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André
Brie, Kolumne für “Disput”, 08.
November 2005
Black
sites, Guantanamo und ein Veto
Mitte
Oktober herrschte Aufregung im Weißen Haus. George Bush und seine
Führungsriege waren empört über das, was wenige Straßen weiter, im Kapitol,
gefordert wurde. Für den Präsidenten stand fest: Gegen den Vorstoß der
Abgeordneten wird er massiv vorgehen und notfalls zu einer seiner
schärften Waffen greifen – dem Veto.
Was
war geschehen? Die Parlamentarier hatten über den Militäretat des
kommenden Haushaltsjahres beraten. Insgesamt 440 Milliarden US-Dollar
sollen 2006 für Rüstung, Armee und Kriege bereitstehen. Erwartungsgemäß
gab es keinen Widerspruch gegen das von der Regierung eingebrachte Gesetz.
Die Senatoren fürchteten aber offenbar um den Ruf der Supermacht in der
Welt – und votierten mit 90 zu 5 Stimmen für einen Antrag zweier
republikanischen Senatoren, die "grausame, unmenschliche oder
erniedrigende" Behandlung von Gefangenen durch US-Soldaten oder die CIA
offiziell zu verbieten.
Das
allerdings passte überhaupt nicht ins Konzept von Pentagon, State
Department und Weißem Haus. Deren Abgesandte bemühen sich seither mit
verschiedenen Tricks, wenigsten eine Foltererlaubnis für den Geheimdienst
CIA zu erhalten. Das Gesetz solle "bei der verdeckten Terrorbekämpfung im
Ausland, die sich gegen Terroristen richtet, die keine amerikanischen
Staatsbürger sind”, nicht gelten. Andernfalls werde Bush eben nicht
zustimmen.
Folter, Misshandlungen und Erniedrigungen gehören nicht erst seit den
Anschlägen vom 11. September 2001 zum Arsenal von US-Militär und
Geheimdiensten. Tatsache aber ist, dass diese Praktiken im “Krieg gegen
den Terror” massiv ausgeweitet und intensiviert wurden und vor allem in
geheimen Gefängnissen stattfinden. "Jeder weiß, dass die US-amerikanische
Militärbasis Guantanamo in Kuba, Abu Ghraib im Irak und der afghanische
Luftwaffenstützpunkt Bagram Standorte geheimer Gefängnisse sind", erklärte
Priti Patel von der US-Anwaltsvereinigung Human Rights First Ende Oktober
vor dem UN-Menschenrechtsausschuss in Genf. Was hinter Mauern und
Stacheldraht passiert, lässt sich nur erahnen, aber auch Foltermorde sind
längst bekannt geworden. Zwar hat das Pentagon jetzt eine UN-Inspektion
auf Guantanamo genehmigt. Der Kontakt zu den Gefangenen bleibt den
Inspektoren jedoch versagt.
Guantanamo, Abu Ghraib und Bagram sind aber nur drei Gefängnisse in einem
weltweiten Netz von CIA-Verliesen. Erst vor wenigen Tagen hatte die
“Washington Post” aufgedeckt, dass der US-Geheimdienst nach dem 11.
September 2001 ein verdecktes globales Gefängnissystem eingerichtet hat,
um mutmaßliche Terroristen festzuhalten und zu verhören. Die black sites (schwarze
Standorte – so bezeichnet, weil ihre Namen in Dokumenten geschwärzt werden),
seien nur wenigen hohen US-Beamten sowie den Präsidenten und
Geheimdienstchefs der betreffenden Länder bekannt. Einige dieser teilweise
unterirdischen Kerker sollen sich in osteuropäischen EU-Staaten befinden.
Faktisch bestätigt wurden damit auch geheime Flüge und Landungen von CIA-Flugzeugen
in europäischen Staaten. Dabei werden nicht nur Häftlinge vor der
Öffentlichkeit verborgen in andere Gefängnisse verlegt, sondern auch
gekidnappte “Terrorverdächtige” in befreundete Staaten der USA gebracht.
Offensichtlich, um sie dort unter Folter zu Aussagen zu zwingen. Mehrere
namhafte Medien hatten in den vergangenen Monaten über diese Praxis des
US-Geheimdienstes berichtet und zahlreiche Belege angeführt. Inzwischen
musste sogar die Regierung in Kopenhagen vor dem Parlament einräumen, dass
die CIA im dänischen Luftraum geheime Flüge durchführt.
Die
Europäische Kommission dagegen spielt die Unwissende. Auf meine
parlamentarische Anfrage vom Frühjahr, wie Brüssel auf die
offensichtlichen Verstöße der USA nicht nur gegen Völker- und
Menschenrecht, sondern auch gegen die Gesetze europäischer Staaten und die
staatsbürgerlichen Rechte von EU-Bürgern reagiert, erhielt ich eine
ernüchternde Antwort: Weder die Entführungen von EU-Bürgern noch die Flüge
von CIA-Maschinen seien in Brüssel bekannt. Das gleiche Schema wird nun im
Falle der black sites angewandt. Die Justizabteilung der Kommission werde
der Sache “auf technischer Ebene” nachgehen, eine Untersuchung sei aber
nicht geplant, hieß es.
Rechtsverletzungen, wenn sie denn unter dem Deckmantel der
“Terrorbekämpfung” stattfinden, werden von der EU nicht nur toleriert,
sondern sogar selbst begangen. So soll die „vorsorgliche“ Speicherung von
Telekommunikationsdaten – ob nun Telefon, Handy oder E-Mail – noch bis zum
Jahresende Gesetz sein. Der Datenbestand soll dann “bei Bedarf” den
Strafverfolgungsbehörden, der Polizei und dem Geheimdiensten zur Verfügung
gestellt werden – trotz des Widerstands der Datenschutzbeauftragten. Und
die im vergangenen Jahr vom Europaparlament scharf kritisierte und gegen
geltendes Recht verstoßende Übermittlung selbst intimer Angaben von
EU-Flugpassagieren an US-Behörden ist inzwischen Realität. Europa und die
USA liegen auf einer Linie.
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