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André Brie, 6. Dezember 2006, Kolumne für Disput
12/2006
Schweigen am grünen Tisch
Nun ist sogar der päpstliche Segen erteilt. Bei
seinem Türkei-Besuch vor wenigen Tagen soll sich Benedikt XVI. für einen
Beitritt des Landes zur Europäischen Union ausgesprochen haben. Auch wenn
die Äußerungen Joseph Ratzingers, der noch zu seinen Kardinals-Zeiten als
vehementer Gegner einer türkischen EU-Mitgliedschaft galt, nicht in dieser
Deutlichkeit gefallen sein sollten - ein Signal sind sie allemal. Dass
Brüssel inzwischen einige Teile der laufenden Verhandlungen auf Eis
gelegt hat, steht jedoch auf einem anderen Blatt.
EU-Europa tut sich schwer mit der Türkei; sehr
schwer auch im übrigen die linke Bundestagsfraktion. Schon die formale
Aufnahme von Beitrittsverhandlungen war im Oktober vergangenen Jahres mit
heftigen Wehen verbunden. Weitgehend einig ist man sich, dass das Land am
Bosporus, das bereits 1959 einen Beitrittsantrag zur damaligen EWG
stellte, nicht länger hingehalten werden kann. Und im Juni einigten sich
die EU-Außenminister buchstäblich in letzter Minute darauf, planmäßig das
erste Kapitel der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu öffnen. Ein
Beleg für das angespannte Verhältnis zwischen beiden Seiten.
Es ist eine komplizierte und brisante Mischung aus
Tatsachen, Befürchtungen und teilweise gegenläufigen Entwicklungen, die
dieses Verhältnis prägt. So war der Papst-Besuch in der Türkei insofern
von Bedeutung, als damit den "abendländisch-christlichen" Gegnern einer
EU-Mitgliedschaft des "muslimischen Reiches" Wind aus den Segeln genommen
wurde. Noch kurz vor der Visite hatte CSU-Generalsekretär Söder wieder
einmal getönt, es gebe eine "grundsätzliche kulturelle Distanz zwischen
der Türkei und Europa". Linke, Liberale, Grüne und Sozialdemokraten hatten
dem immer eine prinzipielle Position entgegen gehalten: Die EU ist
keineswegs ein exklusiver oder gar "christlich-abendländischer" Klub.
Obwohl die aktuelle Realität dem oft widerspricht, muss die europäische
Integration auf demokratischen, sozialen und ökologischen Werten beruhen,
von den unteilbaren Menschenrechten, Frieden und Solidarität bestimmt
werden. Entsprechend den Verträgen ist die EU auch für jedes europäische
Land offen. Und obwohl der größere Teil des türkischen Territoriums in
Asien liegt, trifft dieses Kriterium politisch eindeutig auf sie zu.
Mehr als die religiösen bewegen mich jedoch zwei
andere Aspekte, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun
haben: Die fortgesetzte massive Verletzung von Menschenrechten in der
Türkei und der Streit um die Anerkennung Zyperns durch Ankara. Beide
Themen sollten bei den Beitrittsverhandlungen auf die Tagesordnung kommen.
Wenn man denn überhaupt von ernsthaften Verhandlungen sprechen kann. Das
Gesprächsmandat vom Herbst letzten Jahres war klar. Fair, konkret und
ergebnisorientiert sollte verhandelt werden, hieß es. Vor vier Wochen
konstatierte der so genannte Fortschrittsbericht jedoch die gleichen
Mängel wie vor dem Start des Dialogs, zum Teil sogar Verschlechterungen:
Verstöße gegen die Menschen- und Bürgerrechte in der Türkei, die
halbherzige Umsetzung demokratischer Reformen und die fortgesetzte
Diskriminierung der kurdischen Minderheit. Warum hat Ankara den
Vertrauensvorschuss, der mit der Gesprächsaufnahme verbunden war, so
leichtfertig verspielt? Und warum, so frage nicht nur ich mich, wurde dies
von der EU zugelassen? Vielleicht, weil man eine türkische Mitgliedschaft
denn doch nicht will.
Zudem betreibt Brüssel ganz klar Klientelpolitik.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Kurs der EU gegenüber Ankara
wesentlich von Nikosia und Athen geprägt wird, und sich Regierungen, die
eine türkische EU-Mitgliedschaft ebenfalls ablehnen, dies aber nicht offen
sagen wollen, gern dahinter verstecken. Obwohl der UNO-Plan zur
Überwindung der Teilung Zyperns im griechischen Teil abgelehnt wurde. Und
der Freihandel für den Inselnorden, den Brüssel vollmundig versprochen
hat, steht nach wie vor aus. Warum aber sollte die Türkei, so mag man in
Ankara denken, ihren Teil der Verpflichtungen erfüllen, während die
andere Seite mauert? Wobei, und das will ich an dieser Stelle
unmissverständlich feststellen, insbesondere die Einhaltung der
Menschenrechte keine "Verhandlungsmasse" ist, die bei Bedarf genutzt oder
ausgeklammert werden kann. Auch die Anerkennung Zyperns ist eine
selbstverständliche Forderung. Aber Tatsache ist, dass sich beide Seiten
bewegen müssen, wenn es eine Annäherung geben und der schwelende Konflikt
zwischen Türkei und EU entspannt werden soll. Mit einem Papst-Besuch
allein ist das nicht zu leisten.
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