ANDRÉ BRIE    
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André Brie, Beitrag für "Freitag", 28.11.06 

Politisches Streikrecht und die Pflicht der Linken

 

"Der politische Generalstreik ist gewiß eine der wichtigeren Äußerungen der Massenaktion des Proletariats, und es ist durchaus notwendig, daß die deutsche Arbeiterklasse sich gewöhnt, auch dieses bis jetzt nur in romanischen Ländern erprobte Mittel ohne jeden Dünkel und ohne vorgefaßten Doktrinarismus als eine der Kampfformen zu betrachten, die eventuell auch in Deutschland versucht werden könnten." Das Zitat könnte von Oskar Lafontaine sein, ist allerdings über 100 Jahre alt, entnommen aus dem Aufsatz Rosa Luxemburgs "Sozialdemokratie und Parlamentarismus" vom Dezember 1904.

  Oskar Lafontaine setzt sich längerem für das politische Streikrecht ein, und meiner Meinung nach zu Recht. Hartz IV, die tiefen Schnitte ins soziale Netz, der massive Abbau von Arbeitsplätzen bei gleichzeitig schwindelerregend wachsenden Profiten, der forcierte Rückzug des Staates aus öffentlicher Daseinsvorsorge und insbesondere die unverhohlene Politik, die ganze Gesellschaft den Entscheidungen einer "freien" Wirtschaft zu überlassen, bedeuten für Millionen direkt Betroffene soziale Ausgrenzung und Demütigung und zerstören die soziale und demokratische Verfasstheit der Gesellschaft. Sie erweisen sich im übrigen auch längst als ein gefährlicher wirtschaftspolitischer Humbug. Die Radikalisierung der herrschenden Politik des Sozial- und Demokratieabbaus verlangt auch eine Radikalisierung der geistigen und vor allem der praktischen Kritik dieser Politik. Im Streit um die Formierung einer neuen Linken in Deutschland wird dieser Gesichtspunkt nicht selten ebenso unterschätzt wie der kompetente Realismus der wirtschafts- und finanzpolitischen Positionen Lafontaines, die eigentlich schon seit zwanzig Jahren einer linken Erörterung und Politisierung harren, ohne ihre Aktualität und strategische Bedeutung verloren zu haben. Immerhin hatten sie ihn kurz nach dem Regierungsantritt der ersten rot-grünen Bundesregierung auch zum Feindbild Nummer eins in der britischen und deutschen Boulevardpresse werden lassen. Darüber hinaus, und nicht zuletzt wegen dieser fundierten Überzeugungen und seiner Alternativen, ist Lafontaine für viele Menschen, die die PDS nicht erreichen konnte, gegenwärtig ein nicht ersetzbarer Adressat ihrer Hoffnungen auf eine andere Politik. Das Wahlergebnis der Linken 2005 ist in dieser Hinsicht unmissverständlich.

  In der Forderung nach einem politischen Streikrecht zeigen sich jedoch auch ungelöste Probleme und das dringende Erfordernis einer kritischen Debatte. Sie betrifft nicht nur die Frage eines aktuellen politischen Realismus und der Versuchungen eines linken Avantgardismus. Rosa Luxemburgs Verweis auf die "romanischen" Länder hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt, auch nicht die implizierte Kritik der deutschen politischen Kultur. In Italien sah sich der frühere Ministerpräsident Berlusconi während seiner fünfjährigen Amtszeit gleich mit einem Dutzend Generalstreiks konfrontiert, die sich gegen den Regierungskurs und den massiven Rückbau staatlicher Leistungen richteten. Noch gut in Erinnerung dürften auch die Massenproteste und der landesweite Ausstand im März diesen Jahres in Frankreich sein, mit denen das Gesetz zum Abbau des Kündigungsschutzes für Jugendliche zu Fall gebracht wurde.

  In Deutschland wäre so etwas nicht möglich gewesen. Nicht etwa, weil die Regierungspolitik hierzulande sozialer wäre; die entsprechenden Verschlechterungen waren im Gegenteil sogar viel weiter gehend. Sondern erstens weil die Bundesrepublik neben Dänemark und Großbritannien zu den wenigen europäischen Staaten gehört, in denen politische Streiks als unzulässig gelten. Dabei ist ein ausdrückliches Verbot nirgendwo fixiert. Vielmehr wird die äußerst umfangreiche und detaillierte Regelung zu tarifrechtlichen Auseinandersetzungen und Kampfmaßnahmen als Ausschlusskriterium interpretiert. Ein Vorgehen, mit dem selbst der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages seine Probleme hat: Laut einer im Frühjahr vorgelegten Studie wird das deutsche Arbeitskampfrecht als Verstoß gegen die Europäische Sozialcharta gewertet, die auch für die Bundesrepublik gilt.

  Zweitens - das weit größere Problem - fehlt es Deutschland an der für politische Massenstreiks notwendigen politischen Kultur. Es liegt in der Natur einer großen Koalition, dass parlamentarischer Widerstand nur selten erfolgreich ist. Flankiert wird dies durch das wenig offensive Agieren der Gewerkschaften, was nicht zuletzt ihrer engen Bindung an die Sozialdemokratie geschuldet ist. Die parlamentarische und gesetzliche Änderung greift daher zu kurz. Solange die deutschen Gewerkschaften selbst nicht das politische Streikrecht entschieden einfordern, solange vor allem die Gesellschaft nicht solche Ziele aktiv aufgreift, bleiben die besten Forderungen wirkungslos. Seit zehn Jahren messen Meinungsumfragen in Deutschland eine paradoxe Situation: Etwa 80 Prozent der Menschen wollen grundlegende gesellschaftspolitische Veränderungen, und mehr als 70 Prozent halten sie für unmöglich. Linke Politik hat mehr als andere Politiken eine entscheidende Voraussetzung: Sie kann letztlich nicht für die Menschen, für die sozialen Bewegungen gemacht werden, sondern nur mit ihnen. Natürlich kann die Linke angesichts eines inzwischen dramatischen und vielfältigen Veränderungsdrucks nicht einfach auf das Entstehen solcher Bewegungen warten. Was der Linken in Deutschland jedoch in den letzten anderthalb Jahrzehnten vorzuwerfen ist, ist das viel zu geringe Bemühen, das geistige Klima verändern zu wollen und die dafür erforderliche intellektuelle und organisatorische Kleinarbeit mit unermüdlicher Ausdauer zu leisten.

 
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