|
André Brie, 10.
November 2008, Kolumne für „Disput“ November 2008
Peter Sodann und die bundesdeutsche
Demokratie
Wie wurde der
Präsidentschaftskandidat der Linken in den Medien und von den politischen
Gegnern angegriffen, als er im Interview vom undemokratischen Zustand der
Bundesrepublik sprach! Dass ein Künstler immer eine bildhafte Sprache
benutzt, wurde ohnehin ignoriert. Das ist sein Recht, das ist sein
sprachliches Handwerkzeug. Zu ihm gehören die Zuspitzung und eben, die
Probleme bildhaft auf den Punkt zu bringen. Dass das reale Leben
komplexer, breiter, widerspruchsvoller ist als ein Punkt, weiß und
akzeptiert ansonsten jeder. Dennoch wird diese Fähigkeit bei jedem
Künstler bewundert und akzeptiert. Nicht bei Peter Sodann. Die Motive sind
so klar, dass man sie eigentlich nicht erläutern muss. Der marktradikale
politische Mainstream verliert angesichts des Desasters der
Weltfinanzmärkte und der bevorstehenden Weltwirtschaftskrise gerade seine
geistige Vorherrschaft. Sie soll mit dem letzten Aufgebot gegen ihren
Zusammenbruch verteidigt werden: mit Haken und Ösen, Denunziationen und
Verleumdungen.
Die Linkspartei
wird angesichts ihrer Geschichte differenzierter und selbstkritisch sein
müssen (Peter Sodann hat für diese geschichtliche Praxis mit
Gefängnisaufenthalt bezahlt). Auch die formale Seite von Demokratie- und
Freiheitsrechten, das ist unsere Erfahrung, und es war im übrigen eine
Forderung von Friedrich Engels an uns, ist konsequent zu verteidigen.
Doch Peter Sodann
hat Recht, und das muss auch scharf ausgesprochen werden. Die großartigen
Ansprüche des Grundgesetzes, dass die Würde des Menschen unantastbar und
die Bundesrepublik ein demokratischer und sozialer Staat sei, werden von
der Politik mit Füßen getreten. Damit einher ging die Zerstörung von
Politik und Demokratie. Der Journalist Arno Luik sprach im „Stern“ im
Zusammenhang mit der Agenda-2010-Politik der CDU/CSU/SPD/FDP/Grünen daher
sogar von einem Putsch: „Sie nennen es 'Umbau' - doch die Wortwahl
kaschiert nur den qualitativen Sprung in ein anderes Gemeinwesen. Die
Berliner Republik steht für den Abschied von der Solidargemeinschaft. Und
nichts wird von den grundgesetzlich festgeschriebenen Idealen bleiben -
außer auf dem Papier und gelegentlich noch in schönen Reden.“ Er fügte
hinzu, dass diese Politik, den "Staat ruiniert, ihn handlungsunfähig
macht. Die Politik verzwergt." Siegfried Broß, Richter am
Bundesverfassungsgericht, schrieb zur Privatisierung öffentlicher
Aufgaben: „Wenn sich der Staat immer mehr der Wahrnehmung öffentlicher
Aufgaben durch Privatisierung entledigt, verliert er damit Handlungs- und
Gestaltungsräume. Das bedeutet letztlich, dass er großenteils seine
Politikfähigkeit einbüßt.“ Christian Nürnberger, ein prominenter freier
Autor für einige der einflussreichsten deutschen Medien, schrieb schon
1999 in seinem Buch „Die Machtwirtschaft. Ist die Demokratie noch zu
retten?“: „Sie sagen ‚Markt’ – und meinen Macht. Sie sagen ‚Fortschritt' -
und meinen ihre Technik. Sie sagen ‚Freiheit’ und meinen ihren Profit. Sie
sagen ‚weniger Staat’ – und meinen weniger Demokratie.“ Wolfgang Thierse
nannte ein von ihm 1996 herausgegebenes Buch „Ist die Politik noch zu
retten?“; Hermann Scheer forderte „Die archimedische Wende gegen den
Zerfall der Demokratie“.
Ich könnte mit
Heiner Geißler, Helmut Schmidt, dem Labour-Linken Tony Benn und vielen
anderen fortsetzen. Ohnehin habe ich so ausführlich nur zitiert, um darauf
hinweisen zu können, wie drastisch und dramatisch auch viele andere die
Krise der Demokratie benannt haben und benennen. Wie durchsichtig die
Angriffe auf Peter Sodann sind, zeigt sich auch im Schweigen der Angreifer
zu dieser umfangreichen Literatur. Man darf (fast) alles sagen in der
Bundesrepublik Deutschland, es darf nur nicht politisch und
gesellschaftlich wirksam werden.
Dabei ist es
höchste Zeit, die Demokratie gegen ihre fortschreitende Zerstörung, zu
verteidigen. Die Finanzwirtschaft und Großkonzerne, nicht die Politik,
schon gar nicht die Demokratie, bestimmen die wesentlichen
gesellschaftlichen Entwicklungsrichtungen. Die parlamentarische Demokratie
muss gehütet (und durch Formen der direkten Demokratie ergänzt) werden,
aber sie wird von den Parteien zur Vierjahresverwaltung im
Wahlkampfrhythmus genutzt, statt die existenziellen sozialen, ökologischen
und kulturellen Probleme hier und in der Welt zu lösen. Auch das ließe
sich fortsetzen. In einem Buch des leider eingeschlafenen linken „Crossoverprozess“
Mitte der neunziger Jahre, hatte ich gewarnt, dass es den Institutionen
der Demokratie wie den Institutionen der späten Römischen Republik gehe:
Sie sind noch alle da, aber das Cäsarentum steckte bereits in ihnen. Ich
beneide Peter Sodann um die wüsten Angriffe gegen ihn. In diesen Wochen
der Finanzkrise erleben wir, dass der entfesselte Finanzkapitalismus die
Gesellschaft und die Lebenschancen von Millionen Menschen stranguliert.
Wir haben bereits viel zu viel Zeit verloren, die Demokratie gegen seine
Herrschaft ins Feld zu führen. |
|