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André Brie, 10.
September 2004, Kolumne für „Disput“
Das deutsche Parteiensystem und die PDS
Als die Parteien in
Deutschland im 19. Jahrhundert entstanden, waren sie Ausdruck großer
ideologischer und gesellschaftlicher Strömungen, die sich gegenseitig
nicht nur in Wahlkämpfen, sondern in grundsätzlichen gesellschaftlichen
Auseinandersetzungen heftig bekämpften – der Konservatismus mit seinen
sehr unterschiedlichen Richtungen (reaktionär, gemäßigt-bürgerlich,
katholisch), der nationale und der soziale Liberalismus, die revolutionäre
soziale Demokratie. Die Grünen reflektierten ein Jahrhundert später die
neuen, äußerst drängenden gesellschaftlichen Probleme der Ökologie. Trotz
der beträchtlichen Umbrüche nach 1945, als das katholische Zentrum sich
mit den konservativen protestantischen politischen Kräften zur CDU/CSU
verband und der deutschnationale und der soziale Liberalismus sich in der
FDP vereinigten, gehen die Wurzeln des bundesdeutschen Parteiensystems –
mit Ausnahme der Grünen – bis heute in das 19. Jahrhundert zurück. Auch
die PDS ist nicht nur eine radikal gewandelte Nachfolgepartei der SED,
sondern hebt deren Ursprünge in der sozialdemokratischen und
kommunistischen Bewegung auf. Doch darüber möchte ich hier nicht
schreiben.
Es ist ein anderes
Phänomen, das ich beobachte: Die Parteien ähneln sich immer mehr. Horst
Seehofer kommt mir wie der letzte Sozialdemokrat vor. Gerhard Schröder und
Joschka Fischer machen eine Politik, für die der FDP-Vorsitzende
Westerwelle zu Recht das Copyright beansprucht. Sie bereiten CDU/CSU den
Weg für die endgültige Zertrümmerung des Sozialstaats. Immer mehr Menschen
meinen, dass es sich nicht lohnt zu wählen, Parteien und Politiker machten
doch alle das Gleiche. Natürlich gibt es nach wie vor Unterschiede, doch
die sind eher mehr oder minder wichtige Nuancen ein und derselben
Grundrichtung: des Neoliberalismus, der besser als Wirtschaftsliberalismus
zu bezeichnen ist. Große soziale Interessen, Interessen, Hoffnungen,
Erwartungen, Forderungen von Menschen, die damit nicht übereinstimmen,
werden von diesen Parteien nicht vertreten. Für die demokratische
Verfasstheit und die Teilhabe der Menschen an der Gesellschaft ist das
eine kaum zu überschätzende Gefahr. Rechtsextreme und neofaschistische
Parteien versuchen, die Lücke zu füllen.
Es gibt meiner
Meinung nach mehrere Ursachen für die Annäherung der Parteien. Erstens ist
nicht zuletzt durch die Unternehmerverbände seit den 70er Jahren der
ideologische Siegeszug des Wirtschaftsliberalismus international und auch
in Deutschland akribisch organisiert worden. Es ging und geht um nicht
weniger als ein strategisch angelegtes gesellschaftliches Rollback - gegen
soziale und demokratische Errungenschaften, gegen die Rolle der
Gewerkschaften, für eine von sozialen und anderen Bindungen befreite
Wirtschaft, für eine "Ökonomie der Enteignung" (Christian Zeller).
Lehrstühle für Wirtschaftspolitik an den Hochschulen sind fast ausnahmslos
in der Hand dieser ideologischen Richtung. Medien, Lehrpläne an den
Schulen, zwei Politikergenerationen sind davon geprägt. Modernisierung
(und wer wollte schon eine unmoderne Gesellschaft), Deutschland verarme,
es gebe keine Verteilungsspielräume mehr - die Gesellschaft müsse sparen,
Privatisierung, Deregulierung und freier globaler Wettbewerb seien die
elementaren Wachstumsvoraussetzungen, der Sozialabbau und diese Politik
überhaupt seien ohne Alternative - das sind wesentliche Schlagworte und
Inhalte, die längst auch große Teile des allgemeinen politischen
Alltagsdenkens bestimmen. Wer Binsenwahrheiten benennt, beispielsweise
dass ohne wachsende Massenkaufkraft keine moderne Ökonomie wachsen könne
(wobei natürlich ökologische Probleme und die Notwendigkeit verringerten
Ressourcenverbrauchs berücksichtigt werden müssen), gilt als
rückwärtsgewandt. Selbst viele Betroffene der Sozialkürzungen und
Kommunalabgeordnete sind ratlos, weil das Gerede über das fehlende Geld
tief in die meisten Köpfe eingedrungen ist. Die statistische Tatsache,
dass die Gesellschaft 2004 rund 8 Prozent reicher ist als beim
"rot-grünen" Regierungsantritt 1998 (wobei dieser Reichtum sich in wenigen
privaten Haushalten konzentriert), ist gar nicht so leicht vermittelbar.
