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André Brie,
Disput-Kolumne, 08. Dezember 2004
Jesus hinter der Mauer
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
in wenigen Tagen ist
Weihnachten. Sicher werden viele von euch, von Ihnen das Fest mit der
Familie verbringen, mit Verwandten und Freunden. Vielleicht werden die
Kinder oder Enkel fragen, warum wir den Heiligen Abend feiern. Die
„Bibelfesten“ werden dann die Weihnachtsgeschichte erzählen, andere eine
modernere Variante von Maria und Josef, von Jesus, seiner
Predigerwanderung durchs Heilige Land und den Wundern, die er dabei
vollbracht haben soll.
Heute würde Christus
kaum noch nach Jerusalem gelangen.
Mauern würden ihm
nicht nur einmal den Weg versperren, bis zu neun Meter hoch, oder
Stacheldrahtverhaue, Bunker, von Posten scharf bewacht. Er müsste an
Checkpoints warten, sich von jungen Soldaten erniedrigen und schikanieren
lassen, viele Straßen wären für ihn verboten.
Mehr als 200
Kilometer der Mauer, die palästinensische Autonomiegebiete von
Ostjerusalem und anderen okkupierten palästinensischen Territorien sowie
von Israel abtrennt, sind inzwischen fertig gestellt. Weit über 600 km
wird sie einmal umfassen. Offiziell soll sie das Eindringen von
Selbstmordattentätern verhindern. Tatsächlich ist die Zahl der Anschläge
radikaler Palästinenser zurück gegangen. Die praktische Internierung eines
ganzen Volkes aber hat parallel dazu den Hass auf Israel verstärkt. Vor
allem verläuft die Mauer fast ausschließlich auf palästinensischem Gebiet
und zu 85 Prozent nicht entlang der Grenze von 1967 (der so genannten
"grünen Linie") – ein Landraub, der auch international auf heftige Kritik
stößt. Die Sperranlagen zerstückeln ganz Palästina, sie trennen Jerusalem
von den Westbanks, schneiden die Palästinenser in Abou Dis, Bethlehem oder
Ramallah von ihren Verwandten, von den Krankenhäusern und Schulen in
Ostjerusalem ab. So ist die Mauer eben nur zum Teil Schutz für Israel und
ganz maßgeblich Instrument der Annexion großer Teile Palästinas und der
Zerstückelung (Bantustanisierung) des Restes. Als Folge ist die
palästinensische Wirtschaft praktisch zusammengebrochen. Die
Arbeitslosigkeit ist in den letzten vier Jahren von zehn auf 40 Prozent
gestiegen, in einigen Regionen sogar auf 80 Prozent. Die Zahl der
Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, nahm von 22 auf 50 Prozent zu.
Elf palästinensische
Ortschaften sind rundum von der Mauer umgeben. Qalqilya, das ich im
November besuchte, gehört dazu. 45.000 Einwohner hat die Stadt, komplett
eingeschlossen wie auch die 50.000 Menschen in 32 benachbarten Dörfern.
Qalqilya lag einmal
an der Hauptstraße, die vom Norden in das wenige Kilometer entfernte Tel
Aviv führt. Bauern, Gärtner, Handwerker und Händler lebten gut von ihren
Kunden aus Israel. Nun ist die Straße dicht. Der nördliche Checkpoint ist
geschlossen; nur jener im Südosten ist zumindest stundenweise passierbar.
Die Mauer ist im Süden und Wsten neun, im Norden der Stadt „nur“ vier
Meter hoch, aber mit Stacheldrahtverhauen und Sicherheitseinrichtungen
gibt sie auch dort den Einwohnern Qalqilyas das Gefühl, Gefängnisinsassen
zu sein.
