ANDRÉ BRIE    
DIE LINKE | DISPUT-KOLUMNE
 

André Brie, 2. Dezember 2008, Kolumne Disput, Dezember 2008 

Leben im Elend

Ende November wurde der Internationale Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk begangen. Die UNO hatte 1977 mit einer Resolution diesen Tag ins Leben gerufen - und damit an die Verabschiedung des Beschlusses der Vollversammlung im Jahre 1947 erinnert, der die Gründung eines jüdischen und eines arabischen Staates auf palästinensischem Territorium vorsieht.

  Ich brauche an dieser Stelle nicht auszuführen, dass auch mehr als 60 Jahre nach der UN-Entscheidung nicht beide Staaten Wirklichkeit sind. Ganz real dagegen ist das Leid der palästinensischen Flüchtlinge. Nach der Gründung des Staates Israel 1948 und in den folgenden Kriegen wurden hunderttausende Palästinenser zu Vertriebenen. Von etwa 914.000 Menschen, die 1950 in Flüchtlingscamps leben mussten, stieg die Zahl inzwischen auf über 4,6 Millionen. Ihre Lebensbedingungen im Gazastreifen und im Westjordanland, im Libanon, in Syrien und mit Abstrichen auch in Jordanien kann man nicht anders als katastrophal bezeichnen: heimatlos und in den arabischen Nachbarländern - trotz abstrakter politischer Solidarität mit den Vertriebenen - häufig als Fremde oder sogar als Bedrohung betrachtet, kärglich mit Lebensmitteln und Wasser versorgt, der Willkür israelischer Behörden und des Militärs ausgesetzt, oft von Gas und Strom abgeschnitten. Während meiner Reisen in den Nahen Osten habe ich selten größeres Elend als in den Flüchtlingslagern erlebt. Erst vor Kurzem haben die Vereinten Nationen erneut Alarm geschlagen. "Viele Menschen, vor allem im Gazastreifen, zahlen einen hohen Preis und kämpfen Tag für Tag, um genug Brot zu bekommen oder genug Wasser, um ihre Kinder zu waschen", sagte der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Maxwell Gaylard. "Das ist ein massiver Angriff auf die Menschenrechte."

  Damit aber nicht genug. Die Zahl der in den Camps lebenden Menschen wird noch wachsen, schätzt die UNRWA. Diese UNO-Agentur wurde bereits 1950 geschaffen und ist für die Grundversorgung der palästinensischen Flüchtlinge in den Bereichen Schule, Gesundheit und Sozialhilfe zuständig. Mitarbeiter des Hilfswerkes verteilen Lebensmittelpakete an 820.000 Palästinenser, das Welternährungsprogramm hilft weiteren 200.000  Bedürftigen. Mehr als eine Million der 1,5 Millionen Palästinenser könnte ohne internationale Hilfe nicht überleben. Noch schwerer ist die Tatsache zu beschreiben, dass inzwischen die dritte und vierte Generation von Menschen ohne Rechte, ohne Arbeit, ohne Hoffnung heranwachsen.

  So wichtig die Hilfe für die palästinensischen Flüchtlinge auch ist: Sie kann das Grundproblem nicht lösen. "Ohne eine Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge in ihre alte Heimat wird es nie wahren Frieden mit Israel geben können", meinte einst der vor vier Jahren verstorbene frühere Chef der PLO Jassir Arafat. Von der Lösung dieser Frage ist man heute jedoch weit entfernt. Der Friedensprozess liegt auf Eis, die Flüchtlingsfrage ist, um überhaupt eine Einigung zu erreichen, weitgehend ausgeklammert. Seit fast zwei Jahren ist der Gazastreifen praktisch abgeriegelt. Oft werden die Hilfsgüter, die von UNO und internationalen Nichtregierungsorganisationen bereitgestellt werden, als "Strafmaßnahme" an den Kontrollpunkten zurückgehalten. Das alles - die widerrechtliche Besetzung und Abriegelung palästinensischer Gebietes, das praktisch permanente Kriegsrecht, die Errichtung illegaler israelischer Siedlungen, die unzähligen Straßensperren und Verbote auf palästinensischem Gebiet und die weitere Verschärfung des Flüchtlingselends - geschehen unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Dabei wäre gerade der Westen gefordert, zu einer Lösung beizutragen.

  In der Pflicht steht dabei auch die Europäische Union, die ihre Verantwortung, für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten und für die Beendigung des Flüchtlingsleids zu wirken, nicht nur im Nahostquartett sträflich vernachlässigt. Wenn derzeit in den verschiedenen europäischen Gremien der durchaus richtige Ausbau der Beziehungen zu Israel diskutiert wird, muss eines klar sein: Die Sicherheit und die demokratische Verfasstheit Israels sowie ein gutnachbarliches europäisch-israelisches Verhältnis können nur auf der Grundlage einer Lösung des Nahostproblem, der Einhaltung des Völkerrechts und des Schutzes der Menschenrechte gedeihen. "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. ... Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind", heißt es in einem anderen UNO-Dokument, das in diesen Tagen sein 60-jähriges Jubiläum feiert - der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

 
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