltig verändern. Im Interesse
von Millionen Menschen, die bisher nur Gegenstand der Politik sind,
konkreter: einer faktischen Konsenspolitik der SPD-CDU-CSU-FDP-Grünen zum
Sozialabbau sind. Der Systemumbau vom mehr oder minder ausgebauten
Sozialstaat und der "sozialen Marktwirtschaft" zur Marktgesellschaft ist
weit vorangetrieben. Die Umkehr wird schwierig, zumal sie keine Rückkehr
sein kann, sondern die neuen sozialen, kulturellen, demografischen,
ökologischen und weltwirtschaftlichen Bedingungen aufnehmen muss. Die
Fragen des Namens und anderer Misslichkeiten muss zurückstehen, wenn
Millionen und politische Alternativen wieder eine Stimme erhalten können
und sollen. Der Vorwurf aus der PDS Sachsen-Anhalt, die WASG sei
etatistisch, ist in mehrfacher Hinsicht unangebracht. Erstens hat die WASG
in der kurzen Zeit ihrer Existenz bereits eine relativ komplexe
Programmatik hervorgebracht. Zweitens sind die Übereinstimmungen mit
PDS-Positionen sehr groß (wenngleich die PDS tatsächlich eine breitere
realistische Programmatik, insbesondere auch in den Fragen moderner
Demokratieentwicklung, der Bildungs-, Medien- und Kulturpolitik, der
Kommunal- und in Ansätzen der Umweltpolitik aufweist). Drittens steht wohl
weder für die WASG noch für die PDS die Frage nach antietatistischer
kontra etatistischer Politik, sondern die Frage, dass der Staat gegenüber
der Bürgergesellschaft und der Freiheit der Einzelnen sicher
zurückgenommen werden muss (während Rot-Grün gemeinsam mit der CDU/CSU ihn
nicht nur in der Hartz-IV-Gesetzgebung zum Instrument der Entwürdigung und
Gängelung der Betroffenen machen). Gegenüber den großen Unternehmen, dem
Markt und nicht zuletzt dem Weltfinanzmarkt muss der Staat dagegen
dringend als wirksames Instrument der Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie
zum Schutz der Gesellschaft, der Bürgerinnen und Bürger, der Umwelt und
der Kultur gegen die totale Vermarktung zurückgewonnen werden muss. Das
Kapital von seinen politischen und sozialen Fesseln befreien, und sich
dann - wie Müntefering - darüber beklagen, dass sich Kapital
kapitalistisch verhält, ist entweder zynisch oder schlechter Wahlkampf.
Die kritischen Stimmen aus PDS, WASG und anderen Zusammenhängen sind in
einer Hinsicht jedoch sehr ernst zu nehmen: "Die Linkspartei." muss in
einem transparenten und öffentlichen Prozess ein überzeugendes,
zeitgemäßes inhaltliches und strategisches Fundament erhalten. Die
existierende gemeinsame knappe Erklärung ist angesichts des Zeitdruckes
aller Ehren Wert, aber bei weitem kein Ersatz dafür.
Das führt durchaus
auch zurück zur Frage ihres Namens. Als die Delegierten des
außerordentlichen SED-Parteitages im Dezember 1989 den sprachlich auch
eher spröden Namen "Partei des Demokratischen Sozialismus" wählten,
entschieden sie sich damit für das Versprechen, den schwierigen, sehr
widerspruchsvollen und langwierigen, aber ehrlichen tiefsten (linken)
Bruch mit der SED zu vollziehen. Fast nichts galt der SED-Führung bis
dahin für einen größeren Verrat an ihrer Politik als der demokratische
Sozialismus. Als die Schwedischen Kommunisten sich in Linkspartei
umbenannten war das gleichermaßen die unumkehrbare, in ihrer Partei aber
viel länger vorbereitete und wesentlich weiter gediehene Abkehr vom
Parteikommunismus und erklärter Ausdruck für die Öffnung gegenüber den
neuen linken Herausforderungen, insbesondere des Feminismus und der
Ökologie. Die schwedische Linkspartei hat in der Folge auch in den Augen
der Bevölkerung, nicht zu letzt der jungen Menschen, tatsächlich ein
neues, modernes linkes Profil gewonnen, und sie hat beträchtlichen
politischen Erfolg. Dem gegenüber mögen die Namensänderungen der
Italienischen Kommunistischen Partei bis hin zum heutigen "Demokratische
Linke" und die damit zunächst eng verknüpften strategischen und
inhaltlichen Unklarheiten und fehlenden klaren Entscheidungen auch ein
warnendes Beispiel sein, wenngleich die IKP anders als PDS und WASG oder
die frühren schwedischen Kommunisten eine Partei mit Masseneinfluss war
und bei Wahlen fast ein Drittel der Stimmen erreichen konnte. Ihr schnell
übernommener rechter Sozialdemokratismus führte jedoch nicht nur zu
Abspaltungen, sondern hat unzweifelhaft zumindest zum ersten Wahlerfolg
Berlusconis beigetragen.
Für eine Linke,
die es mit Demokratie und Transparenz ernst nimmt, sollte ein Namen
wirklich ein Zeichen (omen) setzen, aber einen Namen kann man sich auch
machen. Das ist eh viel wichtiger. Links, sozial, ökologisch, demokratisch
und sehr, sehr aufmerksam mitten unter den betroffenen Menschen.
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