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André Brie, Kolumne für den Disput Dezember 2007
Die Linke und die Realität
Machen wir uns nichts vor: Der Linken fehlt es an
Diskussion. Ich meine damit nicht die Auseinandersetzung mit dem
politischen Gegner (obwohl diese wesentlich davon beeinflusst wird),
sondern die sachliche Debatte darüber, wo die Linke steht, wo sie hin will
und welchen Weg sie dafür beschreiten muss. Gerade angesichts der
Neubildung einer Linkspartei, angesichts des schwarz-roten Machtmonopols
in Berlin, vor allem aber vor dem Hintergrund der Krise des
Neoliberalismus und seiner totalitären gesellschaftlichen Zerstörungskraft
wäre diese notwendiger denn je.
Die Linke, in Deutschland wie in Europa, benötigt
Gesellschaftstheorien, Visionen und Programmatik. Der Ausgangspunkt
erneuerter sozialistischer Bewegung kann aber nur die politische Praxis
sein, die konkrete Kritik der kapitalistischen Realität und ihre
praktische positive Veränderung. Für die Bewegung als Ganzes wird es kein
»sozialistisches Modell« mehr geben, in das wir die widersprüchliche
Realität von Gesellschaft, Wirtschaft und Individuum wie in ein
Prokrustesbett zwingen werden. Das macht Nachdenken und Selbstdefinition
viel schwieriger – aber uns wird es offen, konstruktiv und zukunftsfähig
machen.
Eine kluge, effiziente und bündnisfähige Linke ist
unverzichtbar. Der nach dem Ende des Staatssozialismus übrig gebliebene
Kapitalismus will sich offensichtlich zu Tode siegen. Die ihm durch die
Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung und andere soziale Bewegungen und
durch das sozialliberale Bürgertum nicht zuletzt unter den Bedingungen der
Systemkonkurrenz abgerungenen Fesseln sind in den letzten drei Jahrzehnten
erst gelockert, dann zu beträchtlichen Teilen zerbrochen worden. Auch für
die Gesellschaft wird diese Politik bedrohlich. Es entsteht eine Millionen
starke neue Klasse der Ausgegrenzten und sozial Entsicherten, die jedoch
kaum eine gesellschaftliche Widerstandsmacht entwickeln können wird, weil
sie selbst zersplittert ist. Die Spaltung der Gesellschaft hat nicht nur
für jene, die auf der »Verliererseite« stehen, dramatische Folgen: Sie
zerstört Demokratie und demokratische Wertorientierung, Solidarität,
Gemeinsinn und Toleranz. Sie stärkt die ohnehin schon übermächtigen
Wirtschaftsmonopole, die Konzerne und Banken. Sie schwächt die Gegenmacht
der Gewerkschaften und anderer sozialer Kräfte. Die Linke, das ist die
Quintessenz aus dieser Situation, ist gefragt, neu, anders, vor allem aber
existenziell als durchsetzungsfähige Bewegung.
Gesellschaftlicher Protest hat für die Linke immer
eine besondere Rolle gespielt. Aber sozialer und politischer Protest und
entschiedene politische Alternativität ist nicht eine Aufgabe nur für den
parlamentarischen Oppositionsstatus einer linken Partei, sondern auch für
ihre Regierungsbeteiligungen. Zweitens wird eben deshalb eine
verantwortungsvolle Linkspartei auch ihren Protest und ihre
Oppositionspolitik mit der Entwicklung realistischer, rechtskonformer und
finanzierbarer Alternativen verbinden müssen. Denn Protest ohne
realistische Alternativen wird sich rasch erschöpfen und den
gesellschaftlichen Pessimismus verfestigen. Es ist zudem unredlich und
alles andere als emanzipatorisch, wenn wir unsere Politik aufspalten in
eine Politik als parlamentarische Opposition und eine andere für mögliche
Regierungsbeteiligungen.
Dies bedeutet auch: Wer die Linke und das Links-Sein
auf die Partei DIE LINKE beschränkt, liegt falsch. Die Linke ist breiter
und zum größten Teil nicht einmal parteipolitisch organisiert. Sie reicht
in Teile der SPD und der Grünen hinein, über wichtige Teile der
Gewerkschaften und Betriebsräte zu feministischen, antirassistischen und
friedenspolitischen Gruppen, Jugend- und Studentenorganisationen,
globalisierungskritischen und ökologischen Bewegungen bis hin zu
intellektuellen Kreisen in Kirchen, Schulen, Hochschulen, Medien. Bislang,
und auch das ist eine Wahrheit, sind die sozialen und politischen Akteure
einer politischen Alternative jedoch nicht zu einer gemeinsamen
gesellschaftlichen Bewegung fähig.
Die Verantwortung der LINKEN kann sich nicht darin
erschöpfen, eine gewisse sozialdemokratische Korrektur der Politik zu
bewirken. Sie erschöpft sich schon gar nicht darin, Mehrheitsbeschaffer
für die SPD zu sein. Die neue LINKE ist kein vorübergehendes Phänomen. Sie
steht für das strategische Projekt eines grundlegenden Richtungswandels in
Deutschland und in Europa, für die Überwindung des sozial, demokratisch,
ökologisch und auch wirtschaftlich zerstörerischen neoliberalen
Marktradikalismus. Dazu, das ist die komplizierteste Aufgabe überhaupt,
muss sie ihr eigenes Profil entwickeln. Nicht auf dem Papier, in
Konzepten, sondern erlebbar und überzeugend für Millionen enteignete
Menschen, die heute Lösungen benötigen, nicht in einem historischen
Jenseits. |
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