Der etwa
fünfzigjährigen Besitzer einer Gärtnerei, keine 100 Meter von der Mauer
entfernt, erzählte mir, dass er sein Land jenseits der Sperre nicht mehr
bewirtschaften darf. Dort hatten einmal zehn Beschäftigte Arbeit, die
Gewächshäuser sind inzwischen zerstört. Nur seine beiden achtzigjährigen
Eltern leben noch dort. Was er in Qalqilya selbst produziert, findet kaum
noch Käufer. Seine Zitronen- und Orangengehölze, Rosen, Palmen oder die
Zimmerpflanzen gebe er zu jedem noch so niedrigen Preis ab, der ihm
geboten werde. Im Sommer vor vier Jahren habe er einmal einen LKW in das
nahe gelegene Nablus geschickt, doch der wurde von israelischen Soldaten
zwei Tage aufgehalten. Alle Pflanzen waren vertrocknet.
Das israelische
Militär habe ihn mehrfach aufgefordert, seine verbliebenen Gewächshäuser
an der Mauer aufzugeben. Die Planen, mit denen die Pflanzen gegen die
grelle Sommersonne geschützt werden, sind an zahllosen Stellen von
Schüssen durchsiebt. Die Gartenerde müsse er aus Israel beziehen, 200
Dollar je LKW, aber verkaufen könne er nichts mehr dorthin. Wie überleben
Sie? , frage ich ihn. „Es gibt nur einen einzigen Grund: Weil der Tod mich
noch nicht geholt hat.“ Hoffnung hat er nicht. Niemand in der Welt, sagt
er, hat die Macht, Israel zu stoppen.
Doch es gibt ihn,
den – friedlichen – Widerstand gegen Mauer und Besatzung. In Israel und
Palästina. Qalqilyas Bürgermeister gehört dazu. Er versucht derzeit, eine
große Gruppe von palästinensischen und israelischen Bürgermeistern
zusammenzuführen. Er erzählte mir, dass Israel schon 1956 einen Zaun
entlang der Grenze gebaut habe, damals noch auf israelischem Gebiet (Qalqilya
liegt direkt an der „grünen Linie“). Es habe damals oft Angriffe auf die
Stadt gegeben, und im Sechstagekrieg 1967 wurden alle Einwohner für
vierzig Tage evakuiert, fast die Hälfte der Stadt sei damals von
Bulldozern zerstört worden. Die meisten Menschen hier, sagt er, sprächen
auch hebräisch. Es habe bis 1995 viele persönliche und wirtschaftliche
Beziehungen gegeben. Aber dann wurde die Straße unterbrochen, eine
Ringverbindung um Qalqilya herum und schließlich die 14 Kilometer lange
Mauer gebaut. 100 Meter ist der Mauerstreifen inzwischen an vielen Stellen
breit, weitere 45 Meter auf beiden Seiten dürfen nicht betreten werden.
Viel Boden ist den Bauern in dieser dicht besiedelten und
landwirtschaftlich intensiv genutzten Gegend allein dadurch verloren
gegangen. 105.000 Bäume wurden für den Mauerbau gerodet; 33 Häuser, vor
allem Restaurants und Geschäfte, wurden von der Armee gesprengt, mehrere
Menschen bei den Protesten gegen die Enteignungen und den Mauerbau
erschossen.
Der Bürgermeister
vermutet, dass die Stadt mit ihrer Lage am Rand von Tel Aviv
"stranguliert", die Palästinenser zur Abwanderung gezwungen werden sollen.
4000 Menschen sind in den letzten Jahren schon gegangen. Immer wieder
dringe die israelische Armee in Qalqilya ein und nehme Menschen fest. Zum
Schluss fordert er: "Europa muss stärkeren Druck ausüben und geschlossener
auftreten, um das Recht und die Road Map zum Frieden gegen Sharon
durchzusetzen." Wie oft habe ich das während meiner Reise durch Palästina
gehört. Vielleicht ist es sogar gut, dass die meisten Menschen hier nicht
wissen, wie sehr "Europa" sie vergessen hat. Auch zu Weihnachten. |
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