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André Brie, 4. Juni 2007, Heinrich
Heine "Lutetia", Wiedergelesen, für "Neues Deutschland"
Wiedergelesen: Heinrich Heines
"Lutetia"
Mehr als anderthalb Jahrhunderte
nach Ihrem Erscheinen hat Heines "Lutetia" nichts von ihrer geistigen und
einzigartigen sprachlichen Frische verloren, die einst den politischen und
intellektuellen Mief im heimatlichen Vielstaatenland zwar nicht hinweg zu
wehen mochte, aber so viele Leser seine Unerträglichkeit riechen ließ.
Erlebbar sind dagegen die unendlichen Verluste seitdem an dialektischem
Denken, kosmopolitischer und kulturgeschichtlicher Bildung, sprachlichem
Reichtum und souveräner Ironie. Die aktuellen Berichte, die Heine aus
seinem Pariser Exil an eine deutsche Zeitung schickte, blieben und bleiben
in wechselnder Weise aktuell. Der deutsche Jude, deutsche Dichter und
Pariser Exilant erweist sich als einer der ersten wirklichen Europäer und
als einer, zu dem heutige Europäer immer noch nur staunend und (wenn sie
es könnten) lernend aufblicken müssen. Staaten und Imperien sind
aufgestiegen und untergegangen, Gesellschaften und Kulturen radikal
gewandelt, Heines Imperium aus Geist, Sprache, Kultur und
leidenschaftlichem freiheitlichen und sozialen Engagement hat jeden
Umbruch überstanden und sich vielfach erneuert. Das gilt natürlich nicht
nur für die "Lutetia", doch wer sich die Fähigkeit bewahrt hat oder sie
wieder gewinnt, nicht nur einzelne Sätze und Zitate zusammenzuklauben und
in ihnen Heine zu begraben, könnte durch diese Schrift nicht nur den
quicklebendigen Heine finden, sondern sich selbst zu wiederbelebter
Dialektik provozieren lassen.
Heines "Lutetia. Berichte über
Politik, Kunst und Volksleben" erschien 1854 in zwei Bänden in deutscher,
ein Jahr später in französischer Sprache. Sorgsam hatte Heine dafür die
Artikel, die er von 1840 bis 1844 für die Augsburger "Allgemeine Zeitung"
aus Paris (lateinisch: Lutetia) geschrieben hatte, wieder hergestellt (die
Zeitung hatte sie nicht selten um ihre scharfe Kritik gekürzt oder sie
mildernd verändert) und mit der berühmten französischen Vorrede ("Préface"),
seinem politischen Bekenntnis, sowie einem Zueignungsbrief für den Fürsten
Pückler=Muskau und einigen aktuellen Notizen ergänzt. In der Augsburger "Allgemeine
Zeitung" waren seine Beiträge anonym erschienen, auf den Autor verwies
lediglich ein Davidstern als Kennzeichen, doch nicht nur für die Zensoren
der preußischen und österreichischen Reaktion, sondern auch für die
Leserinnen und Leser waren Heines offener Geist, sein Urteilsvermögen und
ironischer, auch selbstironischer, Witz und seine oft nachgeahmte aber
nicht erreichte Sprache unverwechselbar.