Zweitens: Die
parlamentarische Demokratie ist in der Krise. Die Parteien haben - nicht
zuletzt unter den Eindruck des Wirtschaftsfundamentalismus - ihr eigenes
ideologisches und gesellschaftspolitisches Profil geschliffen und den
Parlamentarismus einem vierjährigen Wahlkampf und der Verwaltung (selbst
geschaffener) Sachzwänge geopfert. Welche Partei, welches Personal
regiert, hat Vorrang vor den programmatischen Orientierungen und
langfristiger gesellschaftlicher Strategie. Das SPD-Parteiprogramm und
selbst die Wahlprogramme der Grünen und der SPD von 2002 sind auch für die
Politiker dieser Parteien das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.
Drittens: Die
heutigen Gesellschaften sind sehr komplex und zugleich außerordentlich
ausdifferenziert. Das trifft auch auf die großen sozialen Klassen und
Schichten zu, die sozial und kulturell sehr heterogen geworden sind. Das
bedeutet nicht, dass es keine sozialen Grundlagen mehr gäbe für
sozialdemokratische, liberale, konservative oder
demokratisch-sozialistische Politik. Aber die möglichen Akteure und
Adressaten haben sehr unterschiedliche, auch widersprüchliche eigene
Interessen, Erfahrungen, Forderungen.
Was heißt das
alles für die PDS? Ich kann meine Antworten hier nur grob skizzieren. Zum
einen bin ich überzeugt, dass die PDS sich dem Anpassungsdruck verwehren
muss, ohne in ein Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen oder die großen
Veränderungserfordernisse auch für linke und soziale Politik zu
ignorieren. Zum anderen muss linke Politik einen großen Fehler der
Vergangenheit überwinden und fähig und bereit sein, die
Widersprüchlichkeit und Differenziertheit der Gesellschaft und Politik
produktiv zu machen. Bundespolitik, Landes- und Kommunalpolitik oder
soziale Bewegung stellen unterschiedliche Anforderungen.
Regierungsbeteiligung auf Landesebene oder kommunale Verantwortung
kollidieren gewiss oft mit unseren gesellschaftspolitischen Überzeugungen,
aber sie haben ihre autonomen Bedingungen, die genutzt werden können und
müssen (ohne prinzipienlos zu werden). Widersprüche anzunehmen ist eben
kein Zentrismus, sondern eine große und unerlässliche kulturelle und
politische Herausforderung. Schließlich: Die PDS muss sich im Klaren sein,
dass sie gegenwärtig keinen parteipolitischen Partner auf bundes- und
gesellschaftspolitischer Ebene hat. Auch wenn mittelfristig darauf zu
hoffen und darum zu ringen ist, dass die SPD sich ihrer Tradition und
ihrer kapitalismuskritischen Verantwortung wieder besinnt, gegenwärtig
steht sie für den notwendigen grundlegenden politischen Richtungswechsel
nicht zur Verfügung und hat sich gerade in dieser Hinsicht auch bei vielen
Menschen und Bewegungen diskreditiert. Zehn bis fünfzehn Prozent der
Menschen in der Bundesrepublik aber wollen konkret und bereits heute einen
solchen Richtungswechsel. Die PDS darf keinen Antisozialdemokratismus
zulassen und ebenso nicht ignorieren, dass eine schwarz-gelbe Regierung
die Beseitigung des Sozialstaates noch beschleunigen würde, aber
gegenwärtig kann und darf die PDS sich auf Bundesebene nicht als
Bestandteil des "rot-grünen" Lagers, sondern sich mit Bescheidenheit,
Offenheit und Selbstbewusstsein zugleich als Partei eines prinzipiellen
politischen Richtungswechsels definieren.
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