Juni 2006: André Brie zum
Informationsgespräch bei der Nordzucker AG
Mit neuen Rahmenbedingungen
eröffnen sich auch neue Möglichkeiten
Der Europaabgeordnete, Dr. André Brie (Die Linke.), informierte sich
am vergangenen Freitag in der Güstrower Zuckerfabrik über aktuelle
Entwicklungen bei den Zuckerproduzenten und die Erwartungen an die
Europapolitiker. - Das Gespräch mit dem Betriebsleiter, Udo Harten, wurde
bereits Ende April im Rahmen der Kreisbereisung der Landtagsfraktion von
Die Linkspartei.PDS angeregt und fand nun in der Güstrower Niederlassung
der Nordzucker AG statt. - Gleich zu Beginn stellte Brie klar, dass die
aktuellen Entscheidungen zum Zuckermarkt nicht durch das EU-Parlament,
sondern durch die EU-Kommission getroffen wurden; er machte aber auch
deutlich, dass die Informationen und Anregungen aus der Beratung in seine
parlamentarische Arbeit einfließen werden.
Der Wegfall der Zuckermarktordnung und damit die massiven Einschränkungen
beim Export des hochwertigen Zuckers aus Rüben haben einschneidende
Wirkung für die Zuckerproduzenten und die Landwirtschaft. Die niedrigeren
Umweltstandards und schlechten Arbeitsverhältnisse in Südamerika
ermöglichen es den dortigen Zuckerproduzenten Preise zu realisieren, die
deutlich unten denen liegen, die bisher in Europa üblichen waren. Der
Wegfall der Ordnung nützt in erster Linie den großmaßstäblichen
Produzenten, die kleinen zuckerproduzierenden Länder werden wohl kaum
einen Vorteil davon haben, so die Einschätzung von Harten. Die
Zuckerproduzenten in Deutschland und Europa sind in Zukunft gezwungen,
sich dem Weltmarkt und dem Preisverfall um etwa ein Drittel der bisherigen
Größenordnung zu stellen. Hierauf sind die Landwirtschaft und
Zuckerproduzenten östlich der Elbe offenbar besser eingestellt als die
Kollegen in den alten Bundesländern. Der Preisverfall
ist zwar ärgerlich und erfordert auch bei den Landwirten entsprechende
Reaktionen, aber er ist i.d.R. nicht Existenz bedrohend. - Die großen, z.T.
aus der DDR-Zeit übernommenen Strukturen in der Landwirtschaft sind in
diesem Zusammenhang offenbar ein echter Produktions- und Standortvorteil.
Unabhängig davon wird man sich aber darum bemühen, die vorhandenen
technischen Ressourcen noch effektiver einzusetzen. Ein Geschäftsfeld, das
vor dem Hintergrund steigender Energiepreise in Zukunft an Bedeutung
gewinnen wird, ist die Nutzung der Zuckerrübe als nachwachsender Rohstoff.
Hier ist insbesondere die Bioethanolproduktion von besonderem Interesse.
Auch wenn noch ein paar technische Aufgaben bis zum großtechnischen
Einsatz gelöst werden müssen, kann davon ausgegangen werden, dass dadurch
die Zuckerrübe für die Landwirtschaft auch dann interessant bleibt, falls
die Produktion von Zucker für die Lebensmittelindustrie zurückgehen
sollte. - Sogar einer Ausweitung der Produktionsmenge wäre im
Einzugsbereich der Güstrower Zuckerfabrik unproblematisch. Im Handel geht
die Nordzucker AG schon jetzt neue Wege; so hat man sich vor Kurzem mit
europäischen Partnern
("Cristal Union" (F) und "ED&F Man" (GB)) zu "Eurosugar"
zusammengeschlossen um besser auf dem internationalen Zuckermarkt agieren
zu können. Bei der Produktion ist die Nordzucker AG, bekanntermaßen ein
Aktiengesellschaft im Eigentum der Landwirte, aber weiterhin eng mit den
Landwirten verbunden. Aus Sicht von Herrn Harten kommt es mit dem Wegfall
der Zuckermarktordnung zu einer Marktbereinigung. Nach seiner Einschätzung
werden die Standorte, die mit ungünstigen Rahmenbedingungen zu kämpfen
haben, wohl kaum "überleben". Die anderen Produktionsstandorte werden sich
darum bemühen die dann vakant gewordenen Quoten zu übernehmen, um die
eigene Existenz langfristig zu sichern. -- Aus Sicht des Standortes
Güstrow ist zu wünschen, dass dieser Prozess möglichst schnell abläuft.
"Zurückdrehen können wir die Uhren sowieso nicht. Dann ist es schon
besser, wenn wir die Talsohle möglichst schnell durchschreiten und mit
geklärten Strukturen weiterarbeiten können. Wenn der Prozess jetzt
verlangsamt wird, werden die Landwirte und die Zuckerproduzenten unnötig
geschädigt", so der Betriebsleiter, Udo Harten.
Der Europaabgeordnete, André Brie, greift dies auf und betont ausdrücklich
die prägende Bedeutung der Landwirtschaft für den ländlichen Raum. "Es
muss gewährleistet werden, dass Landwirtschaft auch in Zukunft noch die
Existenz sichert, aber dies ändert nichts daran, dass Umstrukturierungen
erforderlich sind. Es kann kein Dauerzustand sein, dass fünfundvierzig
Prozent des EU-Haushaltes allein im Bereich der Landwirtschaft gebunden
sind", erläutert
Brie und er ergänzt: "Bei dem Niveau, das die Preise für Primärenergie
inzwischen erreicht haben, macht es offenbar für die Landwirte und die
zuckerherstellende Industrie zunehmend, auch wirtschaftlich Sinn dem
ökonomischen Druck im Lebensmittel-Bereich insoweit nachzugeben, dass
zusätzlich in die Produktion und Verarbeitung von nachwachsenden
Rohstoffen eingestiegen wird."
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