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André Brie, 17. Januar 2007,
Beitrag für den "Tagesspiegel"
Plädoyer für die eigene
Souveränität
Ehrungen hat Wolf Biermann
zahlreich erhalten. Die Ehre, auf das Heftigste und von allen Seiten
umstritten zu sein, gehörte immer dazu. Dass der Streit fast immer auch
niedrigste, jämmerlich klein karierte Seiten hat, wird er durchaus
ebenfalls als Ehre empfunden haben. Seinen Gedanken "Nur wer sich ändert,
bleibt sich treu." hat er in einem Maße gelebt, dass seine Möglichkeiten,
sich zu wandeln, inzwischen nahezu erschöpft sind, ihn seine Wandlungen
vielleicht selbst erschöpft haben. Ich muss der Eindeutigkeit halber sagen,
dass ich seine Haltung zu den Irakkriegen für falsch und gefährlich halte,
auch für seine aufrichtige Absicht, Israel zu sichern. Doch die Berliner
Ehrenbürgerwürde hat wohl kaum je ein Mensch dafür bekommen, allen
gefällig zu sein. Ich weiß mich in mancher Differenz zu Biermann und in
viel größerer zu anderen Ehrenberlinern. Aber was für ein Kriterium wäre
das, schon gar gegenüber Biermann, der sich im Laufe seines Lebens fast
jedem quergelegt hat?!
Er hat seine zarten und seine
aggressiven Seiten und Saiten. Wer seine Gedichte und Lieder mal wieder
oder endlich liest und hört, wird ihn gern oder zähneknirschend zu den
großen deutschen Poeten der Gegenwart zählen müssen. Wer um Biermanns
Leben weiß und um die politische Rolle, die er gesucht hat und die ihm
aufgezwungen wurde, wird um ihn gerade in der politischen Stadt Berlin
nicht herum kommen. Seine Ausbürgerung 1976 war nicht die einzige
politische Zäsur in der DDR-Geschichte, aber jene, die das Ende der DDR
erkennbar werden ließ. Die SED-Führung brach nicht nur ein
antifaschistisches Axiom ihrer Verfassung, das Ausbürgerungsverbot, sie
überschrie ihre laute Propaganda der Stärke mit der Botschaft: Wir
vertragen nicht einmal das freie Wort und sind erbärmlich schwach
gegenüber der Kritik von links. Nicht mehr die Emanzipation im System,
sondern von ihm wurde für viele Künstler, Intellektuelle und
Oppositionelle zum erkannten Erfordernis. Ich selbst verstand damals nur
das erste, nicht die Konsequenz. Biermann war kein bewusstloses Opfer, er
war ein verletzter, aber klar denkender Akteur, der zuerst und mit
blutenden Händen die eigenen Mauern einriss. Lange vor jenen Ehrenbürgern
Berlins, die für den Fall der Mauer gefeiert werden, und anders als sie
mit dem ganzen Einsatz seiner Person. Nein, man muss ihn nicht mögen. Aber
ihn und seinen zentralen Platz in der kulturellen und politischen Stadt
Berlin nicht anerkennen - dafür fehlt mir das Verständnis.
Warum also das Hickhack bei SPD
und Wowereit? Wissen sie nicht, dass sie dem politischen Lernprozess ihres
Koalitionspartners längst vertrauen können? Oder verstehen sie so wenig
von der politischen Dynamik, dass sie glaubten, die sicherlich
beabsichtigte Instrumentalisierung der Diskussion durch die Opposition
reiche für eine durchzuhaltende Ablehnung? Und meine Partei? Ihre Berliner
Köpfe sind weit und souverän genug, auch einen so scharfen Kritiker wie
Biermann auszuhalten und wertzuschätzen. Seine entschieden linke Kritik
der siebziger und achtziger Jahre an der DDR und am Parteikommunismus ist
im Grunde in den erklärten Bruch der PDS mit der SED eingegangen. Anders
ist linke Politik im 21. Jahrhundert gar nicht mehr denkbar. Aber sie sind
wohl damit ausgelastet, ihre praktische Politik im so schwierigen Berlin
gegenüber den Anhängern der reinen Lehre (Leere, wäre zutreffender) zu
verteidigen. Sich der eigenen, der neu gewonnenen Werte und Programmatik
zu versichern, für sie in der ganzen Basis aktiv und souverän zu kämpfen,
ihre Missachtung gegenüber Biermann, gegenüber den Opfern des Stalinismus,
auch in Kuba nicht hinzunehmen, wird ganz offensichtlich als sekundär
angesehen. Doch dann wird Geschichte Gegenwart und fällt einem so auf die
Füße, dass man sich nur noch schwer voran bewegen kann. |
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