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Dr. André Brie, 29.
September 2004, Antworten für einen Schüler, Klartext, Bad Doberan
Antworten auf die Fragen eines Gymnasiasten zum 7. Oktober 2004
Ehrlich gesagt,
fallen mir die Antworten nicht leicht. Zum einen müsste man für einige
Probleme viel Platz haben, zum anderen - das gilt für die zweite Frage -
sind Gutes und Schlechtes nicht selten auch die beiden Seiten ein und
derselben Medaille. Doch ich will es versuchen.
Frage: "Bei den
Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen haben rechtsradikale
neofaschistische Parteien viele Stimmen bekommen und sind dort jetzt
vertreten. In den Bewertungen wird von einigen Politikern und Journalisten
und auch an meiner Schule gesagt, dass sei besonders auch auf das Leben in
der DDR zurückzuführen und auch die PDS habe daran Schuld. das verstehe
ich nun gar nicht. Würden Sie mir bitte dazu kurz Ihre Meinung sagen."
Die DDR war ein
antifaschistisches Land. Das hat auch das Bildungs- und Erziehungssystem
der DDR geprägt. Dennoch ist es einfach wahr: In Ostdeutschland sind
Positionen, an die rechtsradikale, rechtspopulistische und
neofaschistische Parteien anknüpfen können, noch weiter verbreitet als in
Westdeutschland (auch dort sind sie jedoch alles andere als gering und
ziehen sich durch die ganze Breite der Gesellschaft). Insbesondere trifft
dies auf ausländerfeindliche Haltungen zu, Sehnsucht nach Law and Order,
nach Führung durch einen starken Staat oder starke Politiker. Wie erkläre
ich mir das? Die DDR war kein offenes Land. Auseinandersetzungen fanden
öffentlich kaum statt. Dass es auch in der DDR nazistische Jugendgruppen
gab, durfte nicht publiziert werden, obwohl die Staatsmacht natürlich
gegen sie scharf vorging. Antifaschismus war zudem "gegeben", er musste
nicht von unten, durch die Menschen selbst durch öffentlichen Streit
errungen und durchgesetzt werden. Wenn Menschen selbst kämpfen, es nicht
die führende Partei und der Staat für sie tun, werden Überzeugungen viel
tiefer, ehrlicher, dauerhafter verankert. Dazu gehört für mich eben auch,
dass tiefe, sehr ernsthafte Widersprüche nicht ignoriert werden. Um nur
zwei zu nennen: Auch die antifaschistische DDR entstand durch Millionen
Menschen, die den Nazis bis Fünf nach Zwölf hinterher gelaufen waren. Der
Wandel war gewiss meist ehrlich, aber nicht selten auch oberflächlich. Und
gut erinnere ich mich noch, als in Polen die antikommunistische
Solidarnost-Bewegung entstand, wurde sehr häufig (auch aus der SED heraus)
mit einer Konjunktur von makabren Polenwitzen reagiert, statt sich mit den
gesellschaftlichen Ursachen und den Fehlern in der eigenen sozialistischen
Politik (in Polen wie in der DDR) auseinander zu setzen. Auch die starke
Staatsorientierung des DDR-Gesellschaftssystems (und da haben Menschen ja
auch Viel erfahren, das sie als gut und wichtig empfanden und z.T. wieder
empfinden - Sicherheit, soziale Geborgenheit und Nähe, eine beträchtliche
soziale Gleichheit) wirkt in der ostdeutschen Teilgesellschaft bis heute
nach. Positiv und negativ, denn die Rechte propagiert immer den starken
Staat.
Wer den Neonazis den
Boden entziehen will, muss zumindest die Fakten und Probleme, also auch
die größere Verbreitung rechter Wertorientierungen in Ostdeutschland, zur
Kenntnis nehmen. Egal, wie er sie erklärt. Allerdings: Die PDS hat einen
prinzipiellen Bruch mit der SED-Politik vollzogen. Nicht für die Menschen,
sondern mit ihnen und durch sie, ist unser libertärer sozialistischer
Ansatz. Die PDS hat gegen die Bagatellisierung seitens der Medien und der
offiziellen Politik die Gefahren des Rechtsextremismus immer benannt. Sie
hat darauf hingewiesen und dafür gekämpft, dass die Ostdeutschen
eigenständiger und selbstbewusst in die deutsche Vereinigung gehen konnten
und die gewonnenen politischen Freiheiten auch ein soziales Fundament
erhalten: Arbeit, soziale Gerechtigkeit, Demokratie. Arbeitslosigkeit,
soziale Unsicherheit und Diskriminierung sind eben ein Nährboden für Nazis
und rechte Populisten. Wir haben auch den legitimen und demokratisch
gebotenen Protest mit realistischen und konstruktiven Alternativen für
eine soziale, demokratische und humanistische Politik verbunden, während
die Neonazis Trittbrettfahrer der Anti-Hartz-Proteste sind. Im übrigen
begann unsere Kritik nicht im Herbst 2004, sondern bereits vor zwei
Jahren, als die Hartz-Konzepte verkündet worden, und sich außer der PDS
noch niemand darum kümmerte. Die Behauptungen, Rechte und PDS würden sich
der Proteste bedienen, ist infam und unverantwortlich. Sie lenkt vom
Versagen und von der Verantwortung der etablierten Parteien ab, die weder
die sozialen Sorgen der Menschen ernst nahmen, noch die seit langem
bestehende Gefahr des Rechtsextremismus. Mit der Gleichstellung von Links-
(PDS) und Rechtsextremen wird zudem der Neofaschismus beschönigt. Wer die
PDS ausgrenzt, wird den Rechtsextremismus auch nicht bekämpfen können.
Umgekehrt hat die PDS eine große Verantwortung dafür, dass der notwendige
Protest in Deutschland nach links und nicht nach rechts geht.
Frage: "Am 7.
Oktober würde die DDR, gäbe es sie noch, ihren 55. Geburtstag feiern. Ich
bin 1989 in Rostock geboren, also noch ein Kind der DDR. Aber von der DDR
weiß ich so gut wie nichts. Sie haben in der DDR gelebt. Würden Sie mir
wenigstens 3 Lebensbereiche nennen, die Ihnen gefallen und die Sie mir
heute auch wünschen würden. Und auch 3, die Sie an der DDR kritisieren."
Nun doch ganz kurz,
obwohl es so widersprüchlich ist: 1) Ich möchte zum Beispiel aus der DDR
die soziale Nähe und Sicherheit mitnehmen und lasse mir nicht einreden,
dass soziale Gleichheit und Freiheit sich ausschließen. 2) Ich möchte,
dass das Bildungssystem der DDR - ohne die politische Entmündigung - eine
entscheidende Quelle wird für eine moderne und soziale Erneuerung der
Bildungspolitik in der Bundesrepublik. 3) Die DDR war das Land mit der
größten Dichte von Kultureinrichtungen (Theater, Museen, Orchester,
Jugendeinrichtungen, Kulturhäuser) auf der Erde. Und Kultur war für jeden
Menschen erschwinglich. Die viel reichere Bundesrepublik hat einen
Großteil davon zerstört.
Was ich kritisiere,
sind vor allem die politische Unfreiheit, den Allmachtsanspruch der
führenden Partei und ein starres, bürokratisches Wirtschaftssystem.
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