Zu DDR-Zeiten war die "Lutetia"
ein Tipp unter Intellektuellen. Sie war mehr als ein Urlaub fern von der
dürftigen Sprache oder Sprachlosigkeit und der spießigen Kultur der
Politbüroberichte und der Mitteilungen der Zentralvergewaltigung für
Statistik, sie waren ein heilsamer Kuraufenthalt in der Welt der Dialektik
und in einer weltläufigen Kultur. Die "Lutetia" war eine Provokation, mit
der die ideologischen Tugendwächter nicht zu Rande kamen. Die sargten
Heine gern in sein Bekenntnis ein, das dem Kommunismus die Zukunft gehöre,
und die alte Gesellschaft zugrunde gehen müsse, "wo die Selbstsucht gedieh,
wo der Mensch vom Menschen ausgebeutet wurde!" Es war Heine, von dem (aus
der "Lutetia") die in der "Internationalen" zitierte Zeile von der "stärksten
der Parteien" stammt, einer Partei, die durch ihn und die "Allgemeinen
Zeitung" schon vor Marx erfuhr, dass "sie keineswegs ein schwaches
Häuflein" war. Das war die eine Stimme, die Heine zum Kommunismus rief und
der er lange vor seiner Bekanntschaft mit Marx Gehör verschaffte. "Die
zweite der beiden zwingenden Stimmen, die mich behexen, ist noch
gewaltiger und noch infernalischer als die erste, denn sie ist die des
Hasses, des Hasses, den ich einer Partei widme, deren furchtbarster Gegner
der Kommunismus und die aus diesem Grund unser gemeinsamer Feind ist. Ich
rede von der Partei der Nationalität in Deutschland… Aus Hass gegen die
Anhänger des Nationalismus könnte ich schier die Kommunisten lieben." Es
war Heines tiefgründige und weitsichtige Auseinandersetzung mit der (deutschen)
Romantik und ihrem bornierten Heimatbezug, die auch in der "Lutetia" zu
finden ist, die ihn zu seiner furchtbaren und furchtbar eingetretenen
Einschätzung über den deutschen Nationalismus befähigte: „Aber siegt einst
Satan (...), so zieht sich über die Häupter der armen Juden ein
Verfolgungsgewitter, das ihre früheren Erduldungen noch weit überbieten
wird ...“ Mutig und beredsam wie kein anderer in Deutschland und niemand
in Frankreich setzte sich Heine in seinen Berichten aus Paris für die
verfolgten Juden in Damaskus ein und attackierte die erbärmliche Rolle der
französischen Regierung, deren Asyl er genoss.
Heine wusste über den
Kommunismus aber mehr als von seiner geschichtlichen und sozialen
Notwendigkeit zu sprechen. Am 12. Juli 1842 schrieb er über damaligen
Kriegsgefahren: „Doch das wäre nur der erste Akt des großen
Spektakelstückes, gleichsam das Vorspiel. Der zweite Akt ist die
europäische, die Weltrevolution, der große Zweikampf der Besitzlosen mit
der Aristokratie des Besitzes, und da wird weder von Nationalität noch von
Religion die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, nämlich die Erde,
und nur einen Glauben, nämlich das Glück auf Erden.“ Er kannte auch die
Gefahr solcher Verkürzung, "mich beklemmt vielmehr die geheime Angst des
Künstlers und des Gelehrten, die wir unsre ganze moderne Zivilisation, die
mühselige Errungenschaft so vieler Jahrhunderte, die Frucht der edelsten
Arbeiten unsrer Vorgänger, durch den Sieg des Kommunismus bedroht sehen.“
Vielleicht ahnte er deshalb, dass dem "düstren Helden" eine "große wenn
auch nur vorübergehende Rolle beschieden" sein wird. Karl Marx' ebenso
viel zitierte wie wenig beachtete elfte Feuerbach-These - ihre Quelle
findet sich unverkennbar in Heines Bedenken, "dass alle Verbesserung
nichts helfen dürfte, wenn nicht vorher die Verbesserer gebessert würden."
Man muss keinem einzelnen
Gedanken Heines folgen, seinem Denken und seiner Gedankenwelt mit eigenem
Denken zu folgen, lohnt sich allemal und alle Male und noch so lange
Zeiten neu: "Wer sich an das bloße Wort hält, dem wird es leicht werden,
wenn er danach sucht, in meinen Berichten eine Menge von Widersprüchen und
Leichtsinnigkeiten oder gar einen scheinbaren Mangel an ehrlicher
Überzeugung herauszuklauben. Wer aber den Geist meiner Worte auffasst,
wird darin die strengste Einheit der Ansichten und eine unwandelbare Liebe
für die Sache der Menschheit, für die demokratischen Ideen der Revolution,
überall erblicken." (Préface) |
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