ANDRÉ BRIE    
PDS | DISPUT-KOLUMNE
 

André Brie, Kolumne Disput, November 2006 

Sozial ist erfolgreich

 

Jedes Mal, wenn eine neue Pisa-Studie über den Wissensstand deutscher Schülerinnen und Schüler vorgelegt wird, folgt mit schöner Regelmäßigkeit ein Aufschrei. Tatsächlich ist es um die Bildung in Deutschland schlecht bestellt. Fast ein Viertel der 15-Jährigen in der Bundesrepublik kann nicht richtig lesen oder versteht den Sinn eines Textes nicht oder nur schwer. Verantwortlich dafür ist in erster Linie das überkommene und marode deutsche Bildungssystem. Die Probleme sind bekannt und groß: die soziale Spaltung, das Fehlen ganztägiger - und bezahlbarer - Betreuungsangebote und warmer Mahlzeiten in den Schulen, die enormen Klassengrößen, der ständige Klassen- und Lehrerwechsel bedingt durch das mehrgliedrige Schulsystem, die Notwendigkeit, Nachhilfeunterricht privat zu finanzieren, die Einführung von Studiengebühren, zu wenig Abiturienten, die zu Akademikern ausgebildet werden, nicht zuletzt die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems... Gerade jene 2,5 Millionen Kinder, die laut einer Übersicht des Deutschen Kinderschutzbundes auf Sozialhilfe-Niveau leben, werden immer mehr zu „Bildungsverlierer“. Soziale Gerechtigkeit und Bildungserfolg für alle sind zwei Seiten der gleichen Medaille. 

Dabei zeigen unsere nördlichen Nachbarn in Europa, dass es auch anders geht. In Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Island besitzt Bildung einen ganz anderen Stellenwert: Während hier über Eliteförderung und kleinstaatlichen Föderalismus diskutiert wird, orientiert sich die Bildungspolitik dort vor allem an den Prinzipien Chancengleichheit und Teilhabe aller. Schon die Vorschule, die Kindergärten, sind in das Bildungssystem integriert und werden meist schon ab dem ersten Lebensjahr angeboten. Damit nicht genug: Jedes Kind hat sogar einen rechtlichen Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Die frühe Förderung und umfassende Betreuung in der Vorschule ist der offensichtlich erfolgreiche Versuch, Bildungschancen unabhängig von der sozialer Herkunft sowie die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Kindererziehung zu sichern.  

 Bemerkenswert ist, dass das in Deutschland eher verpönte Modell der demokratischen Gesamtschulen im Norden ausgesprochen gut funktioniert - was nicht zuletzt die Pisa-Studien belegen. Ein gemeinsames Lernen im selben Klassenverband bis zum 14. oder 15. Lebensjahr ist in den nordischen Ländern üblich und kommt allen Schülerinnen und Schülern zugute. Dem eliteorientierten Ansatz wird ein Konzept der Individualisierung des Lernens entgegengesetzt, bei dem jeder sein eigenes Lerntempo, seine spezifischen Lernmittel und individuelle Anregungen und Möglichkeiten entsprechend des Lernstandes erhält. Schwächere wie auch besonders begabte Schüler werden durch einen speziell auf sie zugeschnittenen Unterricht gefördert. Kleine Klassengrößen tragen dazu bei. Und während in Deutschland die öffentliche Bildung als Halbtagsmodell konzipiert ist, wird in den nordischen Ländern auf ganztägige Bildung und Betreuung gesetzt - eine warme Mahlzeit inklusive. 

Mehr als 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Nordeuropa besuchen nach der Grundschule eine berufsbildenden Schule oder ein Gymnasiums. Und zwei Drittel eines Jahrgangs nehmen nach Abitur oder  Berufsschule ein Studium auf - in Deutschland sind es gerade einmal 38 Prozent. Ganz sicher trägt zu der hohen Quote in den nordischen Ländern bei, dass alle Studierenden staatliche Fördermittel erhalten können. Wer sich hierzulande an den Hochschulen umhört weiß, dass sich viele Studentinnen und Studenten nur mit Nebenjobs über Wasser halten. Und wer kann schon effizient studieren, wenn er am Abend stundenlang in der Kneipe kellnern muss? Zudem werden in den nordischen Ländern allgemeinbildende Schulen, Berufs- und Hochschulbildung ebenso wie die freie Bildungsarbeit und Nachmittagsaktivitäten der Schüler zu 98 Prozent vom Staat finanziert - damit stehen die Angebote nahezu kostenlos für alle zur Verfügung. 

Meiner Meinung nach ist eine umfassende Umgestaltung des gesamten deutschen Bildungssystems unumgänglich. Die nordischen Länder könnten dafür wichtige Impulse geben. Die kürzlich beschlossene Föderalismusreform droht jedoch, die in Deutschland besonders große soziale Spaltung beim Bildungszugang noch durch die Spaltung zwischen reichen und ärmeren Bundesländern zu ergänzen. Dabei zeigt das Beispiel Nordeuropa nicht nur in den Pisa-Studien eines ganz deutlich: Sozial ist erfolgreich.

 
STARTSEITE
 
 
 
ARTIKEL, BRIEFE, PRESSEMITTEILUNGEN, REDEN
DISPUT-KOLUMNE
externer Link SOZIALISTEN.DE
externer Link PDSMV.DE / LANDESVERBAND
MECKLENBURG VORPOMMERN
externer Link PDS-IM-BUNDESTAG.DE
externer Link ROSA-LUXEMBURG-STIFTUNG
 
 
 
HERE YOU FIND SELECTED TEXTS IN ENGLISH.
 
 

ICI, VOUS TROUVEZ DES
TEXTES CHOISIS EN FRANÇAIS.

SEITENANFANG